Marktbericht: Der KI-Goldrausch ebbt ab
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Lange galten sie als wenig attraktiv: Europas „Old Economy“-Aktien waren in der Aufregung rund um Künstliche Intelligenz wenig gefragt. Das ändert sich nun. US-Investoren beginnen, teure Tech-Aktien zu tauschen, um Risiken zu reduzieren.
Der scheinbar unendlich anhaltende Goldrausch beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) verlangsamt sich derzeit spürbar. Dies zeigen neue Zahlen des Datenanbieters und -analysten EPFR, über die die Financial Times (FT) heute berichtet.
Danach steuern europäische Aktien im Februar auf Rekordzuflüsse zu. Über zehn Milliarden Dollar seien bereits die zweite Woche hintereinander in den europäischen Markt geflossen. Abzulesen ist das unter anderem an neuen Rekordständen des breiten europäischen Auswahlindex Stoxx 600, aber auch an den Märkten in Spanien, Frankreich oder dem Londoner FTSE-100-Leitindex.
Auch der DAX hält sich trotz eher mäßiger Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft auf hohem Niveau und nahe seines Rekordhochs bei 25.507 Punkten aus dem Januar.
Old Economy wieder gefragt
Allen diesen europäischen Indizes gemeinsam ist, dass sie die Heimat klassischer Branchen wie etwa Industrie, Versorger, Versicherungen und Banken sind. Dort notierte Aktien haben wenig vom gigantischen KI-Goldrausch der vergangenen Jahre profitiert sind und dementsprechend günstiger bewertet. Genau das aber macht diese Papiere derzeit so gefragt.
Auch die neuen europäischen Rüstungsprogramme vor dem Hintergrund des anhaltenden Ukraine-Krieges sind nicht nur für US-Fondsmanager, die diversifizieren wollen, interessant und bieten eine Anlagealternative. Im DAX etwa gehört die Rheinmetall-Aktie schon länger zu den größten Gewinnern.
„Viele Investoren wollen diversifizieren, weg vom teuren US-Markt“, sagt Aktienstrategin Sharon Bell von Goldman Sachs. „Europäische Aktienmärkte bieten eine andere Positionierung, weniger Technologie“. Diversifizierung auf allen Ebenen, also Währungen, Länder oder Sektoren sei das große Thema derzeit. Der Markt frage sich, wo sich die größten Möglichkeiten bieten.
Viele neue Fragen in Sachen KI
Gekennzeichnet ist die Diskussion in den USA, der Heimat der großen KI-Techgiganten um Nvidia, Alphabet oder Meta, derzeit von einer differenzierteren Betrachtung rund um das Thema KI. Zum einen treibt die Investoren schon länger die Frage um, ob, wann und wie sich die astronomischen Milliardeninvestitionen in die neue Technologie rechnen werden. Allein die fünf größten Tech-Konzerne wollen fast 700 Milliarden Dollar in die KI-Infrastruktur stecken.
Zudem wird immer klarer, dass KI auch bestehende Branchen stark betrifft und verändert – zuletzt etwa die Diskussion darüber, ob die Softwarebranche durch (billigere) KI-Programme gefährdet sei. „Der Markt spielt im Augenblick das Thema, dass der größere Einsatz und die bessere Leistungsfähigkeit von KI viele Technologieunternehmen überflüssig macht“, erklärt Stephan Kemper von BNP Paribas gegenüber der ARD-Finanzredaktion.
An der Börse jedenfalls geht die Angst um. Der Aktienkurs des deutschen Platzhirsch SAP hat sich seit gut einem Jahr nicht zuletzt wegen dieser Ängste fast halbiert. Ebenfalls hart getroffen sind der US-Anbieter Adobe oder die so erfolgsverwöhnten Oracle-Papiere. „In dem Zuge sehen wir eine Umschichtung in alles, was KI nicht replizieren kann“, so Kemper. Das seien zum Beispiel Rohstoffe oder klassische Substanzwerte, die gleichzeitig lange Zeit unterbewertet waren.
DAX behauptet die Marke von 25.000 Punkten
Im heutigen Tagesgeschäft behauptet sich der DAX trotz neuer geopolitischer Sorgen um den Iran über der Marke von 25.000 Punkten. Auch am Vortag hatte die runde Marke gehalten. Am frühen Nachmittag steht ein leichtes Plus von 0,4 Prozent an der Anzeigetafel. An der Wall deutet sich derweil ein wenig veränderter Handelsauftakt an.
Source: tagesschau.de
