Lufthansa-Piloten-Streik: „Wir verdienen dies, welches wir fordern“

Andreas Pinheiro hat eine schwere Aufgabe. Gerade hat der Lufthansa-Konzern vorgerechnet, dass Piloten der Kernmarke, die aktuell in Rente gehen, im Ruhestand – je nach Beschäftigungsdauer und Laufbahn – mit Einkünften von etwa 8400 Euro im Monat aus gesetzlicher und betrieblicher Rente kalkulieren können. Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit (VC), muss erklären, warum es dennoch richtig ist, dass die Pilotengewerkschaft für höhere Einzahlungen der Lufthansa in einen Betriebsrentenfonds und somit für höhere Renten sogar zum Streik aufruft. Mancher Passagier, dessen Flug nun ausfällt, dürfte das anders sehen.

„Wir verdienen das, was wir fordern“, sagt Pinheiro im Gespräch mit der F.A.Z. „Es ist nicht so, dass wir der große Leuchtturm der Luftfahrt wären, international liegen wir eher im Mittelfeld.“ Das ist sein Schluss aus einem Vergleich mit anderen Fluggesellschaften. Nicht mit Billigfliegern, sondern mit Airlines wie Air France, British Airways oder US-amerikanischen Gesellschaften, die wie Lufthansa mit einem Premium-Anspruch antreten und ein Netzwerk mit Drehkreuzen, an denen Zubringer und Luftstreckenflieger sich treffen, betreiben. „Wir vergleichen uns mit denen, diesem Vergleich muss sich auch Lufthansa stellen“, sagt Pinheiro.

Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann hatte Stunden zuvor zu den Betriebsrenten erklärt: „Eine Topversorgung können wir nicht verdoppeln.“ Er verwies auf Verluste der Kernmarke Lufthansa und deren noch immer geringe Profitabilität. Die Vereinigung Cockpit fordert derweil, dass neben Grundgehältern auch Zulagen für die Berechnung herangezogen werden, wie viel Lufthansa für jeden Piloten der Kernmarke und der Frachtgesellschaft Lufthansa Cargo – laut VC sind es 5500 – in die betriebliche Altersversorgung einzahlt.

Piloten beklagen Missstand in der Altersversorgung

Bislang gilt, dass ein Betrag in der Höhe von 5,2 Prozent des Gehalts in den Topf fließt – für Einkommen bis zur Bemessungsgrenze der gesetzlichen Rentenversicherung von 96.600 Euro. Für Einkommen darüber gilt der vierfache Satz von 20,8 Prozent. Durch die geforderten Änderungen würde der Vervierfachungsfaktor stärker zum Tragen kommen.

Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit:  „International liegen wir eher im Mittelfeld.“
Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit:  „International liegen wir eher im Mittelfeld.“dpa

Nach Lufthansa-Rechnungen würde sich letztlich die Summe verdoppeln, die der Konzern monatlich für die betriebliche Altersversorgung aufbringen müsste. Die Vereinigung Cockpit beklagt, dass im System der Altersversorgung Mängel offensichtlich geworden seien. Die hingen damit zusammen, dass 2017 von einer garantierten Auszahlungshöhe auf garantierte Einzahlungen umgestellt wurde.

Die Rendite der Fondsanlagen scheint seitdem geringer als erwartet geblieben zu sein. Lufthansa hält dagegen, dass es Gehaltserhöhungen gegeben habe, jede habe sich auf die Altersversorgung ausgewirkt, da die Einzahlungen von den aktuellen Einkommen abhingen.

Gewerkschaft sieht Entgegenkommen nicht gewürdigt

Schon zum Ende des Jahres 2024 hatte die VC den Tarifvertrag zur Rente gekündigt. Im September 2025 ließ die Gewerkschaft dann ihre Mitglieder über einen möglichen Streik abstimmen. „Die Zustimmung zu einem möglichen Streik war groß. Wir haben dem Arbeitgeber dennoch Zeit gegeben, noch ein Angebot zu unterbreiten“, sagt Pinheiro. Das sei aus seiner Sicht aber nicht gekommen. „Die Lufthansa verweigert jedes Gespräch, das über ein Angebot von null hinausgeht.“ Null bezeichnet in dem Fall die mögliche Erhöhung der Einzahlungen in die Altersversorgung.

Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann: „Eine Topversorgung können wir nicht verdoppeln.“
Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann: „Eine Topversorgung können wir nicht verdoppeln.“dpa

Auch ein Entgegenkommen der Vereinigung Cockpit sei nicht honoriert worden. Die VC habe ein reduziertes „Kurzläuferangebot“ mit Laufzeit bis Ende 2026 vorgelegt, „damit wir bis zum Ende des Jubiläumsjahrs Ruhe haben“. Lufthansa feiert 2026 den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Der Konzern habe aber Fristen verstreichen lassen.

Niggemann hatte zuvor erklärt, dass Lufthansa sehr wohl zu Gesprächen unter anderem über die Anlagestrategie des Versorgungsfonds bereit gewesen sei, um möglicherweise zu höheren Renditen zu kommen. Pinheiro sagt, die Anlagepolitik sei gar nicht Gegenstand der VC-Forderungen gewesen. Es müsse sich etwas in Bezug auf die Einzahlungen ändern. Wie das Geld für die Pilotenrenten angelegt wird, entscheidet regelmäßig ein Ausschuss, in dem Konzern- und Gewerkschaftsvertreter zusammensitzen.

Auch Flugbegleiter treten in den Ausstand

Nun wird gestreikt. Neben den Piloten, die Flugzeuge der Kernmarke und von Lufthansa Cargo fliegen, treten auch Flugbegleiter in den Ausstand. Deren Gewerkschaft UFO beklagt, dass Lufthansa in Verhandlungen zum Manteltarifvertrag „auf keinerlei Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen“ für die Kabinenbeschäftigten eingegangen sei und „Einschnitte in bestehende Schutzregelungen vornehmen“ wolle.

„Dienstplanung an den gesetzlich zulässigen Sicherheitslimits führt zu Übermüdung durch Belastung. Das ist gefährlich für Flugzeugbesatzungen und für Passagiere“, erklärte der UFO-Vorsitzende Joachim Vázquez Bürger. Zudem moniert UFO, dass für die zur Schließung vorgesehene Betriebseinheit Lufthansa Cityline Tarifgespräche über einen Sozialplan verweigert worden seien. Eine Abstimmung zum konzertierten Streiken bestätigen Arbeitnehmervertreter nicht.

Hinter den verschiedenen Gewerkschaftsforderungen im Einzelnen dürfte allerdings der Unmut darüber stehen, dass Lufthansa neue Tochtergesellschaften mit niedrigeren Kostenstrukturen aufbaut. Für Urlaubsstrecken ist Discover Airlines entstanden, für kurze Städteverbindungen Lufthansa City Airlines, die damit fast namensgleich zur alten Lufthansa Cityline ist. Doch Fragen der Konzernstrategie sind kein rechtmäßiger Streikgrund, die Gewerkschaften schwiegen deshalb dazu.

Für Passagiere bleibt die Frage, ob auf den Streikdonnerstag bald weitere Ausstände folgen. Pinheiro sagt dazu: „Die Tarifverhandlungen sind nach sieben Runden gescheitert, der Arbeitgeber sollte endlich ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegen. Wenn das nicht passiert, wird die Tarifkommission über die nächsten Schritte entscheiden.“ Vorerst bleiben unterschiedliche Urteile, welche Seite sich vor dem Streik ungeschickt verhalten habe.

Pinheiro sagt, Lufthansa habe nicht zur Deeskalation beigetragen. Niggemann hatte erklärt, dass die hohen Gewerkschaftsforderungen „nicht zielführend“ seien, um ein Schrumpfen der Kernmarke Lufthansa und die Expansion von Tochterbetrieben mit anderen Konditionen aufzuhalten. „Wir sind in einer Schrumpfung von Lufthansa Classic. Wir setzen neue Flugzeuge dort ein, wo sie profitabel sind“, sagte er.