Manfred Schoof 90: Auch Woody wollte ihn nach sich ziehen

Von ihm gibt es mehr Tonaufnahmen, bei denen er mitwirkt, als Einspielungen unter eigenem Namen. Das mag andeuten, was für den Jazzmusiker Manfred Schoof zählt: das Kollektiv, nicht das Ego. Bei ihm finden sich zudem Werke, die auf andere Künste verweisen: „Gewisse kristallinische Gebilde . . .“ nennt sich eine seiner komplexen Kompositionen. Der Titel stammt aus Paul Klees Tagebucheintrag zur Abstraktion und setzt sich assoziationsreich fort: „. . . über die eine pathetische Lava letzten Endes nichts vermag.“

Als der Komponist Krzysztof Penderecki 1971 in Donaueschingen als Dirigent debütierte, gehörte Schoof zum Jazzorchester, das „Actions“ uraufführte, Pendereckis eigenwillige Gemeinschaftskomposition mit Don Cherry. Weil sich die Bundesrepublik und die DDR seinerzeit offiziell nicht anerkannten, gab es kein Kulturabkommen, lediglich Projekte zwischen den beiden deutschen Teilstaaten. Ost-Berlin etwa schickte eine Ausstellung „Karl Friedrich Schinkel“ in die Bundesrepublik, Bonn bedankte sich mit einer Konzertreihe „Jazz aus der Bundesrepublik Deutschland“. Rainer Haarmann aus dem für solche Maßnahmen zuständigen Ministerium für innerdeutsche Beziehungen beauftragte 1983 Schoof mit der Besetzung eines Orchesters für diesen kleinen Grenzverkehr der Subkultur.

Einer der gefragtesten Jazz-Pädagogen Europas

Wen sonst? Manfred Schoof gilt seit den Sechzigerjahren als Jazz-Instanz in Deutschland. Was ihn neben vergleichbaren Größen wie Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner oder Klaus Doldinger immer ausgezeichnet hat, sind seine umfassende musikalische Kompetenz, seine Kunstgrenzen missachtende Ästhetik und sein Status als unkonventioneller Musiker der Avantgarde ohne ideologische Verhärtungen. Schoof gehört zur ersten Generation professionell ausgebildeter Jazzmusiker in Deutschland und wurde später selbst einer der gefragtesten Jazz-Pädagogen Europas.

Kurt Edelhagen hatte 1958 einen Jazzkurs an der Musikhochschule in Köln eingeführt; den ersten in Deutschland nach dem kurzen, von den Nationalsozialisten 1933 aufgelösten Studiengang von Mátyás Seiber an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt. Schoof wurde Edelhagens Meisterschüler: als Interpret, Komponist und Arrangeur, früh schon auch für TV-Produktionen und Spielfilme. Ein paar Jahre später komplettierte er als Professor den Jazzstudiengang der Hochschule, der viele Musiker anlockte und daran mitwirkte, Köln zum Nukleus der deutschen Jazzszene zu befördern.

Ein verlockendes Angebot – doch er blieb in Deutschland

Die Wegmarkierungen von Schoofs künstlerischer Laufbahn waren häufig mit den Fixpunkten der deutschen wie europäischen Jazzentwicklung identisch. Seine Karriere begann 1963 in der damals progressivsten Jazzformation, dem Quintett von Gunter Hampel, dokumentiert auf der Einspielung „Heartplants“ von 1965. Die Band löste sich im selben Jahr auf, als Schoof von Woody Herman das Angebot erhielt, in seine Bigband einzutreten. Es wäre nach dem Engagement von Rolf Kühn bei Benny Goodman möglicherweise die zweite Erfolgsgeschichte eines deutschen Musikers in einer der wichtigsten amerikanischen Bigbands gewesen.

Schoof blieb in Köln und gründete 1966 mit Gerd Dudek, Alexander von Schlippenbach, Buschi Niebergall und Jaki Liebezeit ein Quintett, das zur Keimzelle des Globe Unity Orchestra wurde, dem bedeutendsten Musiker-Pool der europäischen Free-Jazz-Szene. 1969 vereinte Schoof die Crème des aktuellen Jazz in einem Orchester, das mit „European Echoes“ die erste Veröffentlichung von FMP herausbrachte, des für lange Zeit wichtigsten Free-Jazz-Labels des Kontinents.

In der Zeit seines pädagogischen Wirkens in Köln bis zur Emeritierung im Jahr 2003 und auch danach gehörte Schoof mit eigenen Bands und als Mitglied und Arrangeur von Bigbands wie den Orchestern von George Gruntz, Kenny Clarke/Francy Boland oder Gil Evans zu den Exponenten internationaler Jazz-Avantgarde, die aus den Bruchstücken traditioneller Parameter strukturierte Jazzkunst geformt haben. Am Ostermontag feiert Schoof, bis ins hohe Alter aktiv, seinen neunzigsten Geburtstag.

Source: faz.net