Meinung: Es ist kaum mehr zu ertragen
Tag für Tag wirft uns Trump seine Gedanken hin. Heute sagt er das Gegenteil von gestern, morgen das Gegenteil von heute. Es ist zum Verzweifeln. Gönnen wir ihm eine Pause. Und uns.
Der Iran bettelt um Verhandlungen. Nein, er fleht sogar um einen Waffenstillstand. Die USA haben den Krieg schon gewonnen. Alle Ziele sind erreicht. Alles ist zerstört. Alle sind tot. Raketen. Flugabwehr. Marine. Führungsriege. Das angereicherte Uran? Ach, liegt tief in der Erde. Keine Gefahr, darum führt man doch keinen Krieg.
Aber vielleicht schicken wir auch noch Bodentruppen, ja warum nicht? Spezialkommandos. Navy Seals. Fallschirmjäger. Erobern Kharg. Die Inseln in der Straße von Hormuz. Die Nato? Lässt uns im Stich. Trittbrettfahrer. Wir müssten austreten, spätestens jetzt sofort. Denn eigentlich brauchen wir unsere Partner gar nicht, wie sind doch das größte und mächtigste Land der Welt mit dem größten und mächtigsten Militär der Welt und dem größten und mächtigsten Präsidenten der Welt, ach was, den die Welt jemals gesehen hat, also mir Donald J. Trump.
Es ist kaum mehr zu ertragen.
Und wäre die Lage nicht so ernst, würde es nicht um Menschenleben gehen, um einen Krieg, ein skrupelloses, die eigene Bevölkerung mordendes Regime in Teheran, um regionales Chaos und wirtschaftliche Verwerfungen, die die ganze Welt, auch uns, treffen: Es wäre lächerlich.
Trump ist ein Narzisst sondergleichen
Tag für Tag, Stunde um Stunde, manchmal im Minutentakt, wirft uns der amerikanische Präsident seine Gedanken hin, seltsamen Brocken gleich, und Tag für Tag, Stunde für Stunde, ist das schwerer zu ertragen. Trumps Handynummer kursiert inzwischen recht offen in Journalistenkreisen in Washington, und immer häufiger rufen Redakteure einfach bei ihm an und bekommen zwischen Oval Office und Golfplatz ein schnelles Interview, mit ebenso häufig seltsamen Inhalten. Man schämt sich fremd, windet sich innerlich. Wie, bei allen Heiligen der Demokratie, kann es sein, dass jemand diesen Mann in dieses mächtige Amt bugsiert hat, in dem er fast alles tun und vor allem sagen kann, was er will, und wir müssen das alles über uns ergehen lassen? Welcher Gott will uns auf die Probe stellen?
Trump ist ein Narzisst sondergleichen – Psychologen sehen übrigens auch Anzeichen von Demenz –, sein von Speichelleckern poliertes Ego überdeckt inzwischen alles, was an strategischer und taktischer Intelligenz womöglich einmal vorhanden gewesen ist. Trump überzieht die Hauptstadt Washington mit fassadengroßen Plakaten, auf denen er prangt. Demnächst heißt der Flughafen in Miami nach ihm, und auch eine Dollarnote soll seine Unterschrift tragen, das gab es noch nie bei einem amtierenden Präsidenten. Und sollte ein Amerikaner wieder einen Fuß auf den Mond setzen, dürfte auch der Erdtrabant wohl einen neuen Namen bekommen, als Donald J. Trump-Mond.
Es ist zum Verzweifeln.
Trump übte lange eine Faszination auf uns aus, so ehrlich sollten wir sein. Er ist ein Entertainer, er weiß, welche Saite er anschlagen muss, um sein Publikum gefangen zu nehmen. Seine Wahlveranstaltungen glichen Partys, für die Leute Stunden anstanden, dagegen waren die Events von Joe Biden Begräbnisreden. Und ja, Asche auf unser Haupt, vielleicht haben auch wir Journalisten ihn mit groß gemacht, weil wir wussten: Er bringt Quote, er bringt Klicks, er bringt Abos.
Aber es kann so nicht weitergehen – auch wenn Donald Trump der mächtigste Mann der Welt ist. Wir dürfen nicht weiter über jedes Stöckchen springen, das er uns hinhält. Wir müssen lernen, ihn zu ignorieren.
Keep Calm and Carry On
Natürlich, der Einwand ist ja berechtigt, können wir als Bürger der Bundesrepublik Deutschland den amerikanischen Präsidenten nicht vollkommen außer Acht lassen. Die Regierung in Berlin noch weniger. Aber ein klein wenig. Lassen wir ihn doch mal zetern – er wird am kommenden Tag vergessen haben, was er gesagt hat. Oder er wird das Gegenteil davon sagen. Oder beides. Oder etwas ganz Anderes.
Trump ist immer auch so groß, wie wir ihn machen. Manchmal scheint er sich gerade an der negativen Energie, die ihm entgegenschlägt, zu berauschen, sich davon zu ernähren, er saugt uns die Luft weg, mit der er dann sich und sein Ego aufbläst. Er braucht das. Gönnen wir ihm eine österliche Diät. Bleiben wir gelassen.
Vielleicht lernen wir ein wenig von den Briten. Auch deren Premier Keir Starmer wird ständig von Trump verspottet, er sei kein Churchill und eine Navy hätten die Briten ohnehin nicht mehr. Starmer aber lässt das, nicht ungeschickt und very british, an sich abperlen, was übrigens seine bislang eher bescheidenen Beliebtheitswerte in die Höhe schnellen lässt; lernen wir also von ihm und den Seinen: Keep Calm and Carry On.
Source: stern.de