Mehrere Bewohner warteten nachdem den Einschlägen mit ihren Chihuahuas und Katzen im Empfangsbereich

Die iranischen Angriffe auf mehrere Golfstaaten überraschte auch die Menschen in der Glitzermetropole Dubai. Plötzlich ragen Rauchwolken auf über der Stadt, die sich einen Ruf als sicherer Hafen im Nahen Osten gemacht hat. Unser Autor beschreibt von vor Ort, wie sich die Eskalation anfühlte.

Wir hatten gerade über einen wirklich miserablen Auftritt beim diesjährigen italienischen San-Remo-Songfestival gelacht, als wir draußen einen lauten Knall hörten. Das Geräusch löste einen Alarm in unserem modernistischen Wohnblock neben Dubais bekanntem Wolkenkratzer Burj Khalifa aus. Alle Telefone begannen zu summen, als eine Notfallmeldung der Regierung sie erreichte: „Bitte bleiben Sie drinnen und in sicheren Bereichen“, hieß es da. Wir holten unsere Pässe, rannten die Treppe hinunter und kauerten uns in der Garage zusammen – in Dubai gibt es keine Luftschutzbunker.

Während einer beinahe schlaflosen Nacht überprüfte ich mein Telefon jede Stunde – und bekam so einen kleinen Einblick in das, was die Menschen in der Ukraine seit mehr als vier Jahren durchmachen. Bis dahin hätte sich wohl niemand hier – vermutlich nicht einmal der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto, der am Sonntag mit einem Militärflugzeug aus Dubai zurück nach Rom gebracht wurde – vorstellen können, dass wir einmal Deckung würden suchen müssen in dieser schillernden Urlaubsstadt, für die ihr Ruf als sicherer Ort im Nahen Osten auch ein Wirtschaftsfaktor ist.

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Mein Plan war, nach einem Zwischenstopp in Dubai, wo ich einen Freund besuchen wollte, am Samstag zu einem Treffen der EU-Minister in Nikosia auf Zypern zu fliegen, um vor Ort darüber zu berichten. Diese Pläne aber wurden durch die beispiellosen iranischen Angriffe auf Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien zunichtegemacht.

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Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Arabischen Emirate verkündete, dass das Land innerhalb von 24 Stunden mit 165 ballistischen Raketen, zwei Marschflugkörpern und 541 Drohnen angegriffen worden sei – die meisten davon seien von der Luftabwehr zerstört worden. Trümmerteile dieser abgefangenen Geschosse trafen jedoch den Flughafen von Dubai sowie zwei Luxushotels in der Stadt, das „Fairmont The Palm“ und das „Burj Al Arab“.

Und es stellte sich schnell heraus, dass die westlichen Expats in Dubai – eine exotische Mischung aus hochrangigen Geschäftsleuten, Influencern und Urlaubern wie mir – schlecht auf eine solche Krisensituation vorbereitet waren.

Nur wenige Menschen entschieden sich dafür, die Treppe zu nehmen – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wenn Drohnen und Raketen durch den Himmel über der Stadt rasen. Mehrere Bewohner warteten mit ihren Chihuahuas und Katzen im Empfangsbereich. Das Bellen und Miauen wurde allerdings übertönt vom Dröhnen der Sportwagen, die auf dem Weg zu den nahe gelegenen Autobahnen waren.

„Wo um alles in der Welt fahren die hin?“, fragte ich mich. Wir hatten den gut gemeinten Rat eines Bekannten abgelehnt, in den mehr als zwei Stunden Fahrzeit entfernten Oman zu fahren – theoretisch einem sicheren Zufluchtsort, bis auch er am darauffolgenden Morgen zum Ziel iranischer Angriffe wurde.

Panik bei den übrig gebliebenen Strandbesuchern

Am Sonntag waren die üblicherweise verstopften Autobahnen Dubais leer, während das Geräusch von Explosionen weiterhin durch die Stadt hallte. Der belebte Kite Beach, an dem vor Ausbruch des Konflikts zahlreiche durchtrainierte Jogger unterwegs waren, war am nächsten Tag wie ausgestorben. Jedes unerwartete Geräusch löste bei den wenigen Strandbesuchern, die weiterhin Avocado-Toasts bestellten, panische Reaktionen aus.

Trotz der Unruhe haben die Heerscharen von Menschen, die mit winzigen Mopeds Lebensmittel ausliefern, nie aufgehört zu arbeiten. Sie versorgten weiterhin diejenigen Teile der Bevölkerung, die zu Hause blieben. Sie erinnerten mich an die Krankenschwestern und Ärzte, die während der Covid-19-Pandemie das Gesundheitssystem am Laufen gehalten hatten.

Für eine Einschätzung, ob der iranische Angriff den Ruf Dubais als sicherer und angesagter Schmelztiegel dauerhaft schädigen wird, ist es noch zu früh. „Der Iran hat keine Militärbasis in Dubai angegriffen. Er hat die Idee von Dubai angegriffen“, schrieb der Analyst und Autor Shanaka Anslem Perera auf der Plattform X. „Dubai ist eine Art Finanzthese. Es ist die These, dass man an der Mündung des Persischen Golfs eine Weltstadt bauen und sie von der Gewalt in der Region abschotten kann.“

Aber wie in jeder Krise sehen zumindest die abgebrühten Finanziers in Dubai eine Chance: „Es ist der richtige Zeitpunkt, um Immobilien zu kaufen, die Preise werden nach den Anschlägen massiv fallen“, schwärmte mir ein junger Berater vor, während ich noch versuchte, die schlaflose Nacht wegzublinzeln.

Dieser Artikel erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Politico“

Source: welt.de