Man kann kombinieren Ochsen nicht in ein Rennpferd verwandeln

Dem Bundespräsidenten gelingt es einfach nicht, seine Auftritte – ob im kleinen oder im großen Format – zu empathischen Publikumserlebnissen zu machen.

Viele Worte sind in dieser Woche über den Bundespräsidenten und seine Rede im Auswärtigen Amt verloren worden. Frank-Walter Steinmeier sprach davon, der Krieg gegen den Iran sei nach seiner Einschätzung völkerrechtswidrig. Die einen widersprachen ihm ärgerlich, seine ehemaligen Genossen feierten ihn.

Interessant ist vor allem die Frage, aus welchem Grund Steinmeier – anders als gewöhnlich – in die aktuelle Politik eingriff. Die Antwort ist eine traurige: Der Bundespräsident ringt um Aufmerksamkeit.

Zum einen ist er dem Schicksal anheimgefallen, das einige Bundespräsidenten in ihrer zweiten Amtszeit trifft: Sie verlieren ihre Arbeitsthese, ihr Motto, das sie fünf Jahre lang trägt. In seinen ersten fünf Jahren war es das beständige Beschwören der offenen Gesellschaft. In der zweiten auch – nur da hörte niemand mehr hin. Zum anderen ist es das ewige Moll, das man aus seinen Reden heraushört, vorgetragen mit einer Mimik, als lutschte der Bundespräsident an einer Zitrone.

Lesen Sie auch

Die Verkörperung des höchsten Staatsamtes kann auch fröhlich ausgeübt werden. Theodor Heuss und auch Walter Scheel waren dazu in der Lage. Heuss war bestrebt, der jungen Bundesrepublik eine „zwanglose Würde“ zu verschaffen. Steinmeier hat daraus eine stelzbeinige Würde gemacht. Er ist einfach nicht in der Lage, seine Auftritte – ob im kleinen oder im großen Format – zu empathischen Publikumserlebnissen zu machen.

Vorwerfen kann man ihm das nicht. Ein Ochse lässt sich nicht zum Rennpferd umformen. Aber mit Blick auf seinen Nachfolger sollte zumindest darauf geachtet werden, dass dieser nicht ständig an moralischem Sodbrennen leidet.

Source: welt.de