Literaturnobelpreis zu Gunsten von László Krasznahorkai: Wer er ist und welches er schreibt
Die Schwedische Akademie ehrt in diesem Jahr mit László Krasznahorkai eine literarische Stimme, der es gelungen ist, die Postmoderne vom Ende der Geschichte zu befreien. Nach Imre Kertész ist er der zweite ungarische Schriftsteller, der in den Kreis der Nobelpreisträger für Literatur aufgenommen wird. Auffällig ist, dass im 21. Jahrhundert – je nach Zählweise – bereits fünf bis sieben Nobelpreise an Autor:innen aus Zentraleuropa gingen.
Die Wahl des 1954 im Südosten Ungarns geborenen Krasznahorkai zeigt, dass das literarische Interesse der Gegenwart stark von dem Bedürfnis nach neuer Orientierung getragen ist. Während die literarische Retrospektive der Nachkriegs- und Wendeliteratur eine neue Sensibilität suchte, ist Krasznahorkai kein Dokumentarist, kein bloßer Zeuge. Er gleicht vielmehr einem Äsop – einem Fabel- und Gleichnisschreiber, der in seiner Prosa metaphysische Fragen neu verhandelt.
Im Roman Melancholie des Widerstands (1989) verschlägt es einen Wanderzirkus mit einem toten Wal im Schlepptau in eine ungarische Provinzstadt, wo die Truppe einen kollektiven Wahn auslöst. Hier begegnen wir der Figur des heiligen Narren János Valuska:
„Sein Blick wurde auf einen gewaltigen Fleischberg gelenkt, über sechs Fuß hoch, der nun im freigeräumten ‘Eingang’ des Zirkus stand – eine Gestalt, deren Rolle sich nicht nur daraus erschloss, dass sie trotz der beißenden Kälte nichts trug als ein schmutziges Unterhemd über dem prallen, behaarten Oberkörper […], sondern auch aus der übel zugerichteten, plattgedrückten Nase, die ihm weniger ein wildes als vielmehr ein lächerliches Aussehen verlieh und seinem Gesicht einen überraschend unschuldigen Ausdruck gab.“
Die Passage bildet den Roman en miniature ab: In einer kafkaesken Welt, dominiert von einem Leviathan, begegnen wir menschlichen Gesichtern, die zugleich Elend und gottlose Heiligkeit spiegeln.
Literaturnobelpreis für László Krasznahorkai: Sein Ruhm gründet auch in guten Übersetzungen
Krasznahorkai, der von klein auf täglich musiziert, nennt Bob Dylan als wichtigen Einfluss. Auch in seinem Debütroman Satanstango (1985) erscheint eine Trickster-Figur, Irimiás, die in ein isoliertes Dorf kommt und seine Bewohner verführt und beherrscht. Doch es geht nicht um die Korruption einer Idylle. Das Dorf gleicht einem bukolischen Gomorrha: Frauen prostituieren sich in alten Mühlen, Männer begehren die Ehefrauen der Nachbarn, und ein behindertes Mädchen, Estike, versucht unbeholfen, ihre Katze zu erschlagen. Ähnlich wie das Alpendorf in Hermann Brochs Die Verzauberung (1953) zelebriert Satanstango eine „böse und närrische Mystik“.
Der 2021 erschienene Roman Herscht 07769 führt dieses Verfahren fort, mit Figurenkabinett und Sprache in neuer Variation. Wir befinden uns in der thüringischen Provinz, wo Bach-Gedenkstätten als Freiflächen für Graffiti dienen und eine metaphysische Trostlosigkeit von DHL, Apple und lokalen Kleinunternehmern mit Nazi-Sympathien ausgebeutet wird. Der Protagonist Florian Herscht erinnert mehr an Lennie Small aus Steinbecks Of Mice and Men als an einen Schöpfer eines neuen Kosmos.
Stark beeinflusst vom Modernismus – Kafka, Joyce – trägt Krasznahorkai einen sprachkritischen, dystopischen und apokalyptischen Impetus in seine langgeschmiedeten Satzperioden ein. Doch seine Prosa mutiert nicht zu einem Volker Braun. Sie erzählt, ist sich der Gravität der Dinge bewusst, und bleibt gleichzeitig mäandernd, degressiv, manchmal sprunghaft.
Die Erzählstimme wechselt polyphon: In Herscht 07769 spricht der Kleinunternehmer mit Neonazi-Attitüde, und plötzlich schwappt der Text in goethische Opulenz, hält inne, keift und fährt in manierierter Renaissancemanier fort. Diese Wanderschaft spiegelt sich auch im Leben Krasznahorkais: Nach 1987 verlässt er Ungarn, lebt in Berlin, reist nach Japan und China – Länder, die Schauplätze seiner Romane wie Die Gefangene von Urga (1999) werden.
Sein Ruhm gründet zudem auf exzellenten Übersetzungen, etwa durch George Szirtes oder Heike Flemming, die beide für ihre Arbeit an Krasznahorkai geehrt wurden.
Trotz ernster Themen bleibt die Prosa von László Krasznahorkai spielerisch
2018 erhält Krasznahorkai den Man Booker International Prize und beendet seine Dankesrede mit einem Dank an die „ungarischen Sprache und Gott“. Trotz der ernsten Themen bleibt seine Prosa oft spielerisch, subtil humorvoll – als hätten Hermann Broch und Thomas Pynchon ein Kind geschaffen.
Die Technik, ähnlich wie in Brochs Der Tod des Vergil (1945), erzeugt eine kontemplative, tranceartige Lektüre. Gleichzeitig kichert ein hochamüsierter Geist zwischen den Zeilen. In Krieg und Krieg (1999) gipfelt diese Beobachtung bei der detaillierten Schilderung von Passagieren im Flugzeug:
„Sie starrten ganz offen, die Männer mit grobem, lange unterdrücktem Hunger und nacktem Verlangen, die Frauen mit feiner Aufmerksamkeit für Details […] schwindelig vor Empfindung, aber getrieben von einer bösartigen Eifersucht im Herzen, die ihrem intensiven Blick entsprang.“
Seine frühen Romane und die monumentalen Verfilmungen durch Béla Tarr brachten Krasznahorkai schließlich den Ehrentitel „Meister der Apokalypse“ (Susan Sontag) ein. Das ist eigentlich schade, denn László Krasznahorkai ringt auch den abgründigsten Situationen ein verschmitztes Lächeln ab.