Mehr Handel mit Nachbarn: USA pfui, Frankreich hui

Führt Donald Trumps Handelspolitik dazu, dass deutsche Unternehmen wieder verstärkt in Europa investieren? Eindeutige Hinweise darauf hat auch die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Paris nicht. Doch es gibt Ansätze eines verstärkten „Nearshoring“, also der Verlagerung von geschäftlichen Aktivitäten ins benachbarte Ausland.
So belief sich der Warenhandel zwischen Deutschland und Frankreich im vergangenen Jahr auf rund 186 Milliarden Euro. Das waren zwei Prozent mehr als 2024. Dieses Wachstum habe ihn angesichts der deutschen Rezession und der latenten politischen Instabilität in Frankreich dann doch überrascht, sagte Kammerchef Patrick Brandmaier.
Dagegen haben die USA in Deutschland wie in Frankreich an Bedeutung eingebüßt. Für beide Länder sank der transatlantische Warenaustausch im vergangenen Jahr deutlich um fünf Prozent. Frankreichs Handel mit China ging ebenfalls signifikant zurück, um drei Prozent. Für Deutschland blieb das Reich der Mitte zwar der wichtigste Handelspartner vor den USA. Mit zwei Prozent war das Wachstum aber längst nicht mehr so stark wie in früheren Jahren.
„Der deutsche Außenhandel findet zunehmend mit unseren europäischen Partnern statt“, bilanzierte Brandmaier. Schließlich wuchs auch der Handel mit den Niederlanden, Deutschlands drittgrößtem Handelspartner, um drei Prozent. Und gar fast sechs Prozent betrug das Wachstum mit dem aufstrebenden Polen, dem nur noch knapp hinter Frankreich gelegenen fünfgrößten deutschen Handelspartner.
Der größte ausländische Investor
Seine Stellung als enorm wichtiger deutscher Exportmarkt konnte Frankreich laut den amtlichen Zahlen behaupten. Nach 115 Milliarden Euro im Jahr 2024 wurden vergangenes Jahr Waren im Wert von 117 Milliarden Euro auf die andere Rheinseite ausgeführt. Nur in den USA waren es mit 146 Milliarden Euro mehr, aber auch deutlich weniger als die 2024 noch erzielten 161 Milliarden Euro.
Doch Frankreich, das zusammen mit Deutschland für rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU steht, ist nicht nur ein attraktiver und in Zeiten von Trump potentiell noch attraktiver werdender Exportmarkt. Auch Direktinvestitionen deutscher Unternehmen gibt es mehr, als man angesichts der fragilen politischen Verhältnisse erwarten könnte.
Mit 331 Investitionsentscheidungen waren deutsche Unternehmen 2025 der größte ausländische Investor in Frankreich, hebt man bei der Wirtschaftsförderagentur Business France hervor. 2024 hatten die USA noch mit 252 Vorhaben an erster Stelle gestanden vor Deutschland mit 232 Vorhaben. Erfreut zeigt sich Business-France-Chef Pascal Cagni insbesondere über die wachsende Zahl an Produktionsvorhaben in Frankreich.
„Abgesehen von Verkaufsstellen haben deutsche Unternehmen 69 Investitionsprojekte in der Produktion beschlossen, das sind 30 Prozent mehr als 2024“, sagte er. Ein Beispiel sei Siemens Energy, das mehr als 200 Millionen Euro in seinen Standort für Offshore-Windräder in Le Havre reinvestiert hat – „den größten Industriestandort Frankreichs im Bereich der erneuerbaren Energien“, so Cagni.
Arbeitslosenquote wieder leicht gestiegen
Schon seit Jahren loben deutsche Investoren neben der soliden Infrastruktur, der guten Ingenieurausbildung, dem günstigen Strompreis und der geographischen Nähe den direkten Draht zu Politik und Behörden in Frankreich. Business France, an dessen Spitze Präsident Emmanuel Macron 2017 den früheren Apple-Europachef Cagni gesetzt hat, bleibt dabei eine wichtige Schaltstelle.
Lob kommt etwa vom Landmaschinenhersteller Claas. Das deutsche Traditionsunternehmen beschäftigt in Frankreich rund 2300 Mitarbeiter und hat hier nach Angaben seines Frankreichchefs Martin von Hoyningen-Huene in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100 Millionen Euro investiert. Claas arbeitet zurzeit nicht nur an der Erweiterung seines Traktorenwerks in Le Mans, sondern modernisiert auch seinen Produktionsstandort für Pressen in Woippy bei Metz.
„Herausforderungen“ des Standorts Frankreich sind laut AHK die Reindustrialisierung, die zuletzt wieder an Fahrt verloren hat, das (hohe) Haushaltsdefizit und die Staatsausgaben. Hinzu kommen die Bürokratie und die Arbeitslosenquote. Letztere ist nach neuesten Zahlen wieder leicht gestiegen auf 7,9 Prozent. Die von Macron für das Ende seiner Amtszeit im kommenden Jahr versprochenen fünf Prozent rücken in immer weitere Ferne, was sich Ökonomen mit hohen Arbeitskosten und dem hohen Kündigungsschutz erklären.
Erstaunlich immun
Dabei zeigt sich nicht nur die ausländische Investitionstätigkeit, sondern auch die allgemeine wirtschaftliche Lage erstaunlich immun gegen die politische Instabilität. Eine Rezession wie in Deutschland gab es zuletzt nicht. Im Schlussquartal 2025 wuchs die französische Wirtschaft um 0,2 Prozent, im dritten Quartal waren es sogar 0,5 Prozent. Insgesamt kam Frankreich 2025 auf ein Wachstum von 0,9 Prozent.
Auch in diesem Jahr gehen die Prognosen von rund einem Prozent Wachstum aus. Die jüngste Haushaltseinigung hat viele Wirtschaftsvertreter beruhigt, auch wenn sie sorgenvoll auf die steigende Steuerlast und die Unfähigkeit der Politik zu Ausgabenkürzungen blicken. Das Unsicherheitsbarometer der Notenbank zeigte im Februar zumindest im Dienstleistungs- und Bausektor eine Entspannung. Regelrechte Erleichterung gab es am Anleihemarkt über die Haushaltseinigung.
Die Kommunalwahlen im März und die näher rückenden Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2027 drohen die fragile politische Ruhe jedoch zu stören. Und schon in den kommenden Tagen sind von den Rechtspopulisten und der Linksaußenpartei LFI neue Misstrauensvoten gegen die Minderheitsregierung geplant, diesmal wegen eines neuen Dekrets zur Energiepolitik.