Literaturfestival Berlin: Europäer, glaubt an euch!

Der Solidaritätsabend für die Ukraine, den das Internationale Literaturfestival Berlin dem von Russland überfallenen und malträtierten Nachbarland ausrichtete, war dem Andenken der ukrainischen Schriftstellerin und Journalistin Victoria Amelina gewidmet, die 2023 im Alter von 37 Jahren durch einen russischen Raketenangriff im Donbass starb. Der Sprecher des PEN Berlin, Deniz Yücel, betonte in seiner Eingangsrede, bei aller Wertschätzung des geschriebenen Wortes sei einmal entfesselte Gewalt durch Worte nicht zu stoppen, sondern nur durch bewaffneten Kampf. So sei das NS-Regime nicht durch Pazifisten besiegt worden, sagte Yücel, sondern durch sowjetische und amerikanische Soldaten, von denen viele ihr Leben gaben.
Amelina sammelte Beweise für russische Kriegsverbrechen
Die Schauspielerin Maren Eggert las aus Amelinas in diesem Jahr bei fotoTAPETA postum erschienenen Buch „Blick auf Frauen den Krieg im Blick“. Amelina, Mutter eines kleinen Jungen, die selbst als russische Muttersprachlerin und Liebhaberin von Dostojewski und Bulgakow aufgewachsen war, schildert, wie sie sich schon im Jahr vor Beginn der russischen Großinvasion wohlweislich eine Waffe kauft, Schießübungen macht und dabei als rechtmäßige Zielscheibe einen Mann imaginiert, der bewaffnet in ihr Land eindringt. Nach Beginn der Vollinvasion sammelte Amelina Beweise russischer Kriegsverbrechen und brachte internationale Journalisten in Kriegsgebiete.
Die Lage der Ukraine vergegenwärtigten ein journalistisches und ein literarisches Podiumsgespräch. Beim ersteren berichteten der Kiewer ARD-Korrespondent Vassili Golod und „Bild“-Kriegsreporter Paul Ronzheimer, wie sie mit dem ständigen nächtlichen Drohnen- und Raketenbeschuss leben, der die Menschen auch durch Schlafmangel zermürbt. Das gehöre zur russischen Kriegstaktik, die im Übrigen auch auf Ermüdung des westlichen Publikums setze, erläuterte der in Charkiw geborene Golod.
Die Europäer brauchen eigene Ideen
Beide Journalisten hoben hervor, die Europäer müssten sich endlich von den USA emanzipieren und eigene Ideen für Sicherheitsgarantien für die Ukraine entwickeln. Golod verwies auf Russlands massenhafte Drohnenproduktion für künftige Großangriffe auf die ukrainische Infrastruktur. Um die Zivilbevölkerung zu schützen, müssten die Drohnenfabriken zerstört werden, so Golod, der kaum verhüllt die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern anmahnte.
Auf dem literarischen Panel sprachen die aus der Ukraine stammenden Schriftstellerinnen Tanja Maljartschuk und Katja Petrowskaja darüber, wie sie zu Nachrufautorinnen geworden seien. Sie habe in den vergangenen drei Jahren viele großartige ukrainische Landsleute postum kennengelernt, bekannte Petrowskaja, die in ihrer unter dem Titel „Als wäre es vorbei“ erschienenen Sammlung von Texten aus dem Krieg neben Amelina dem ebenfalls gefallenen Kiewer Rave-König Artur und dem Lemberger Übersetzer und Philosophen Jewgen G., die sie persönlich nicht kannte, literarische Denkmäler gesetzt hat. Auch die in Wien lebende Maljartschuk klagte über die Abstumpfung durch ständige Todesnachrichten. Sie erzählte von einer Autorin, die unlängst ihren zweiten Sohn verloren habe, und von einer Nachbarin, deren 25 Jahre alter Sohn gefallen sei. Sie habe sich schon früher vorgestellt, dass Osteuropäer als Wachtposten der europäischen Zivilisation aufgestellt, als solche aber auch als Erste geopfert würden, bekannte Maljartschuk. Sie könne derzeit nichts Literarisches schreiben, sagte die Autorin, stattdessen gibt sie eine achtbändige ukrainische Bibliothek von Klassikern in deutscher Übersetzung heraus, die im Wallstein Verlag erscheint.
Der Dichter und Musiker Serhij Zhadan, der im vergangenen Jahr Soldat wurde, schickte eine Videobotschaft, in der er hervorhob, viele Künstler dienten an der Waffe, um die russische Aggression abzuwehren, viele seien leider gefallen, weshalb die Ukraine Unterstützung brauche. Der ukrainische Philosoph und PEN-Präsident Wolodymyr Jermolenko sprach von der „Thanatokratie“ des russischen Tyrannen, der sich als Herr über den Todeszeitpunkt der Menschen aufspiele und stark sei durch die Angst der anderen, solange seine Verbrechen ungestraft blieben. Umso irritierter zeigte Jermolenko sich, dass die Europäer so wenig Glauben an sich selbst zeigten, sondern eher zwieträchtig und ohnmächtig wirkten wie Ertrinkende. Die Ukraine erlebe derzeit trotz Leid und Tod eine Blüte der Kultur, eine Kultur des Trotzes. So könne sein Land dem Kontinent helfen, seinen Sinn wiederzufinden, der darin liege, Despoten Widerstand zu leisten.
Source: faz.net