„Meine Geduld hat unumkehrbar ein Ende“ – Sachsens Innenminister kündigt politische Konsequenzen an

Das Zweitliga-Duell zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC wurde von Krawallen überschattet. 750 Polizisten verhinderten Schlimmeres. Nun ziehen die Beamten eine erste Bilanz. Sachsens Innenminister wird deutlich.

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Der glückliche Sieg bei Dynamo Dresden in Unterzahl und nach einem gehaltenen Elfmeter ist für Herthas Trainer Stefan Leitl völlig in den Hintergrund gerückt. Nach dem Skandal-Abend mit zwei Spielunterbrechungen aufgrund von Pyrotechnik und einem Platzsturm kann er das 1:0 seiner Hertha nur schwer einordnen.

„Ich wurde angesprochen, was überwiegt? Ich freue mich für meine Mannschaft. Ich freue mich, dass wir das Spiel gewonnen haben, denn es geht um den Sport. Alles andere hat auf dem Fußballplatz nichts verloren. Für Fußball-Deutschland ist es schon sehr enttäuschend, was heute Abend hier leider in Dresden passiert ist“, sagte Leitl. Weiter ergänzte der Hertha-Trainer: „Zwei großartige Klubs, ein tolles Stadion, die Rahmenbedingungen sind nahezu perfekt, um einen Fußballabend genießen zu können, dann so etwas.“

Auf den Platz stürmende Fans sorgten für einen Eklat bei der Partie. Zuvor hatten beide Fanlager Pyrotechnik gezündet. Dann sprangen plötzlich Hertha- und Dynamo-Anhänger über die Zäune. Die Dresdner Anhänger rannten vermummt quer übers Spielfeld in Richtung Hertha-Fanblock. Beide Fanlager schossen Pyrotechnik hin und her.

Schiedsrichter Sven Jablonski musste die Zweitliga-Begegnung unterbrechen und schickte die Teams nach den Krawallen in die Kabine. Für seinen professionellen Umgang mit der schwierigen Lage bekam er Lob von beiden Trainern. Unterdessen versuchten Polizisten, die Dynamo-Anhänger zurück in ihren Block zu drängen. Es kam zu Jagdszenen auf dem Platz. Im Block wurde dann eine Hertha-Fahne abgebrannt.

Krawalle sind Thema der nächsten Innenministerkonferenz

Der sächsische Innenminister Armin Schuster (CDU) verurteilte die Ausschreitungen scharf und drohte Konsequenzen an. „Nach diesem erneuten Skandalspiel kann es für die weiteren Verhandlungen oder Gespräche kein Pardon mehr geben. Meine Geduld hat hier endgültig ein Ende“, sagte Schuster.

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Die Vorkommnisse am Samstagabend stünden symbolisch für eine „Gewaltfolklore“ in deutschen Fußballstadien und stellten den gesamten bisherigen Verhandlungsweg mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) infrage.

„Die Ergebnisse einer präzisen Aufarbeitung dieses Spiels durch die Vereine und die Stadt in Zusammenarbeit mit der Polizei lasse ich mir persönlich vorlegen“, betonte Schuster. „Der Charakter einer kommenden Innenministerkonferenz wird auch maßgeblich davon geprägt sein, wie drakonisch die Konsequenzen sind, die aus diesen Krawallexzesse gezogen werden. DFB, DFL und die Vereine können nur noch mit Wirkung überzeugen.“

600 Hertha-Fans reisen vorzeitig ab

Noch in der Nacht gab die Polizei Details zu ihrem Einsatz bekannt. „Während des Spiels wurde in den beiden Fanblocks wiederholt Pyrotechnik abgebrannt. Daraufhin musste die Fußballbegegnung kurzzeitig unterbrochen werden. Weiterhin überstiegen Gästefans eine Absperrung und drangen in den Innenraum ein, was durch das eingesetzte Sicherheitspersonal nicht verhindert werden konnte“, hieß es in einer Mitteilung. „In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen mit Heimfans, von denen ebenfalls etwa 60 Absperrungen überwunden hatten. Einsatzbeamte betraten daraufhin den Innenraum des Stadions und trennten die beiden Lager. Das Spielfeld wurde in der Folge durch die Polizei gesichert.“

Insgesamt seien 750 Beamte im Einsatz gewesen. Teile von ihnen begleiteten auch die vorzeitige Heimreise von rund 600 Gästefans. Es wurden mehr als ein Dutzend Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, Beleidigung sowie Ticketbetrug eingeleitet. Angaben über Verletzte gab es zunächst nicht.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wird ein Ermittlungsverfahren gegen beide Vereine einleiten, teilte der Verband mit. In einem ersten Schritt werden dann beide Vereine schriftlich zu Stellungnahmen aufgefordert, hieß es vom DFB.

Die Beteiligten beider Mannschaften waren nach der Partie mehr als zerknirscht. Dynamo-Coach Thomas Stamm sagte, es sei alles für einen tollen Fußballabend angerichtet gewesen. Doch im Nachgang überwiegen andere Dinge. „Jetzt stehen Dinge im Vordergrund, die nichts zu suchen haben im Fußball“, kritisierte Stamm.

Dresden-Boss will Fahnen-Theorie nicht bestätigen

Finanz-Geschäftsführer Stephan Zimmermann sagte: „Dass man sich auf dem Platz auf die Nase gehauen und mit Pyro geworfen hat, das sind alles Sachen, die wollen wir definitiv nicht sehen.“ Die Geschehnisse seien „Wasser auf die Mühlen von einigen Politikern, die viel härtere Maßnahmen haben wollen. Da haben wir heute mal wieder einen Anlass gegeben, dass das bestätigt wird, dass man das eventuell umsetzt.“

In einer Stellungnahme am Sonntagvormittag legte Zimmermann nach. „Bilder, wie wir sie am heutigen Abend gesehen haben, sind nicht akzeptabel und schaden nicht nur unserem Verein, sondern dem gesamten Fußball in Deutschland massiv. Wir und zahlreiche weitere Vereine setzen uns seit Monaten für Faninteressen und ein sicheres Stadionerlebnis ein – da sind solche Szenen ein absoluter Schlag ins Kontor“, sagt er. Zimmermann entschuldigte sich bei „allen Unbeteiligten, die in solche unnötigen Aktionen hineingezogen wurden.“ Dynamo sprach von einem massiven Schaden und kündigte Aufarbeitung an.

Laut Zimmermanns Aussagen direkt nach dem Spiel seien neben den Polizisten 450 Ordner vom Verein im Einsatz gewesen, auch Hertha hätte weitere mitgebracht. Noch während des Spiels sei gemeinsam mit der Polizei versucht worden, Videomaterial zu sichten.

Nun beginnt die Suche nach dem Auslöser der Eskalation. Dass eine geklaute Hertha-Fahne, die aufseiten Dresdens präsentiert wurde, wie zunächst berichtet Stein des Anstoßes war, wollte Zimmermann gegenüber den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ nicht bestätigen. „Es gibt unterschiedliche Theorien. Es gab eine große Pyro-Aktion vorm Gästeblock im Stadion, wo relativ viel noch vernebelt war. Da war die ganze Situation schwer einsehbar, wo man auch Videoaufzeichnungen nicht wirklich zu 100 Prozent auswerten kann“, sagte er.

luwi/lwö

Source: welt.de