Luftverkehr: Memmingen hebt ab
Die deutsche Luftfahrt hat das Jammern und Klagen gelernt. Seit Jahren schimpft sie auf die Politik und die Flugsicherheit, weil sie mit Steuern, Gebühren und strengen Umweltvorschriften das Fliegen verteuern. Noch immer hat Deutschland im Flugverkehr nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht, während das im Rest Europas längst der Fall ist. Doch weitab der großen Flughäfen spielt in der bayerischen Provinz seit Jahren eine Luftverkehrserfolgsgeschichte, die in Deutschland unübertroffen ist.
Die Rede ist von Memmingen, an der Grenze von Bayern zu Baden-Württemberg. Nur 45.000 Einwohner hat die Stadt – aber einen eigenen Flughafen. Und der ist äußerst erfolgreich, ganz anders als fast alle anderen Regionalflughäfen, die meist mit geringen Passagierzahlen und desolaten Finanzen bis hin zur Insolvenz kämpfen. Der Flughafen Memmingen hingegen macht Gewinn und wächst seit Jahren. Die dort aktiven Fluglinien bieten derzeit mehr als doppelt so viele Plätze in ihren Maschinen an als in der Zeit vor der Corona-Pandemie. Das zeigen Zahlen zum Sitzangebot für den Reisezeitraum Dezember 2025 bis Mai 2026. Auch in den Jahren zuvor hat das Angebot in Memmingen schon deutlich zugelegt. In Deutschland insgesamt haben die Flughäfen hingegen durchschnittlich nur 87 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreicht, manche Flughäfen sogar gerade einmal 70 Prozent.
3,5 Millionen Passagiere
Kein anderer Flughafen in Deutschland ist seit der Pandemie mehr gewachsen als Memmingen, weder große Drehkreuze wie Frankfurt oder München noch kleine Regionalflughäfen . Flugstreichungen vor allem von Billigfliegern, die viele Flughäfen in Deutschland betrafen, nahmen zwar auch Memmingen nicht aus. Aber der Wachstumstrend bleibt erhalten. Bis Mai soll das Angebot noch einmal um elf Prozent im Vergleich zur gleichen Vorjahresperiode steigen. Die Passagierzahlen überschritten 2025 die Marke von 3,5 Millionen, doppelt so viel wie 2019. Damit ist Memmingen Deutschlands größter Regionalflughafen, weit vor Frankfurt-Hahn, Weeze oder Karlsruhe. Selbst Flughäfen von Großstädten wie Dortmund und Bremen hat er überholt und den in Nürnberg fast eingeholt. Er ist jetzt der zehntgrößte in Deutschland.
Mit einem klassischen Regionalflughafen hat Memmingen allenfalls die Geschichte gemeinsam. Er entstand auf einem ehemaligen Militärflughafen, der nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gebraucht und von der Luftwaffe aufgegeben wurde. 2007 wurde der zivile Flugbetrieb aufgenommen.
Gewinne und keine laufenden Betriebssubventionen
In Memmingen sticht seitdem nicht nur die positive wirtschaftliche Entwicklung heraus. Nach eigenen Angaben schafft der Flughafen das im laufenden Betrieb ohne öffentliche Mittel. Bis Ende 2023 seien nur einmalige, projektbezogene Investitionszuschüsse von rund 20 Millionen Euro geflossen, etwa in die Erneuerung und Verbreiterung der Landebahn und für die Flughafenfeuerwehr.
Ungewöhnlich sind auch die Eigentümer. Der Staat ist nur über den Landkreis Neu-Ulm und die Allgäuer Investitionsgesellschaft beteiligt. Die große Mehrheit liegt in der Hand von fast 100 regionalen Unternehmern und Privatpersonen. So hat sich der Logistikkonzern Dachser ebenso beteiligt wie die Memminger Firmen Magnet-Schultz (elektromagnetische Systeme), Berger (Maschinenbau) und Kolb (Verpackungsindustrie) mit teilweise mehr als 1000 Mitarbeitern.
Heimflüge von osteuropäischen Arbeitern als Basis
All diese Firmen haben ein großes Interesse an einem Flughafen in der Nähe. Sie sind zum Teil stark auf den Export ausgerichtet. Und beschäftigen viele osteuropäische Mitarbeiter. Ihre Flüge in die Heimat machen einen Großteil der Passagiere des Flughafens aus. Daher ist mit Wizz Air auch der größte osteuropäische Billigflieger neben Ryanair der Hauptkunde des Flughafens.
Aber nicht nur die Unternehmen in unmittelbarer Nähe nutzen den Flughafen. Das Einzugsgebiet ist weiter. Es reicht bis Augsburg, zu den Mittelständlern auf der Schwäbischen Alb, nach Ulm und zum Bodensee. Für sie sind die Flughäfen München oder Stuttgart teilweise auch nicht näher und wegen dort unterrepräsentierter Billigflieger teurer.

„Der Flughafen Memmingen ist ein wichtiger Standortfaktor, da er die internationale Erreichbarkeit unserer Region verbessert und damit die Geschäftsbeziehungen sowie die Standortattraktivität der heimischen Unternehmen stärkt“, sagt Reinhold Braun, der Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwaben. Memmingen profitiert dabei auch von einer guten Verkehrsanbindung an zwei wichtige Autobahnen und der Kreuzung wichtiger Eisenbahnlinien. Auch die Fernbusse von Flixbus steuern den Flughafen an.
Mit so vielen reisefreudigen Unternehmen können die meisten anderen Regionalflughäfen nicht aufwarten, die teilweise in strukturschwachen Gegenden wie dem Hunsrück liegen (Frankfurt-Hahn). Dort sollen die Flughäfen Arbeitsplätze in unterentwickelte Regionen bringen. Das beschränkt das Passagierpotential. Die Fluggäste wollen hier vor allem in den Urlaub ans Mittelmeer.
Passagiere wollen nach München, Neuschwanstein oder in die Allgäuer Berge
Solche touristischen Flüge kommen in Memmingen obendrauf. Auch in umgekehrter Richtung, auf dem Weg zu den Ski- und Wandergebieten im Allgäu, zum Bodensee oder zum Schloss Neuschwanstein bei Füssen, was vor allem für die Flüge von Großbritannien und Irland gilt. Viele wollen über Memmingen sogar günstig nach München kommen, auch wenn die Landeshauptstadt 110 Kilometer entfernt liegt. Eine Zeit lang wurde der Flughafen Memmingen von Ryanair als „München-West“ vermarktet.
Seine touristische Wirkung hat das Ifo-Institut 2019 im Auftrag des bayerischen Wirtschaftsministeriums untersucht. Nach einer Fluggastbefragung waren im Frühjahr und Sommer 2018 im Durchschnitt 40 Prozent der Passagiere anreisende Gäste. Knapp zwei Drittel der übernachtenden Passagiere blieben in Bayern, manche fuhren nach Baden-Württemberg, in die nahe Schweiz und nach Österreich weiter. Ins Allgäu kamen zwischen 2008 und 2016 infolge des Flughafens durchschnittlich 15 bis 18 Prozent mehr Gäste. 2018 sei die Kaufkraft in der Region durch den Flughafen direkt und indirekt um 170 Millionen Euro gestiegen, heißt es in der Untersuchung. Die größten Profiteure waren demnach Hotels und Restaurants sowie der Einzelhandel. Statistisch wurden dadurch 1766 Arbeitsplätze geschaffen.
In diesem Winter werden 47 Reiseziele in 24 Ländern angeflogen, im Sommerflugplan 2025 waren es 59 Ziele. Besonders gefragt sind Palma de Mallorca, Tirana und Pristina. Auch Sofia, Skopje, London-Stansted und Bukarest gehören zu den meistgenutzten Routen. Frachtgeschäft gibt es keines.
Billigairlines bevorzugen die günstigen Regionalflughäfen
Das ist auch nicht nötig. Die Nachfrage durch die Beschäftigten der lokalen Unternehmen und durch den Tourismus reicht aus. Billigairlines mögen den Standort ebenso wie andere Regionalflughäfen, weil sie weniger Gebühren als die großen Konkurrenten verlangen und eine raschere Abfertigung ermöglichen. Die Maschinen sind dadurch schneller wieder in der Luft, was die Wirtschaftlichkeit erhöht. So ist es nicht überraschend, dass die Regionalflughäfen zuletzt viel stärker wuchsen als die großen Flughäfen, zumal bei ihnen der Geschäftsreiseverkehr und der schrumpfende innerdeutsche Flugverkehr keine große Rolle spielen. Aber Ryanair & Co. sind auch radikaler, wenn das Wachstum mal nachlässt, und verlagern dann schnell Flüge ins Ausland. Dieses Risiko gilt auch für Memmingen.
Die Verantwortlichen des Flughafens bleiben trotzdem optimistisch. Sie setzen auf Ausbau, um die Kapazität zu erhöhen und den Komfort zu verbessern. Das Terminal erhält eine zweite Ebene und einen neuen Ankunftsbereich sowie zwei zusätzliche Flugsteige. Bisher sind es elf. Das Vorfeld soll erweitert und zwei zusätzliche Parkpositionen für Flugzeuge sollen geschaffen werden. Derzeit können sechs Maschinen dort stehen. Es sieht danach aus, dass der Flughafen Memmingen auch in den nächsten Jahren Deutschland verblüffen kann.