Manuel Hagel: Wenn die Gesamtheit ein Skandal ist, ist nichts ein Skandal
Es scheint, als gebe es in Deutschland kein wichtigeres Thema als den missratenen Fernsehauftritt des baden-württembergischen Spitzenkandidaten Manuel Hagel vor acht Jahren.
„Ekelhaft“ und „pädophil“ sind noch die mildesten Urteile. In Podcasts wird mal eben nach dem „Gefängnis“ gerufen, auf der Plattform X rückt man den CDU-Politiker in die Nähe von Jeffrey Epstein, und auf Instagram ist man sich einig, dass Hagel sich für das Amt des Ministerpräsidenten und überhaupt als Mensch und Politiker ein für alle Mal disqualifiziert habe. Was ist geschehen?
Der damals 29 Jahre alte CDU-Generalsekretär hatte in einer regionalfolkloristischen Sendung vom Besuch einer Realschule erzählt, „80 Prozent Mädchen“. Da gäbe es für einen jungen Politiker „schlimmere Termine“, wie er seine Pointe erkennbar stolz setzte.
Besonders angetan hatte es ihm „Eva, braune Haare, rehbraune Augen“, die ihn Hagels Darstellung nach wie in einer guten Vorabendserie erst einmal kess herausforderte (Politiker würden immer das Gleiche „schwätzen“), am Ende aber doch vom politischen Jungstar beeindruckt war. Diesen gleichermaßen schmierigen wie biederen Einstieg wählte Hagel, um zu sagen, dass Politiker volksnäher sprechen sollten.
Das hätte er leicht erzählen können, ohne die Schülerin auf ihr Aussehen zu reduzieren. Es hätte die Anekdote sogar viel glaubwürdiger gemacht, wenn er die Frage ernst genommen hätte, ohne gleichzeitig in einem augenzwinkernden Männergespräch über hübsche Minderjährige punkten zu wollen.
Alltäglicher Sexismus oder moralischer Abgrund?
Eine schwäbische Miniatur des alltäglichen Sexismus in Deutschland – aber ein politisches Todesurteil? Ein moralischer Abgrund? Und vor allem: Wie nennen wir die monströsen Verbrechen von Epstein, wenn schon beim Wort „Rehaugen“ alle Register gezogen werden? Welche Worte bleiben noch für einen Politiker wie Donald Trump, der sich nicht nur als Grapscher rühmt, sondern auch wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden ist?
Die MeToo-Bewegung ist auch deshalb hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückgeblieben, weil sie große und kleine Vergehen wild miteinander vermengte. Klar soll man über die alltäglichen Grenzüberschreitungen von Männern sprechen, am Tresen, im Büro, im Sportverein. Aber man sollte sie auch als solche einordnen – und nicht so tun, als sei ein unangemessener Flirt das Gleiche wie eine Vergewaltigung.
Wer nicht zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheidet, wirft die Gesellschaft nur um Hunderte Sexismusdebatten zurück. Und wer, wie manche Grüne, eine Schülerin für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert, kann nicht gleichzeitig behaupten, für diese zu kämpfen.
Die sprungbereite Öffentlichkeit nimmt den Ball natürlich dankbar auf. Nichts lieben Influencer so sehr wie sekundenkurze Videoschnipsel, die sie mit der eigenen Empörung garniert hinaussenden können. Man muss kein Wahlprogramm lesen, nicht mal etwas von Politik verstehen, und kann sich trotzdem zum moralischen Richter aufschwingen. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung.
Steigende Fälle häuslicher Gewalt, Vergewaltigungsphantasien auf Tiktok, kalkulierte Frauenverachtung im Privatfernsehen von Frauentausch bis Germany’s Next Topmodel? Das ist offenbar zu kompliziert, um viral zu gehen. Da jagt man lieber eine einzelne Sau durchs Dorf, bläst jedes falsche Wort zum Jahrhundertskandal auf und hat zu den wirklich schlimmen Fällen dann nichts mehr zu sagen, weil alle Empörung aufgebraucht ist.
Source: faz.net