Lohn- versus Kapitaleinkommen: Läuft jetzt eine Umverteilung „von oben nachdem unten“?

Der Anteil der Löhne von Arbeitnehmern am gesamten Volkseinkommen hat in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Die sogenannte Lohnquote ist im vergangenen Jahr auf knapp 75 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert dieser verteilungspolitisch wichtigen Kennziffer seit der Wiedervereinigung. Seit einem Tiefstand von 65 Prozent im Jahr 2007 hat sie sich um zehn Prozentpunkte erhöht. Dagegen ging der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen spiegelbildlich auf 25 Prozent zurück. Das zeigt eine neue Analyse des ar­beit­ge­ber­nahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Dieser Anstieg der Lohnquote widerspricht der verbreiteten Wahrnehmung, dass Kapitaleinkommen laufend stärker steigen als die Löhne der Arbeitnehmer. Zumindest diese zentrale Kenn­ziffer aus der amtlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) liefert keinen Beleg für eine wachsende Kluft zwischen Ar­beits- und Vermögenseinkommen, zwischen abhängig Beschäftigten und Kapitaleignern.

Wird die soziale Kluft wirklich größer?

Dies ist auch insofern interessant, als in politischen Debatten eine solche Kluft oft für eine gesellschaftliche Spaltung verantwortlich gemacht wird. „Die Wahrnehmung, dass man selbst nicht nur zu wenig vom Kuchen ab­bekommt, sondern andere auch noch das einem selbst zustehende Kuchenstück erhalten, wird von populistischen Parteien, allen voran der AfD, erfolgreich instrumentalisiert“, schrieb etwa die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in ihrem „Verteilungsbericht 2025“.

Einen Anlass zur Frage, „ob sich die Verteilung langfristig weg von den Ar­beits- und hin zu den Kapitaleinkommen verlagert“, sieht auch IW-Forscher Michael Gröm­ling, der Autor der Analyse zur Lohnquote. Nachdem lange Zeit Globalisierung und Deregulierung für Verschiebungen zulasten der Ar­beit­­­nehmer verantwortlich gemacht wurden, steht heu­te vor allem der technologische Fortschritt im Blickfeld: Künstliche Intelligenz, so der Ge­dan­ke, könnte bald viel mensch­liche Arbeit ersetzen, dadurch Löhne unter Druck bringen und Kapitaleignern nützen. Zuweilen werden schon For­de­rungen nach einer „KI-Steuer“ erhoben, um derlei auszugleichen.

Niedrige Lohnquote gleich „Umverteilung von unten nach oben?“

An der tatsächlichen Entwicklung der Lohn­quote zeigt sich allerdings bisher nichts davon. Ende der Zehnerjahre hatte sie erstmals wieder die Marke von 70 Prozent übersprungen, ihren langjährigen Mittelwert. Nach einem Sprung auf 73 Prozent im Corona-Krisenjahr 2020 fiel sie zwar zunächst wieder etwas zurück, kletterte dann aber noch höher.

Früher spielte die Lohnquote für Gewerkschaften in Tarifrunden eine große Rolle. Sie diente ihnen als Beleg, dass kräftige Lohnerhöhungen nötig seien, um Arbeitnehmer fair am Wohlstandszuwachs zu beteiligen. Denn ei­ne sinkende Lohnquote zeige eine schleichende Umverteilung von Arbeit zu Kapital. Vor ihrer Tarifrunde 2008 argumentierte die IG Metall so: Mit dem „Absturz“ der Lohnquote auf damals 65 Prozent habe „die Umverteilung von unten nach oben“ eine „neue Qualität erreicht“. Damit begründete sie eine nach damaligen Kriterien hohe Forderung von acht Prozent. Inzwischen ist diese Kennziffer aus der Tarifpolitik verschwunden.

Mehr Betriebsrenten drücken auf die Lohnquote

Was aber erklärt den Anstieg der Lohnquote? Ihn allein auf eine wachsende Macht der Gewerkschaften zurückzuführen, griffe wohl zu kurz. Doch haben Löhne eine Eigenschaft, die sich in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche als Vorteil für Arbeitnehmer erweist: Löhne sind viel stabiler als Unternehmensgewinne – letztere können in Krisen deutlich sinken oder sogar negativ, also zu Verlusten, werden. Die Statistik bestätigt den Zusammenhang, wie Grömling darlegt: „Auch für die früheren Jahrzehnte in Westdeutschland zeigt sich, dass die Lohnquote besonders in konjunkturell schlechten Zeiten stark ansteigt.“ Ein neuer Aufschwung könnte die Quote demnach wieder senken.

Daneben sind aber noch andere Faktoren zu beachten: Zum einen bildet die Lohnquote die Einkommensposition von Ar­beitnehmern insofern unvollständig ab, als diese neben ihrem Lohn zuweilen auch Kapitaleinkünfte wie Zinsen oder Mieten haben. Grömling zufolge sind etwa ein Fünftel aller Un­ternehmens- und Vermögenseinkommen Zusatzeinkünfte von Arbeitnehmern. Und zum anderen drückt es auf die volkswirtschaftliche Lohn­quote, wenn kapitalgedeckte Altersvorsorge in Form von Betriebsrenten an Bedeutung gewinnt. Denn diese werden von der Volkswirtschaftlichen Ge­samt­­rechnung schon in der Ansparphase auf der Seite der Vermögenseinkommen verbucht, wie der Forscher erklärt.

Der aktuelle Rekordstand der Lohnquote relativiert manche Gerechtigkeitsdebatten, er macht aber nicht gleich alle Diskussionen gegenstandslos. Denn als makroökonomische Kenn­zahl sagt die Lohnquote nichts darüber aus, wie die Einkommen innerhalb der Arbeitnehmerschaft verteilt sind und wie zielgenau der Sozialstaat bedürftige Menschen unterstützt. Allerdings, so urteilt Grömling, solle man „Veränderungen des politischen Klimas“ nicht vorschnell auf eine „zunehmende Schieflage in der makroökonomischen Einkommensverteilung“ zurückführen.