Meinung: Es schneit? Wie schön! Hört uff zu jammern und genießt es
Sie haben genug vom Schnee und können es kaum erwarten, dass der Frühling kommt? Ich sage: Feiern Sie den Winter, solange er noch da ist – wer weiß, wann er wiederkommt.
Wir jammern schon wieder. Spätestens seit gestern höre ich überall Leute klagen, dass es schon wieder schneie. Der Schnee mache alles mühsamer, sagen sie: den Weg zur Arbeit, den Einkauf, den regelmäßigen Sport, den Alltag eben, ja das Leben im Allgemeinen – und das ist ja bekanntlich schon mühsam genug. Wer könne da schon Schnee und Eis brauchen, so mitten im Winter? Also wirklich! Wärmer werden solle es, endlich!
Ich kann das schon verstehen. Auch ich hadere mit der Kälte, mit rutschigen Fußwegen und Schneematsch auf den Straßen. Aber ich versuche, die Vorteile zu sehen und mich in Gleichmut zu üben. Wozu sich über das Wetter aufregen, wenn man es eh nicht ändern kann? Und haben wir uns nicht endlich wieder einen richtigen Winter gewünscht? Nun, hier ist er. Also genießen wir ihn, gehen raus und machen etwas Schönes, sei es rodeln, herumspazieren, Eisschollen gucken oder ein paar Schneebälle werfen in der Mittagspause.
Der Schnee bringt endlich Ruhe
Vor einigen Jahren hat der Kieler Philosoph Ralf Konersmann ein bemerkenswertes Buch geschrieben, „Die Unruhe der Welt“. Seine These: Die Unruhe plage nicht erst seit der Moderne die Menschen, sondern schon immer. Zugleich bemühten sie sich um Zufluchtsorte und -zeiten, die es ihnen erlauben, aus dem Treiben und Getriebensein herauszutreten, etwa in der Natur oder im Kloster oder im Ayurveda-Resort, am Wochenende oder im Urlaub. Ich meine: Der Winter hilft uns dabei, sogar im Alltag, wenn sich der Schnee wie eine Decke über die Welt legt. Und Ruhe bringt.
Ein bisschen Schnee – und der Weg zur Arbeit wird zum Abenteuer. Aber auch das kann das Leben bereichern. Immerhin, die U-Bahn in Hamburg fährt © Picture Alliance / dpa
Warum also nervt uns der Winter nach so kurzer Zeit? Warum empfinden wir ihn als Zumutung, sobald er hält, was er verspricht, und sich auf Kernkompetenzen wie Kälte, Schnee, Eis konzentriert? Sind wir vielleicht Wunschmaschinen, denen man es nicht recht machen kann, weil wir ständig Abwechslung brauchen und schnell gelangweilt sind?
Wir wünschen uns, was wir nicht haben
Womit wir beim Märchen vom „Fischer und seiner Frau“ wären – jener Ilsebill also, die sich immer mehr wünscht, nie zufrieden ist und am Ende allen Reichtum wieder verliert. Gier und Maßlosigkeit als Schlüssel zum Unglück – das sollte uns eine Lehre sein. Den Umkehrschluss formuliert Christine Thürmer, die nach eigenen Angaben meistgewanderte Frau der Welt: „Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen“, sagt sie, frei nach dem lateinischen Sprichwort „Per aspera ad astra“.
Mehr als 70.000 Kilometer ist Thürmer bereits gegangen: von Mexiko nach Kanada, von Andalusien bis zum Nordkap, von Santiago de Compostela bis zum Schwarzen Meer, jedes Jahr kommen 4000 bis 5000 Kilometer dazu. Weil sie unterwegs auf vieles verzichtet, weiß sie zu schätzen, was andere normal finden – eine Matratze, eine warme Dusche, Sonnenschein nach Dauerregen oder eine Tafel Schokolade. „Darüber kann ich mich tagelang freuen“, sagt sie. Aber nur, wenn sie vorher Widrigkeiten wie Regen, Kälte, Hunger, Erschöpfung durchstanden habe.
Durch Verzicht zum Glück
Christine Thürmer lebt sicher ein Extrem. Aber auch wir können unsere Glücksschwelle absenken. Selbst für Schneefeinde hat das etwas Tröstliches: Wenn wir jetzt ein paar Wochen auf Wärme und Licht verzichten, werden wir sie umso mehr zu schätzen wissen, sobald sie wieder in unser Leben treten. Es kann sich nur noch um Tage handeln.
Glück ist vergänglich, Schnee auch. Wer weiß denn schon, wie der nächste Winter wird? Spätestens wenn es ab Ende des Jahres monatelang bei neun Grad nieselt, werden wir den Schnee vermissen. Und jammern, dass es doch endlich wieder schneien solle.
Denn jammern, das können wir.
Source: stern.de