Liza Minnelli wird 80: Die Stimme einer Phase
Es gibt Künstlerinnen, die man bewundert, und andere, die man erkennt, wie Liza Minnelli. Schon ihre Silhouette im Scheinwerferlicht ist unverwechselbar. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit den stechenden Augen entspricht keinem Schönheitsideal und ist doch so charakteristisch. Und ihrer Art, Songs nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu leben, intensiv, schmerzensreich und existenziell, als würde sie tatsächlich im Moment des Vortrags um Fassung ringen, kann man sich kaum entziehen.
Was es bedeutet, von Kindesbeinen an im Scheinwerferlicht zu stehen, wusste die 1946 in Los Angeles geborene Tochter des einstigen Kinderstars Judy Garland und des Regisseurs Vincente Minnelli. Trotz ihrer Herkunft aus dem Showbiz-Adel war sie kein Nepo-Baby, sondern Künstlerin aus eigener Kraft. Im Rampenlicht zu stehen, hielt sie nicht für ihr Geburtsrecht, ihr Weg über den roten Teppich schien nie ein Spaziergang zu sein, sondern geprägt vom Ringen um künstlerische Autonomie.
Nicht Schönheit oder Erotik ist entscheidend, sondern Wahrhaftigkeit
Das machte sie seit ihren Anfängen als Sängerin im New York der Sechzigerjahre bis hin zu ihren legendären Auftritten in der Carnegie oder der Radio City Music Hall interessant. Häufig wird das Jahr 1973 als Höhepunkt ihrer Karriere genannt. Damals gewann sie den Oscar für ihre Darstellung der Sally Bowles, jener Tänzerin im Film „Cabaret“ nach Christopher Isherwoods Vorlage, die im Berlin der Weimarer Republik im Glitzer taumelt, während die Geschichte kippt. Auch hier spielt Minnelli nicht gegen die Tragik an, sondern durchdringt sie wie in dem Trotzsong „Mein Herr“, der wehmütigen Ballade „Maybe This Time“ oder dem programmatischen Finale „Life is a Cabaret“.
Dass Liza Minnelli zu den wenigen Künstlerinnen zählt, die alle vier großen Auszeichnungen der Unterhaltungsbranche erhalten haben – Emmy, Grammy, Oscar und Tony –, bezeugt ihre Vielseitigkeit. Sie wechselt die Genres wie andere den Zylinder, vom Film zum Fernsehen zum Musical zur Solo-Sängerin. Als letzte große Unterhaltungskünstlerin der analogen Zeit ist ihr darin vielleicht nur Barbra Streisand ebenbürtig, während man in Europa an Edith Piaf denkt, um eine vergleichbar radikale Unmittelbarkeit im Chanson zu finden. Auch bei der Piaf ist wie bei Minnelli und Streisand nicht Schönheit oder Erotik entscheidend, sondern Wahrhaftigkeit. Deshalb berühren uns ihre Texte, Lieder und Performances, weil sie von Grenzerfahrungen handeln zwischen Kontrolle und Kollaps, Bekenntnis und Selbstschutz, Drama und Glamour.

Egal, wo Liza Minnelli steht, ist da eine Bühne. Das geht so weit, dass ihre faszinierendsten Filme tatsächlich im Theater spielen. Neben Sally Bowles in „Cabaret“ ist das Francine Evans, die Tingeltangelsängerin, die es in ihrer Heimatstadt und nur da schaffen will, wie es in dem berühmten, für den Film „New York, New York“ geschriebenen Song heißt. Martin Scorseses Noir-Musical fiel 1977 durch. Die „New York Times“ schmähte es als „nervös und selbstgefällig“, und der Film wurde zum Sargnagel von Liza Minnellis Karriere als Schauspielerin – völlig zu Unrecht.
Allein, wie sie in der Schlussszene noch einmal auf der Bühne des New Yorker Theaters steht, auf der die Geschichte 155 Filmminuten zuvor begann und „New York, New York“ zur Überlebenshymne hochjazzt, ist ein Erlebnis. Weil Liza Minnelli nicht einfach nur singt, sondern den Song mit jeder Faser ihres Körpers auszudrücken scheint. Mit vollem Einsatz treibt sie ihre Stimme immer weiter nach oben, während sie mit sich, ihren Sehnsüchten und Dämonen ringt, bis „New York, New York“ schließlich zum Schlussakkord einer weiblichen Selbstbestimmung wird.
Durchgefallen war der Film, weil Scorsese nach „Taxi Driver“ mit dieser scheinbar nostalgischen Reise in die Big-Band-Ära der Vierzigerjahre Neuland betrat. Heute begreift man, nicht zuletzt dank Minnelli, wie sich alte und neue Ästhetik, Musical und New Hollywood hier verbinden; sie verkörperte beides. Und während Frank Sinatra, der mit dem Film nichts zu tun hatte, aber den Song berühmt machen sollte, eigentlich nur über eine Stadt singt, die niemals schläft, erzählt Minnelli mit dem Song eine andere Geschichte: die einer Frau, die ihre Stimme findet, musikalisch, aber mehr noch in einem von Männern dominierten Leben, denen sie endlich – „I’m leaving today“ – den Rücken kehrt. Am heutigen Donnerstag wird Liza Minnelli achtzig Jahre alt.
Source: faz.net