Marktbericht: Nahost-Eskalation zwingt Börsen in die Knie
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Der eskalierende Nahost-Krieg treibt die Energiepreise nach oben und hält die Aktienmärkte in Atem. Anleger nahmen heute Reißaus: Der DAX rutschte unter die Marke von 23.000 Punkten.
Sorgen um das weltweite Wirtschaftswachstum haben die Anleger heute aus den Aktienmärkten getrieben. Hierzulande geriet der DAX kräftig unter Druck und sackte am Nachmittag zeitweise auf den tiefsten Stand seit Ende April 2025. Mit minus 2,8 Prozent auf 22.839 Punkte ging der deutsche Leitindex aus dem Tag. Damit hat er seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar fast zehn Prozent eingebüßt.
Besonders besorgt blicken Anleger auf die Nachrichten aus dem Nahen Osten, die vermuten lassen, dass sich der Krieg im Iran langsam zu einem Energiekrieg entwickeln könnte. Denn Katars für den Weltmarkt bedeutende Flüssiggasanlagen sind bei einem iranischen Raketenangriff schwer beschädigt worden. Daraufhin drohte US-Präsident Donald Trump nun als Vergeltung an, das US-Militär werde das bedeutende Gasfeld „South Pars“ massiv attackieren.
In dem angegriffenen Ras-Laffan-Komplex werden 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) produziert. „Wir bewegen uns jetzt geradewegs auf ein katastrophales Gaskrisen-Szenario zu“, sagt Saul Kavonic, Analysechef bei MST Marquee. Die Unterbrechung der LNG-Lieferungen könne je nach Ausmaß der Schäden Monate oder sogar Jahre andauern. Das blieb nicht ohne Folgen: Der europäische Gas-Future stieg zwischenzeitlich um rund 20 Prozent auf 65,60 Euro je Megawattstunde. Der Terminkontrakt am TFF-Hub verteuert sich um bis zu 28 Prozent auf 74 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Januar 2023.
Und auch die Ölpreise bleiben von den aktuellen Entwicklungen nicht unberührt. Vor allem der Preis für ein Fass der Nordsee-Ölsorte Brent bereitet Sorgen: Er näherte sich zeitweise wieder der 120-Dollar-Marke und entwickelt sich damit bedenklicher als der Preis der US-Sorte WTI. Der Preis für das US-Öl pendelte um die 100-Dollar-Marke.
Mit zunehmender Sorgen blicken mittlerweile auch die Ökonomen der Welthandelsorganisation WTO auf die Entwicklungen im Iran. Der Welthandel wird sich nach einer Prognose der WTO in diesem Jahr deutlich verlangsamen – vor allem wegen steigender Energiepreise und gestörter Transportwege.
Das Wachstum des Warenhandels dürfte demnach im günstigsten Szenario auf 1,9 Prozent zurückgehen. Sollte der Nahost-Krieg die Energiepreise weiter in die Höhe treiben und globale Transportwege stören, könnte sich der Handel weiter abschwächen, sagte WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala.
Hinzu kommt, dass die rasant steigenden Energiepreise auch die Inflation treiben – deshalb rückten heute auch die Notenbanken ins Blickfeld der Investoren. Am Vorabend hatte bereits die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Leitzinsen trotz des Ölpreisschocks unverändert gelassen und signalisiert, sie werde die Zinsen in diesem Jahr voraussichtlich nur einmal senken. Die Währungshüter ließen den Leitzins wie von Experten erwartet aber zunächst unverändert zwischen 3,5 und 3,75 Prozent.
Ähnlich fielen heute auch die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB), der Schweizerische Nationalbank (SNB) und der Bank of England aus. Sie alle ließen ihre Leitzinsen unangetastet. „Der Krieg im Nahen Osten hat zu deutlich unsichereren Aussichten geführt“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Er drohe die Inflation anzuheizen – im wahrscheinlichsten Szenario erwartet die EZB nun für 2026 eine Teuerungsrate von durchschnittlich 2,6 Prozent im Euroraum.
Im Sog der Zinsentscheidung der EZB ist der Kurs des Euro gestiegen. Am frühen Abend wurde die Gemeinschaftswährung bei 1,1510 Dollar gehandelt und damit etwa einen halben Cent höher als am Morgen. Zeitweise erreichte der Euro ein Tageshoch bei 1,1539 Dollar.
Abwärts ging es derweil für die New Yorker Aktienmärkte – auch dort machte sich Angst vor einer weiteren Eskalation an den Öl- und Gasmärkten breit. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte verlor im frühen Handel 0,8 Prozent auf 45.875 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 fiel ebenso stark auf 6571 Zähler, der Index der Technologiebörse Nasdaq rutschte um 1,1 Prozent auf 21.911 Punkte ab.
Auch die guten Zahlen des US-Speicherchip-Spezialist Micron konnten die US-Anleger nicht begeistern. Der Chipkonzern profitiert weiter vom Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) und der hohen Nachfrage nach Halbleitern. Dank der deswegen steigenden Preise für Speicherchips rechnet der Konzern im laufenden dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 erneut mit kräftigen Zuwächsen. Die hohe Nachfrage erfordert aber auch steigende Ausgaben für den Ausbau der Produktionsanlagen. Dies belastete die Aktie.
Mehr verdient hat im vergangenen Jahr Deutschlands größter Wohnimmobilienkonzern Vonovia, vor allem dank höherer Mieteinnahmen. Aber auch das Geschäft mit Zusatzleistungen und der Verkauf von Immobilien steuerten zum Zuwachs des operativen Ergebnisses bei, wie das Unternehmen mitteilte. Die Ziele für das laufende Jahr und für 2028 bestätigte das Unternehmen, zugleich will Vonovia den Abbau der Schulden beschleunigen. An der Börse dominierte aber die Angst vor steigenden Zinsen: Die Aktie verlor zuletzt um fast zehn Prozent und war damit Schlusslicht im Leitindex DAX.
Source: tagesschau.de