„Man konnte reichlich dies Schlachtfeld laufen, ohne den Boden zu berühren“
Beim Vormarsch auf den Verkehrsknotenpunkt Corinth versammelte Nordstaatengeneral Ulysses S. Grant im April 1862 seine Truppen bei Shiloh in Tennessee. Der Überraschungsangriff der Konföderierten veränderte den Amerikanischen Bürgerkrieg.
Obwohl General Ulysses S. Grant mit der Eroberung der Südstaaten-Forts Henry und Donelson im Februar 1862 den Nordstaatlern den Weg nach Tennessee geöffnet hatte, erhielt er von seinem Vorgesetzten Henry Halleck kurz darauf einen harschen Befehl: Er habe das Kommando über seine Truppen abzugeben und sich selbst in der Etappe zur Verfügung zu halten. Das Telegramm enthielt sogar die Drohung, Grant bei seiner „Rückkehr verhaften zu lassen“.
Für den schnellen Sturz vom Helden zur Unperson war Grants Vergangenheit verantwortlich, in der er oft zum Whiskey gegriffen hatte, um der Langeweile des Garnisonsdiensts zu entfliehen. Nachdem ihm seine jüngsten Erfolge die Beförderung zum General Major eingetragen hatten, griffen Neider – zu denen auch Halleck gehörte – gern die alten Geschichten auf. Grant hatte jedoch Glück: Seine Erfolge waren nämlich auch Präsident Abraham Lincoln zu Ohren gekommen. „Ich kann auf diesen Mann nicht verzichten. Er kämpft“, erklärte er und gab Grant sein Kommando zurück. An die Kritiker erging der süffisante Auftrag, Grants liebste Whiskey-Marke zu eruieren, „damit ich meinen übrigen Generälen auch ein Fässchen davon schicken kann“.
Umgehend machte sich der Rehabilitierte daran, das in ihn gesetzte Vertrauen durch eine Offensive gegen den Eisenbahnknotenpunkt Corinth zu rechtfertigen, wo sich wichtige Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen durch das Mississippital trafen. Dafür konzentrierte Grant seine 40.000 Mann starke West-Tennessee-Armee bei Pittsburgh Landing, etwa 35 Kilometer nördlich von Corinth. Dasselbe Ziel hatten auch die 35.000 Mann der Ohio-Armee, die Unionsgeneral Don Carlos Buell von Nashville heranführte. Die Schlacht, die daraufhin am 6./7. April 1862 am Westufer des Tennessee geschlagen wurde, veränderte den Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865).
Denn die beiden Generäle hatten ihre Rechnung ohne die Südstaatler gemacht. Albert S. Johnston, der als konföderierter Oberbefehlshaber im Westen der Appalachen die Niederlagen von Fort Henry und Fort Donelson vergessen machen wollte, plante zusammen mit Pierre G. T. Beauregard einen Offensivstoß nach Norden, bevor sich beide Unionsarmeen vereinigt haben würden. Strömender Regen erschwerte zwar den Vormarsch der Konföderierten, verbarg ihn aber auch.
Grant bekannte später, nicht die leiseste Ahnung gehabt zu haben, dass ein Angriff bevorstand. Daher verzichtete er auf das Anlegen von Feldbefestigungen, sodass seine Divisionen auf einem ungeschützten Hochplateau bei der Shiloh-Kirche westlich des Tennessee Rivers kampierten. Seine Untergebenen nahmen sich daran ein Beispiel und postierten allenfalls einige Vorposten, die sich mehr um einen Wetterschutz als um heranrückende Südstaatler kümmerten. Das hatte auch mit fehlender Erfahrung zu tun. Denn das Gros der Männer bestand aus Rekruten, die noch nicht in schwerem Gefecht gestanden hatten.
Am frühen Morgen des 6. April gab Johnston den 45.000 Soldaten seiner Mississippi-Armee den Befehl zum Angriff. Dabei nutzten die Konföderierten die dichten Busch- und Waldinseln, die das Gelände unübersichtlich machten. Sie trafen auf überraschte Unionssoldaten, die sich gerade an ihr Frühstück setzen wollten. Dass ihre Linien nicht umgehend zusammenbrachen, verdankten sie der Führungskunst ihrer Befehlshaber. Einige Monate zuvor war Divisionskommandeur William T. Sherman noch seines Kommandos enthoben worden, weil er im Gefecht die Nerven verloren hatte. Nun zeigte er persönlichen Mut und Führungskunst, hielt seine Truppe zusammen und verhinderte damit ein schnelles Vorrücken der Gegner.
Daran war allerdings auch Johnston nicht ganz unschuldig. Denn er hatte seine Leute linienweise angreifen lassen. „Diese Linien gerieten bald durcheinander und waren daher orientierungslos“, schreibt der britische Historiker John Keegan: „Ohne eine Reserve, die dem Angriff neuen Schwung hätte geben können, verlor die Schlachtformation der Konföderierten Richtung und Zusammenhalt und wurde, bedingt durch das düstere Buschland, vollends konfus.“
Das erklärt die Leistung, die dem Nordstaatengeneral Benjamin M. Pentriss gelang. Dieser „politische General“, der sein Kommando vorrangig seinen guten Beziehungen in Washington verdankte, verschanzte sich mit 4500 Soldaten in einem Hohlweg, der als „Hornissennest“ in die Annalen einging. Dort hielt er den Angriffen der Rebellen so lange stand, bis Grant, der in seinem Quartier 15 Kilometer von Shiloh entfernt vom Angriff der Südstaatler überrascht worden war und mit einem Dampfboot verspätet am Schlachtfeld erschien, seine wankenden Verbände einigermaßen gesammelt hatte. Dann ergab sich Pentriss mit 2500 Überlebenden.
Die Unionstruppen waren hinter die Shiloh-Kirche zurückgeworfen worden, verfügten aber noch über genügend Material und Moral, um sich nicht geschlagen zu geben. Berühmtheit erlangte ein kurzer Dialog zwischen Sheman und Grant: „Das war heute ein verdammt harter Tag, nicht wahr?“ – „Aber morgen zeigen wir’s ihnen!“
Auf der Gegenseite hatte Beauregard das Kommando übernommen, nachdem Johnston von einer Kugel getroffen worden und verblutet war. Beauregard, der ein Jahr zuvor bei Kriegsbeginn Fort Sumter im Hafen von Charleston erfolgreich belagert hatte, verzichtete darauf, den Nordstaatlern bis in die Nacht nachzusetzen, sondern meldete einen triumphalen Sieg in die konföderierte Hauptstadt Richmond: „Nach schwerer, zehnstündiger Schlacht dank dem Allmächtigen vollständigen Sieg errungen – Feind aus allen Stellungen vertrieben.“
Während Soldaten beider Seiten zwischen Regen und dem Stöhnen der Sterbenden einen Ruheplatz suchten, erreichten die ersten Einheiten des Generals Buell die abgekämpften Truppen Grants. Auch eine Reservedivision unter Lew Wallace, der sich zuvor verirrt hatte und der später als Autor von „Ben Hur“ bekannt werden sollte, verstärkte die Linien der Union. Diese wurden zudem von gepanzerten Kanonenbooten auf dem Tennessee River unterstützt, die mit ihren Geschützen die konföderierten Lager unter Beschuss nahmen.
Am frühen Morgen des 7. April begann der Gegenangriff der Unionstruppen, am Nachmittag hatten sie ihre Ausgangsstellungen erreicht, aus denen sie am Tag zuvor vertrieben worden waren. Die Schlacht löste sich in viele Einzelgefechte auf. Gleichwohl erreichten sie eine Heftigkeit, die alles in den Schatten stellte, was im Bürgerkrieg bislang gesehen worden war. Das lag zum einen an der Verbissenheit, mit der die Gegner aufeinander einschlugen. Zum anderen an der entsetzlichen Szenerie zwischen Regen, Schnee und Eis, in der die Schlacht tobte.
Die Zahlen bestätigten die Brutalität des Kampfes. Mit jeweils 10.000 Mann Verlusten, also Toten und Verwundeten, auf beiden Seiten war der Preis fast doppelt so hoch wie in den fünf größeren Bürgerkriegsschlachten zuvor. Die Sieger waren entsetzt. Während Sherman über die „zu Bergen aufgehäuften, verstümmelten Körper toter Soldaten … ohne Kopf und ohne Beine“ jammerte, schrieb Grant in seinen Memoiren, dass es möglich war, „über das ganze Schlachtfeld zu laufen, ohne den Boden zu berühren, so war das Schlachtfeld mit Leichen bedeckt“.
Daraus zog er einen Schluss, der sich bewahrheiten sollte: Nur „durch vollständige Eroberung“ des Südens sei die Union zu retten. In diesem Sinn markierte die Schlacht bei der Shiloh-Kirche den Beginn des totalen Bürgerkriegs. Er sollte fast auf den Tag genau noch drei Jahre dauern und mehr als 650.000 Amerikanern das Leben kosten. Die Sieger am Ende hießen Grant und Sherman.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de