Luftkampfsystem: Was wird aus dem 100 Milliarden Euro schweren Rüstungsprojekt FCAS?

Die Zuversicht, dass Deutschland und Frankreich beim Luftkampfsystem FCAS noch zusammenfinden, ist weitgehend erloschen. Schon vor der vergangene Woche geäußerten Skepsis von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprachen Projektbeteiligte von einer mehr als 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass Europas teuerstes Rüstungsvorhaben in der geplanten Form scheitert. Merz verwies im Podcast „Machtwechsel“ auf sehr unterschiedliche Anforderungen von Deutschland und Frankreich an ein zukünftiges Kampfflugzeug. Damit verpasste er FCAS aus Sicht vieler Beobachter den Todesstoß.
Schließlich gibt es seit Monaten auch keine Annäherung in der Streitfrage, ob das französische Unternehmen Dassault, anders als vereinbart, bei der Flugzeugentwicklung die Führung übernehmen soll. Diese ist die zentrale Säule in dem 100-Milliarden-Euro-Projekt. Immer lauter werden nun auf deutscher Seite die Forderungen nach einem Schlussstrich. „Es wird Zeit, das Drama mit Dassault endlich zu beenden“, sagte Thomas Pretzl der F.A.Z. Er ist Betriebsratschef der Airbus-Rüstungssparte, die in Bayern sitzt und zusammen mit Dassault Hauptauftragnehmer von FCAS ist. Pretzl fordert ein eigenes, federführend von Airbus gebautes Kampfflugzeug.
„Europäische Souveränität, Unabhängigkeit von den USA darf Deutschland nicht in die Abhängigkeit der französischen Firma Dassault führen“, mahnt der Betriebsratschef mit Blick auf Frankreichs Führungsanspruch. Pretzl spricht nicht für den Airbus-Gesamtkonzern. Dessen Vorstandschef Guillaume Faury hatte erst vor wenigen Tagen betont, dass FCAS aus seiner Sicht weiterhin „als Ganzes sinnvoll ist“. Man sollte „den Fortschritt und das Erbe“ der anderen Projektsäulen wie Drohnen, Combat Cloud und Triebwerke nicht gefährden – selbst wenn Berlin und Paris beim Kampfflugzeug nun getrennte Wege gingen.
Diese Standfestigkeit habe in Paris manche überrascht
Stellvertretend für die deutsche Industrie spricht Pretzl aber durchaus. So fordern auch der Bundesverband der Deutschen Luft‑ und Raumfahrtindustrie (BDLI) und die IG Metall eine „Zwei-Flugzeug-Lösung“ innerhalb von FCAS. Deutschland und Frankreich sollten jeweils eigene Flugzeuge entwickeln. Dassaults „rigorose Haltung“ sei „nicht mehr als Führungsanspruch unter gleichberechtigten Partnern zu verstehen“, schrieb die IG Metall mit dem BDLI im „Handelsblatt“ – und verärgerte damit die Gewerkschaftskollegen von der französischen CGT. Sie wehrte sich dagegen, Dassault zum „Sündenbock für dieses Fiasko“ zu machen.
Der Ball liegt im Kanzleramt und im Élysée-Palast. Die für kommenden Montag geplante Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron zur französischen Nukleardoktrin ist ein wichtiges Eckdatum, soll das zukünftige Kampfflugzeug doch auch atomwaffenfähig sein. Als solches soll es planmäßig Anfang der 2040er-Jahre der von Dassault gebauten Rafale nachfolgen. Bis zuletzt pochte Berlin darauf, dass sich die Franzosen bei FCAS an die vereinbarte Arbeitsteilung halten. Airbus dürfe nicht zu einem reinen Zulieferer von Dassault werden. Diese Standfestigkeit habe in Paris manche überrascht, heißt es aus deutschen Diplomatenkreisen.
Frankreichs Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027, die die Rechtspopulisten an die Macht bringen könnte, spielt dabei keine unwesentliche Rolle. Diese drohen unverhohlen, europäische Rüstungsprojekte zu beerdigen. Schon jetzt zeichnet sich ein Machtverlust von Macron ab, der FCAS 2017 aus der Taufe gehoben hatte und zuletzt nicht mehr fähig schien, Dassault und die erstarkenden Souveränisten in der mächtigen Rüstungsbeschaffungsbehörde DGA auf Linie zu bringen. Offen ist jedoch, ob der französische Staat ein neues Kampfflugzeugprogramm in Eigenregie finanzieren könnte.
Deutschland wiederum könnte sich mit Schweden zusammentun oder sich dem schon bestehenden britisch-italienisch-japanischen Programm anschließen. Lauter werden aber auch die Stimmen derer, die teure und langwierige Vorhaben für bemannte Kampfflugzeuge grundsätzlich infrage stellen. „Die Zukunft der Luftkriegsführung liegt nicht in immer komplexeren, bemannten High-End-Plattformen mit zwanzigjährigen Entwicklungszeiten“, schrieb der frühere Airbus-Chef Tom Enders im „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Sie liege in „hochintelligenten autonomen Drohnensystemen“, bei denen Software, KI-Fähigkeit und kostengünstige Massenproduktion wichtiger sind als Cockpit-Design oder aerodynamische Perfektion.