„Live-Krimi-Dinner“ im Ersten: „Er wollte ein mörderisches Spiel“

„Wer hätte das gedacht?“, sagt die Moderatorin Jessy Wellmer. Die meisten Zuschauer, die sich an der Abstimmung beteiligen, wer beim „Live-Krimi-Dinner“ der ARD am Samstagabend mit dem Titel „Tödliches Spiel“ der Mörder sei, haben es sich gedacht und liegen mit ihrem Tipp richtig: Der Mörder ist diesmal nicht der Gärtner.

Das könnte einen auf den Gedanken bringen, dass das Rätsel zu leicht war und am Ende, nach drei Akten, jeder wissen sollte, wer hier die Fäden zieht. Doch so ist es nach zweieinhalb langen, aber unterhaltsamen Stunden nicht. Dafür haben die Beteiligten ihre Rollen zu gut gespielt. Die Regie hat sich die richtigen Wendungen einfallen lassen und der Erzähler und Oberspielleiter Raven (Axel Prahl) ausreichend falsche Fährten gelegt. Dass die ARD das Krimi-Theater, das den Maßgaben eines jahrzehntealten Konversationsspiels folgt und aussieht wie Opas Fernsehen aus den Sechzigerjahren, als „innovatives TV-Experiment“ ausflaggt, ist zwar unfreiwillig komisch, aber – die Sache funktioniert.

Sieben Personen, sechs Verdächtige

So reisen zur Feier des 70. Geburtstags des Brettspielpaten Maximilian Kamp­stahl (Uwe Ochsenknecht) auf einem verschneiten Schloss in den Bergen also sieben Herrschaften an, von denen sich sechs bis zum Ende für das nun folgende Verbrechen verdächtig machen: der „Freispiel“-Gründer selbst, seine neue Lebensgefährtin Zoe (Martina Hill), der er gerade die Führung der Firma anvertraut hat; sein Sohn und Spieleerfinder Anselm (Max Giermann), seine ehrgeizige Tochter Eila (Verena Altenberger); deren Frau, die Psychiaterin Helene Blesnik (Annette Frier), der Anwalt und Vertraute des Unternehmers Dr. Menasse (Serkan Kaya) und der Chauffeur Rocco (Juergen Maurer). Tom Kaulitz, Jasna Fritz Bauer und Andrea Sawatzki tauchen in dem Rätselspiel dienenden Nebenrollen auf, der Fußballspieler David Alaba als etwas begriffsstutzige KI, die aus dem Spiegel spricht.

Die Besetzung passt, wie sich im Laufe des Abends zeigen wird, schließlich müssen die Beteiligten improvisieren, wie es sich für das Spiel gehört, und schließlich sind alle bis auf einen oder eine unwissend. Allwissend wiederum sind die drei Spielleiter: besagter Raven, Maestro Maurice (Jan Josef Liefers) und der Partyplaner Angel (Bill Kaulitz). Drei Regieführer sind zwar mindestens einer zu viel, aber die Rollenzuweisung stimmt. Kaulitz gibt den Partyclown, der stets zum unpassendsten Zeitpunkt für Knalleffekte sorgt; und dass die ARD bei einem Gemütlichkeitskrimi auf Axel Prahl und Jan Josef Liefers als Conférenciers verfällt, darf auch niemanden wundern. Mag der „Tatort“ aus Münster, in dem die beiden seit mittlerweile 23 Jahren als odd couple unterwegs sind, mitunter als Klamotte durchhängen – die Zuschauer können sich nicht sattsehen.

Jan Josef Liefers spielt den Maestro.
Jan Josef Liefers spielt den Maestro.dpa

So betulich wie in Münster geht es denn auch in den zweieinhalb Stunden am Samstagabend zu. Ein Gagfeuerwerk erleben wir nicht, die eine oder andere spitze Bemerkung („in 50 Jahren machen wir es wie die Kessler-Zwillinge“), ein Seitenhieb auf Giovanni Zarrella, dessen Show zur selben Zeit im ZDF läuft und auf überschaubare 2,9 Millionen Zuschauer kommt, müssen reichen. „Ich kann Sie nur bitten, die Nerven zu behalten“, sagt Maestro Maurice zwischendurch, zum Zerreißen angespannt sind die Nerven aber nie wirklich, die Spuren verdichten sich allmählich. „Warum trug er seinen Ehering nicht an der Hand?“, fragt der Rätsel-Kollege Raven nach dem dritten Akt. Und was haben, raunt er schon nach dem zweiten Vorhang, die letzten Worte der Ermordeten Zoe – „nur die Liebe ist schuld“ – zu bedeuten? Am Ende heißt es vielsagend: „Er wollte ein mörderisches Spiel und – bekam es.“ Hercule Poirot hätte das Rätsel da längst gelöst, im Ersten dauert es etwas länger. Das sehen Buch (Nils Willbrandt und Michael Gantenberg) und Regie (Nils Willbrandt und Ladislaus Kiraly) so vor.

Das Ensemble: Andrea Sawatzki, Annette Frier, Verena Altenberger, Uwe Ochsenknecht, Jan Josef Liefers, Martina Hill, Max Giermann, Axel Prahl, Juergen Maurer, Jessy Wellmer, Serkan Kaya und Bill Kaulitz (v.i.)
Das Ensemble: Andrea Sawatzki, Annette Frier, Verena Altenberger, Uwe Ochsenknecht, Jan Josef Liefers, Martina Hill, Max Giermann, Axel Prahl, Juergen Maurer, Jessy Wellmer, Serkan Kaya und Bill Kaulitz (v.i.)dpa

Die ARD freut es. Sie berauscht sich an der bescheidenen Einschaltquote mit 3,86 Millionen Zuschauern (der Münster-„Tatort“ holt in der Regel das Dreifache), preist den Marktanteil von 18,1 Prozent und den „Tagessieg in der Primetime“ und den Umstand, dass sie in der „werberelevanten“ Alterszielgruppe 14 bis 49 auf 630.000 Zuseher kam, derart, dass wir fest mit dem nächsten Krimispieleabend im Ersten rechnen.

„Es war abenteuerlich, bis zum Schluss die Spannung zu halten und die Kollegen so zu überraschen“, sagt Uwe Ochsenknecht, der seine Rolle dankbar ausfüllt. „Bis zum Ende“ sei „der Live-Krimi unberechenbar“ gewesen“, das habe „ großen Spaß gemacht“. Letzteres würden wir unterstreichen, allerdings gerade weil es hier mit der Spannung nicht gerade übertrieben wird. Und was meinen die Zuschauer am Ende? 32 Prozent tippen auf die richtige Figur. In der ARD-Mediathek kann man sich das „Tödliche Spiel“ noch ansehen.

Source: faz.net