Marx qua Republikaner: Warum denn gleich dasjenige Eigentum abwickeln?
15 Seiten in der rund 400 Seiten langen Studie „Citizen Marx. Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought“ des Politikwissenschaftlers Bruno Leipold sind geeignet, gewisse Marxbegeisterte zu verblüffen. Solche nämlich, die bedauern, dass der Ruf des Klassikers von schlechten Meinungen über die politischen Schicksale seiner Ideen befleckt ist. Das Kapitelchen, das bei einiger Kenntnis der Geschichte der DDR und der Sowjetunion so eigenartig berührt, heißt auf Deutsch etwa: „Abschaffung des (bürgerlichen) Privateigentums versus Verallgemeinerung des (kleinbürgerlichen) Privateigentums“.
In diesem Kapitel wird der Kommunismus sensu Marx direkt an einer Frage gemessen, in deren Licht er sich vom europäischen radikalen Republikanismus, wie ihn das neunzehnte Jahrhundert kannte, fundamental unterscheidet. Sie lautet: Braucht Freiheit einen institutionellen Rahmen mit Eigentumsgarantien für natürliche Personen, oder braucht sie ihn nicht?
„Eigentum kann man nicht abwählen“
So ein Rahmen wäre ja eine Republik, in der die öffentlichen Belange, die das Wort „Republik“ meint, mit dezidiert nicht öffentlichen ökonomischen Interessen ausbalanciert werden. Wenn sich Partikularinteressen in einer solchen Republik behaupten wollen, müssen sie Bündnisse suchen und in Politik und Verwaltung hineinwirken. Die Wege dahin kann man dann „demokratisch“ nennen, sofern „Demokratie“ nicht einfach Mehrheitsmacht meint, sondern Minderheitenschutz mit einbegreift.

Der Finanzier Peter Thiel, ein Machtmensch unserer Tage, hat zu dem Problemkreis bekanntlich das finstere Bonmot beigetragen, er „glaube nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit vereinbar sind“. In seinem US-amerikanischen politischen Umfeld hört man häufig die Parole: „Unser Staat ist keine Demokratie, sondern eine Republik“, womit gesagt sein soll, dass Partikularinteressen (wie die von Leuten mit Thiels Vermögen) denkbarem Mehrheitsdruck nicht nur widerstehen dürfen, sondern sie sogar überwältigen können, wenn eben davon der Bestand des politischen Institutionenrahmens abhängt („Eigentum kann man nicht abwählen“). Verrückterweise nennt man aber die Bewegung, die Thiel in der Praxis unterstützt, um seine Interessen zu wahren, „Populismus“. Weltweit geschieht in vielen Staaten Ähnliches.
Leipolds Buch erzählt einen verschütteten Teil der Vorgeschichte dieser Konstellation, indem er daran erinnert, dass vor fast 200 Jahren in Mitteleuropa der linke Radikalrepublikaner Arnold Ruge mit breiter Streuung von Besitz nicht drohender Enteignung, sondern der Oligarchie entgegenwirken wollte. Marx und Engels widersprachen dieser republikanischen Vorstellung.
Marx lässt sich nicht vom späteren Marxismus trennen
Anders als Ruge nahmen sie an, dass, bei einem halbwegs funktionierendem Markt (vor allem für Arbeitskraft), selbst kleines und breit gestreutes Startvermögen früher oder später zu einer riesenhaften Kapitalkonzentration führen werde. Das kleine Eigentum werde vom großen sowieso enteignet – man sollte also, statt alten Idealen anzuhängen, besser Pläne machen, wie man das große Vermögen gesamtgesellschaftlich ergreift, als Vorbedingung einer planmäßigen Welt.
Indem Leipold die Differenz zwischen dem liberalen Ansinnen, kleinbürgerliches Eigentum gegen Machtverklumpung auf die Waage zu legen, und der marxschen Vermutung, dafür sei es zu spät, philologisch sorgfältig rekonstruiert, verweigert er sich einer Tendenz, die seit etwa 1990 einen erdrückenden Teil akademischer wie außerakademischer Marx-Rekonstruktionsbemühungen beherrscht. Gemeint ist die Neigung, den frühen, den späten oder sonst irgendeinen Marx chirurgisch von einem durch Lenin und seine Schule politisch kompromittierten Marx trennen zu wollen, indem man nur von den Problemen erzählt, die Theorie mit dem Kapital haben kann, und nicht von denen, die sie mit ihrer eigenen Praxis kriegt, sobald sie Ernst macht. So geht verloren, wie sehr Theorie darauf angewiesen sein kann, von ihrer Entwicklung zurückgelassene Debatten auf höherer Stufe zu reproduzieren.
„Citizen Marx“ erbringt zum Beispiel die erstaunliche Erkenntnis, dass die SED-Wirtschaftspolitik der mittleren Sechzigerjahre eine bewusste Injektion alter republikanischer Politik ins von Moskau gewünschte sozialistische Recht war. Der Dramatiker und Ulbricht-Anhänger Peter Hacks hat verdienstvollerweise auch nach dem Ende der DDR das Gedächtnis von der seinerzeitigen Überzeugung wach gehalten, dass das Handwerk und gewisse Reparaturbetriebe in der Form des Privateigentums leichter dem Gemeinsinn anzuschmiegen sind als in Staatshand. Selbst die kleine Warenproduktion fand unter Ulbricht Wohlwollen, und aus den Erinnerungen des vom Sozialismus nach seinem Kollaps ganz abgefallenen Günter Mittag erfährt man, derselbe Ulbricht habe sich energisch gegen allzu große landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gestemmt.
Widersprüche zwischen Besitz, Freiheit und Demokratie
Die von Leipold freigelegten Fossilien findet man als Bauteile von Hybriden auch anderswo in der Sozialismusgeschichte wieder, wenn man sie mit seiner Hilfe erkennen gelernt hat, etwa bei den Produktionsgenossenschaften in Jugoslawien. Und als Westlinker ist man davon wohl leicht so verwundert, wie’s die Wertkritik-Schule um Robert Kurz gewesen sein muss, als der Historiker Kurt Gossweiler vor einem Menschenalter auf ihren Vorwurf, man habe im Osten das „moderne warenproduzierende System“ nie überwunden, mit dem Hinweis auf entsprechende Versuche ausgerechnet unter Stalin antwortete.
Die theoretischen und praktischen Verbindungen und Widersprüche zwischen Besitz, Freiheit, Demokratie und republikanischen Institutionen sind seit Erscheinen der Hauptwerke von Marx und Engels durch die Realgeschichte nicht ins Griffigere, sondern umgekehrt ins Unanschauliche ausgewuchert. Man kann diese Wirrnis aber ordnen – wenn auch nicht immer so wie Leipold, der verfilzte Fäden mit der Pinzette voneinander löst.
Manchmal ist das zu zart, dann braucht’s die Schere, das Gestrüpp zu zerteilen, um das Überwucherte freizulegen. Diese Schere handhaben wenige so geschickt wie der Gesellschaftswissenschaftler Alex Demirović, vom Text über die Bühne bis zum Theorie-Podcast. In dem Band „Marx als Demokrat oder: Das Ende der Politik“ (Karl Dietz Verlag Berlin, 2025, 192 S., br., 16,– €) hat er eine vorbildliche Kompilation einschlägiger Marx-Texte mit einem äußerlich chronologischen, aber inwendig kristallklar problemtreuen Abriss der Entwicklung von Marxpositionen verbunden.
So wird der oben zitierte Herr Thiel korrekt zu den Altertümern geordnet, die ihm im Kopf herumgehen, denn Demirović spricht sehr deutlich von Leuten, die andere Menschen nur „als Schranke der Freiheit“ sehen können statt als „deren Verwirklichung“ in Verhältnissen, die sich ein Peter Thiel so wenig denken kann, wie seine geistigen Ahnen das konnten, die schon Marx bekämpft hat.
Dabei wandte er sich gleichzeitig, so Demirović pointiert (und mit angenehm leicht erkennbarer Aktualität), „gegen eine Tendenz“ der damaligen Linken, „die sozialen Ziele aus den Normen von Freiheit, Gleichheit und Demokratie“ abzuleiten. Stattdessen hielt Marx nach Prüfung der Aussichten zuletzt dafür, „dass im demokratischen Staat und in der bürgerlichen Gesellschaft diese Normen bereits verwirklicht sind. An dieser Verwirklichung lässt sich ablesen, dass eben kapitalistische Vergesellschaftung herauskommt. Versuche, diese Normen zu verwirklichen“, so paraphrasiert Demirović den Alten, führen daher in die Irre und „werden autoritär“ – „Populismus“? Ja, danach sieht es aus.
Bruno Leipold: „Citizen Marx“. Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought. Princeton University Press, Princeton 2025. 440 S., geb., 36,18 €.
Source: faz.net