Melania Trump bleibt ihrer Rüstung treu
Beim historischen Staatsbesuch der Trumps zeigt sich die First Lady erneut in Looks, die mehr verbergen als zeigen. Was die einen elegant finden, bietet den anderen Anlass zu Spott. Nutzt Trump ihre Outfits für Mode-Diplomatie – oder steckt Selbstschutz dahinter?
Das dürfte Donald Trump gefallen: Als erstes Staatsoberhaupt kommt er derzeit bereits zum zweiten Mal in den Genuss eines Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Dieser Besuch wird zwar von Protesten begleitet – in der Nähe von Windsor etwa wurden Bilder des US-Präsidenten und des in Haft verstorbenen Jeffrey Epstein aufs Schloss projiziert, es kam zu Festnahmen –, aber Trump dürfte seinen großen Auftritt genießen.
Mit Königin Elizabeth II. hatte es 2019 nicht ganz so gut funktioniert; als „very rude“ soll sie ihn bei seinem ersten Staatsbesuch wahrgenommen haben. Damals bewies Trump, dass die hohe Kunst der Manieren nicht gerade sein Lieblingsmetier ist – etwa indem er der Königin und seiner Gattin vorausging. Diese wiederum trug während des Besuchs vor allem Outfits ganz in Weiß: sehr figurbetont, sehr im „Hollywood Glam“-Stil.
Sechs Jahre später soll alles anders werden – und schon jetzt ist klar: Der Stil der First Lady ist zweifellos ein anderer geworden. Vorbei die Zeiten der hochtoupierten Haare und der langen weißen Handschuhe zur Abendrobe, der kokett-schräg auf dem Kopf sitzenden Hüte, die den Blick auf die langen Kunstwimpern freigaben.
Den neureichen Bling-Bling-Look hat die 55-Jährige ausgetauscht – gegen im Wind wehende Haare zum extralangen Burberry-Mantel mit hochgeschlagenem Kragen und flachen Lederstiefeln von Christian Dior „Empreinte“. Und gegen jenen strengen, nahezu militärisch akkuraten Stil, mit dem sie schon bei der zweiten Amtseinführung ihres Mannes als US-Präsident im Januar für Aufsehen sorgte.
Aber zunächst zum Mantel: Das lange Burberry-Modell im charakteristischen Honig-Beige der Traditionsmarke trug sie bei ihrer Ankunft. Vanessa Friedman, Chefmodekritikerin der „New York Times“, wird vielfach damit zitiert, dass es sich hierbei um ein Beispiel für Mode-Diplomatie handeln könne. Und das, nachdem Friedman nach dem Staatsbesuch 2019 noch über das mögliche Ende eben dieser Mode-Diplomatie geschrieben hatte. Auch damals zeigte sich Trump in Burberry, aber eben auch in Celine, Dolce & Gabbana und Michael Kors. Eine klare diplomatische oder gar stilistische Linie war nicht erkennbar.
Der aktuelle Griff zum klassischen Burberry-Mantel, der bei jedem (am Ort des Geschehens erwartbaren) Windstoß den Blick auf das typisch gemusterte Innenfutter freigibt, ist natürlich besonders interessant mit Blick auf die Politik ihres Mannes, der sich bekanntermaßen der Stärkung der US-Wirtschaft verschrieben hat – zu der auch die Modeindustrie zählt. Ob es sich hier um eine höfliche Geste seitens Melania Trump an die Gastgeber handelt oder um eine Ansage an jene US-Designer, die sich bisher scheuten, mit ihr in allzu enge Verbindung gebracht zu werden, weiß wohl nur die First Lady selbst.
Dass sie ihre Gefühlsregungen am liebsten für sich behält, ist spätestens seit diesem Januar der ganzen Welt klar. Unvergessen ist der dunkle Hut, unter dem sie damals ihre Augen verbarg und mit dessen Krempe sie gleich auch noch ihren soeben vereidigten Gatten auf Abstand hielt. Begrüßungsküsse hatte sie vom Kronprinzenpaar William und Kate vermutlich nicht erwartet – ihrem bewährten Hutstil blieb sie aber auch jetzt treu: Trump erschien auf Schloss Windsor in einem dunkelgrauen Kostüm von Christian Dior und einem Hut in dunklem Lila, unter dessen breiter Krempe ihre Augen fast ganz verborgen waren. Detailverliebten Beobachtern fiel sogleich auf, dass die Farbe des Hutes auf dem Kopf der First Lady und jene der Krawatte ihres Gatten perfekt aufeinander abgestimmt waren.
Man kann diesen zurückhaltenden Look in dunklen Tönen als Ausdruck von Sachlichkeit deuten und als Zeichen, dass hier jemand nicht im Mittelpunkt stehen möchte – wohl wissend, dass man genau das als First Lady der USA im Allgemeinen und als Gattin Trumps im Besonderen unweigerlich tut. Weniger sachlich ging es in den sozialen Netzwerken zu: Dort wurde der Hut etwa mit einem Lampenschirm verglichen oder die schon bei der Amtseinführung beliebte Parallele zum „Hamburglar“-Hut gezogen. Vor allem aber wundert man sich. Darüber, warum diese Frau ihre Augen so stoisch vor der Welt verbirgt – und warum sie sich so oft in strengen Silhouetten zeigt.
Letzteres wurde besonders im direkten Vergleich zu Prinzessin Kate deutlich. Zwar trug auch sie bei der Begrüßung ein Outfit in einem dunklen Ton – ein Mantelkleid von Emilia Wickstead in tiefem Burgunderrot, das sie schon mehrfach bei offiziellen Anlässen präsentierte –, aber allein dessen schwingender Rock und der dazu kombinierte Hut von Jane Taylor mit Satinschleife und Schleier über dem erhellten Haar ließen ihre Erscheinung viel weicher, offener wirken.
Selbst Königin Camilla erschien in ihrem fast leuchtend kobaltblauen Mantel in A-Linie von Fiona Clare und einem schräg auf dem Kopf drapierten Hut von Philip Treacy regelrecht verspielt, fast mädchenhaft. Aber immerhin: Melania Trump wurde auch lächelnd gesichtet – und gab in einigen wenigen Momenten, in denen sie den Kopf hob, den von vielen so herbeigesehnten Blick auf ihre Augen frei.
Es wäre ein Leichtes, einzustimmen in den Chor derer, die Trumps Kleider- und vor allem ihre Hutwahl erneut hämisch kritisieren. Auch wenn beides mitunter Rätsel aufgibt: Ihre Bemühung, auf der Klaviatur der Mode-Diplomatie zu spielen, ist erkennbar – und der Wunsch, einer Welt, in der viele nur darauf warten, dieser First Lady, die vermutlich nie eine werden wollte, ihre Fashion-Fehlgriffe verbal um die Ohren zu hauen, nicht alles preiszugeben, verständlich.
Natürlich kann man sich fragen, ob es allzu diplomatisch ist, in einer Zeit der um sich greifenden militärischen Krisen ausgerechnet mit einem fast uniformartigen Look aufzufallen. Aber: Wäre die Wahl auf betont feminine, weich fließende Kleider gefallen, hätte es wohl nicht lange gedauert, bis Vorwürfe des Rückfalls in konservative Tradwife-Klischees laut geworden wären. Dazu passt auch der extra lange Mantel mit dem hochgeschlagenen Kragen, der zwar lockerer fällt als das Dior-Kostüm, aber dennoch wie ein Schutz wirkt.
Und wer weiß: Vielleicht helfen die breiten Hutkrempen der First Lady ja tatsächlich, zumindest kurz den Blick von ihrem so oft erratisch handelnden Gatten abzuwenden – und sich für einen Moment einfach mal zu erholen.
Source: welt.de