„Mein Job ist es, Dinge zu verschlechtern“: Wie Norwegen gegen Enshittification kämpft
Statt besser zu werden, werden heute Produkte und Plattformen schlechter. Enshittification nennt Cory Doctorow das, also die absichtliche „Verscheißifizierung“. In Norwegen startet nun eine Kampagne gegen den Trend der Tech-Riesen
„Enshittification“ bezeichnet die bewusste Verschlechterung eines Dienstes oder Produkts, insbesondere im digitalen Bereich
Foto: Immo Wegmann/Unsplash
Die Eröffnungsszene des Videos zeigt einen Mann, der sich unter einem Bett versteckt und ein Loch in eine Socke schneidet. Sekunden später kürzt derselbe Mann mit einer Säge ein Tischbein, sodass das ganze Frühstück wackelt. „Mein Job ist es, Dinge zu verschlechtern“, erklärt der Mann. „Offiziell heißt das Enshittificator. Ich nehme Dinge, die einwandfrei funktionieren, und mache sie schlechter.“
Das Video, das kürzlich vom Norwegischen Verbraucherrat veröffentlicht wurde, ist eine humoristische wie absurde Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema. Es ist Teil einer umfassenderen, globalen Kampagne gegen die „Enshittification“ (frei übersetzt: Verscheißung)digitaler Produkte und Dienstleistungen.
„Enshittification muss nicht sein“
„Wir wollten zeigen, dass man das in der analogen Welt nicht akzeptieren würde“, sagt Finn Lützow-Holm Myrstad, Leiter der Abteilung für digitale Politik beim Verbraucherrat. „Aber das passiert täglich bei unseren digitalen Produkten und Dienstleistungen, und wir sind überzeugt, dass das nicht so sein muss.“
Der von Autor Cory Doctorow geprägte Begriff „Enshittification“ bezeichnet die bewusste Verschlechterung eines Dienstes oder Produkts, insbesondere im digitalen Bereich. Beispiele gibt es zuhauf: von Social-Media-Feeds, die zunehmend mit Werbung und Betrug überschwemmt werden, über Software-Updates, die Smartphones verlangsamen, bis hin zu Chatbots, die Kundendienstmitarbeiter ersetzen.
Ende Februar schloss sich der öffentlich finanzierte norwegische Rat in einer Kampagne, die als erste ihrer Art gilt, mit über 70 Gruppen und Einzelpersonen in ganz Europa und den USA zusammen, darunter Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen.
Gemeinsam appellierten sie an die politischen Entscheidungsträger in 14 Ländern beiderseits des Atlantiks, gegen die Enshittifizierung vorzugehen. Sie argumentierten, dass es sich nicht um einen unvermeidlichen Prozess, sondern um das Ergebnis politischer Entscheidungen handle. „Ein anderes Internet ist möglich“, meint Lützow-Holm Myrstad. „Der Status quo ist für niemanden akzeptabel.“
Die Forderung: mehr Kontrolle
In Norwegen drängten über 20 Organisationen die Behörden zum Handeln. Verbraucherverbände in zwölf weiteren Ländern schlossen sich dieser Forderung an. Auch an EU-Institutionen wurde ein Schreiben gerichtet, während vier zivilgesellschaftliche Organisationen in den USA mehrere politische Entscheidungsträger kontaktierten.
In dem Schreiben wird die Politik aufgefordert, Verbraucher:innen mehr Kontrolle über ihre Produkte zu geben, sie anzupassen, zu reparieren und zu verändern sowie den Wechsel zwischen verschiedenen Diensten zu erleichtern.
An die Politik wird dringend appelliert, die Durchsetzung bestehender Gesetze, insbesondere jener zum Schutz von Verbrauchern und ihren Daten, zu verstärken und den Wettbewerb auf digitalen Märkten zu fördern, beispielsweise durch die Bevorzugung von Alternativen zu großen Technologiekonzernen im öffentlichen Beschaffungswesen.
„Es ist noch nicht zu spät, das Ruder herumzureißen“, erklärt Lützow-Holm Myrstad. „Dienste müssen nicht verstaatlicht werden, wenn wir echten Wettbewerb haben, wenn Verbraucher selbst entscheiden können, welche Dienste sie nutzen, und wenn der Markt diese Praktiken besser reguliert.“
Die globale Kampagne wird von einem 80-seitigen Bericht des Rates unterstützt, der detailliert untersucht, wie die zunehmende Anonymisierung von Nutzern zur Norm wurde.
Die Bemühungen gleichen einem Kampf von David gegen Goliath
Obwohl der Rat seit Langem gegen große Technologiekonzerne kämpft – 2018 gehörte er zu den ersten, die ihnen vorwarfen, Nutzer durch Täuschung zur Preisgabe ihrer Daten zu verleiten –, räumte Lützow-Holm Myrstad ein, dass die Bemühungen einem Kampf Davids gegen Goliath glichen.
„Aber in der Geschichte von David und Goliath hat David am Ende gewonnen, nicht wahr?“, sagt Lützow-Holm Myrstad. „Deshalb ist diese internationale Aktion so wichtig. Gruppen auf transatlantischer Ebene sprechen mit einer Stimme: Es muss nicht so sein. Wir wollen nicht, dass es so ist.“ Ihre Hoffnungen für die Kampagne sind gewachsen, als sie sahen, wie das Video auf verschiedenen Plattformen Millionen von Aufrufen erzielte, allein auf YouTube über 9.000 Kommentare eingingen und der Bericht mehr als 6.000 Mal heruntergeladen wurde.
„So etwas haben wir noch nie erlebt, das berührt die Menschen zutiefst“, sagt er. „Es gibt offenbar unglaublich viel Unterstützung und den Willen, etwas dagegen zu unternehmen.“