Mehr wie Maduros Ehefrau: Wer ist die entführte Cilia Flores, „die erste Kämpferin“?
Sie ist mehr als nur Maduros Gattin und Mitangeklagte: Cilia Flores ist die Kämpferin an vorderster Front. Ihre Macht gründet auf einer Mischung aus juristischer Brillanz und ideologischer Treue zu Hugo Chávez und ihrem Mann
Venezuelas power couple: Cilia Flores und Nicolás Maduro
Foto: Jesus Vargas/Getty Images
Seit der dramatischen Nacht-und-Nebel-Kidnapping-Aktion der USA am 3. Januar 2026 ist die Welt für das einflussreichste Ehepaar Venezuelas eine völlig andere. Cilia Flores und ihr Ehemann befinden sich gegenwärtig im berüchtigten Bundesgefängnis MDC Brooklyn in New York in Haft. Dort warten die beiden auf ihr Verfahren wegen Vorwürfen des Drogenhandels und Waffenbesitzes.
Cilia Flores ist weit mehr als nur die Gattin des venezolanischen Präsidenten: Sie gilt als strategische Architektin im „Keller der Macht“. Während sie früher als lautstarke Parlamentspräsidentin die politische Bühne dominierte, steuerte die Juristin die Geschicke Venezuelas seit Nicolás Maduros Amtsantritt 2013 eher aus dem Hintergrund. Sie wird nicht als „First Lady“, sondern als „la primera combatiente“ – die erste Kämpferin bezeichnet.
Für Flores ist Macht keine bloße Verwaltungsaufgabe, sondern ein existenzieller Kampf. In zwei Gesprächen von 2010 und 2014 mit dem verstorbenen Journalisten José Vicente Rangel machte sie ihre Haltung deutlich, indem sie die Gleichung aufstellte, dass ein Angriff auf die Regierung ein direkter Angriff auf das Volk sei.
Dabei pflegt sie ein Selbstbild, das die Frau als „geborene Verwalterin“ sieht und die Führungsstärke aus dem privaten Haushalt in die höchste Politik trägt. Eine Revolutionärin müsse „Paradigmen brechen“, ohne dabei jedoch – und hier zeigt sie eine bemerkenswerte konservative Seite – ihre „Verpflichtungen gegenüber der Familie“ zu vernachlässigen. In einem der Interviews mit Rangel betonte Flores auch, dass sie katholisch sei.
Cilia Flores hat eine eigene Fernsehshow: Con Cilia en familia
Wie wichtig ihr das Thema Familie ist, zeigt die 69-jährige Präsidentengattin seit 2015 eindrücklich in ihrer eigenen TV-Show „Con Cilia en familia“ (Mit Cilia in der Familie). Schon in der ersten Ausstrahlung stellte Flores klar, die Sendung diene dazu, „die Werte der Familie wiederzubeleben“. Die mediale Inszenierung folgt dabei einer präzisen Choreografie: Man sieht Flores im Krankenhaus im Gespräch mit herzkranken Jugendlichen oder lachend mit Säuglingen auf dem Arm – eine bewusste Darstellung als mütterliche Identifikationsfigur der Nation.
Doch dieser Rahmen bietet auch Raum für harte Machtpolitik. In Gesprächen „unter Freundinnen“ – wie sie es selbst nennt – lädt sie politische Weggefährtinnen wie die Admiralin Carmen Meléndez ein. Meléndez, die als erste Verteidigungsministerin Venezuelas Geschichte schrieb und heute als Bürgermeisterin von Caracas (Amtszeit 2025–2029) amtiert, fungiert in der Show als lebender Beweis für Flores’ Meinung, dass systemloyale Frauen jede Schlüsselposition im Staat besetzen können.
Ihre Beziehung zum sechs Jahre jüngeren Maduro ist weit mehr als eine Ehe, man kann von einer politischen Schicksalsgemeinschaft sprechen, die im Untergrund der 1990er Jahre entstand. Flores beschreibt den Anfang ihrer Liebe so: Die gemeinsame Flucht vor Sicherheitsorganen hätte das Paar zusammengeschweißt: „Die Verfolgung (…) führte dazu, dass wir uns mehr fanden.“ An Maduro schätzt sie vor allem seine menschliche Seite, die er sich trotz des enormen Drucks bewahrt habe. Sie lobt seine „Sensibilität“ und seinen „guten Humor“, eine Eigenschaft, die ihm die nötige Stärke verleihe, um „Erpressungen, Drohungen und Beleidigungen“ standzuhalten.
Diese Vertrautheit feiert das Paar auch öffentlich: Maduro, der seine Frau um mindestens anderthalb Köpfe überragt, nennt sie in der Öffentlichkeit oft zärtlich „Cili“. So auch im Jahr 2013, als er die offizielle Eheschließung nach der langjährigen Verbindung mit den Worten verkündete: „Cili und ich haben unsere Beziehung gemäß den geltenden Gesetzen der Republik legalisiert: Wir haben geheiratet.“ Gelegentlich tritt das Paar auch im Partnerlook auf.
Das Zentrum ihres Kosmos: Hugo Chávez
Das alles überstrahlende Zentrum ihres politischen Kosmos bleibt jedoch der verstorbene Hugo Chávez. Flores beschreibt ihre erste Begegnung mit dem inhaftierten Putschführer im Jahr 1992 als einen Moment nationaler Erweckung. Für sie war Chávez der „feministische Präsident“, der Frauen den Weg an die Schalthebel der Macht ebnete.
Im Interview mit Rangel bezeichnete sie ihren politischen Ziehvater als den „Gesegneten unter all den Frauen.“ In ihren Augen war es Chávez, der die venezolanische Identität quasi aus einem Dornröschenschlaf holte. Diese Verehrung für Chávez ist der Maßstab, an dem sie auch Maduro misst: Seine „unerschütterliche Loyalität“ zu Chávez ist für Flores das Attribut, das ihn am meisten auszeichnet und ihn aus ihrer Sicht als rechtmäßigen politischen Erben legitimiert.
Cilia Flores besetzte während der Regentschaft von Hugo Chávez mehrere zentrale Staatsämter. Von 2006 bis 2011 war sie Präsidentin der Nationalversammlung und übernahm damit die Nachfolge ihres Mannes Maduro. Im Jahr 2007 gehörte sie zu den Mitbegründern der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) und 2012 wurde die ausgebildete Anwältin zur Generalprokuratorin ernannt.
Mit dem Amtsantritt Maduros als Präsident im Jahr 2013 veränderte sich jedoch ihre öffentliche Präsenz: Flores zog sich immer mehr aus der direkten politischen Rolle zurück. Seitdem konzentriert sie sich verstärkt auf die Arbeit innerhalb der politischen Elite Venezuelas. Als versierte Anwältin nimmt sie Einfluss auf das Justizwesen sowie im Nationalen Wahlrat (CNE), den sie durch den Aufbau eines Netzwerks von Verbündeten und Vertrauten formte. Ihre öffentlichen Auftritte finden seither vorzüglich im Rahmen offizieller Termine an der Seite Maduros statt.
Vetternwirtschaft und der Narco-Skandal
Cilia Flores entspricht für viele nicht dem Bild des süßen Mütterchens. Bereits während ihrer Amtszeit als Parlamentspräsidentin wurden Vorwürfe laut, sie habe Dutzende Familienangehörige in strategische Positionen der öffentlichen Verwaltung katapultiert. Der schwerste Schlag war die Verurteilung ihrer beiden Neffen, die 2015 beim Schmuggel von 800 Kilogramm Kokain gefasst wurden.
Laut einer Pressemitteilung des US-Justizministeriums (Southern District of New York) diente die Aktion „teilweise dazu, eine Wahlkampagne für die First Lady von Venezuela zu finanzieren“, man sprach von einer „Verschwörung zum Drogenhandel.“ Während der Fall international Schlagzeilen machte, blieb er in Venezuela stets Tabu. 2022 kamen die Neffen im Rahmen eines Gefangenenaustauschs der Regierung Biden vorzeitig frei. Flores bezeichnete das US-Vorgehen als politischen Sabotageakt.