Literaturfernsehen: Eskalation im Kölner Gartenzaun-Gothic

Elke Heidenreich veröffentlichte 2023 das Buch „Frau Dr. Moormann & ich“, das von einer Nachbarin handelt, die über einen unerschöpflichen Vorrat an Tadel verfügt. Sie mäkelt am Klavierspiel der Erzählerin herum („Warum spielen Sie eigentlich immer dasselbe Stück?“), am schlecht gefegten Gehweg, am Besuch der Nachbarin, an deren Hund. Bis eines Tages der Mops „eine Seite von Frau Dr. Moormann zum Vorschein bringt, mit der nicht zu rechnen war“. Können die beiden noch Freunde werden?

Im wirklichen Leben will Heidenreich ihre Frau Dr. Moormann offenbar nicht so gnädig davonkommen lassen. Denn jeder im Literaturbetrieb weiß, wer mit der miesepetrigen Nachbarin gemeint ist: Denis Scheck, der Buchrichter von „Druckfrisch“. Er prangt, unverkennbar, auf dem von Michael Sowa gezeichneten Cover. Es zeigt zwei ältere Damen in Frontstellung am Gartenzaun. Die linke erinnert an Heidenreich, die rechte sieht aus wie Scheck – in Kittelschürze, statt mit Einstecktuch.

Heidenreich fordert Schecks Absetzung als ARD-Moderator

Das ist die Art von Deutlichkeit, die man vom Karneval kennt. Kostüm an, Pointe fertig, Klageweg offen. Nun aber folgt die neueste Volte der denkwürdigen Geschichte. Die Buchkritikerin mit einst eigener ZDF-Sendung erklärt den ARD-Kritiker mit – noch – eigener Sendung zum Endgegner und fordert dessen Absetzung. Das ist die nächste Eskalationsstufe eines Kölner Nachbarschaftsstreits, dessen Protagonisten seit einem Vierteljahrhundert bei der Sache sind, nur ein paar Straßen und Eitelkeiten voneinander entfernt.

Die Dame mit der Kittelschürze ist der Mann mit dem Einstecktuch: Heidenreich-Cover
Die Dame mit der Kittelschürze ist der Mann mit dem Einstecktuch: Heidenreich-CoverF.A.Z.

Man könnte viel sagen über die Sendung, ihren Moderator und die Literaturkritik im Fernsehen, die inzwischen vor allem dadurch von sich reden macht, dass sie dort verschwindet. Literatur bringt keine Quote. Und doch ist es nun diese Nischengattung, die dramatischste Szenen produziert. Empörung, Anrufung der Intendanten, das hohe C der Kränkung. Geht es überhaupt noch um Bücher?

Sie nannte ihn „hysterisches Rolltreppendickerchen“

Dabei sind sich Heidenreich und Scheck nicht unähnlich. Sie unterscheiden sich vor allem im Zugang zur Geste. Wo Heidenreich das Buch am liebsten in die Kamera hält und sagt: Lesen Sie!, setzt Scheck auf den negativen Blurb. Fernsehen zwingt zur Verdichtung, ein paar Sätze, ein paar Sekunden müssen reichen, um den Punkt zu machen. Sie versteht sich als Ermutigerin, Leseglück als Rettungsboot. Er begreift sich als Sortierer: Geht, geht nicht. Wenn sie Coelho lobt, nennt er ihn „Esoterik-Dealer“. Jüngst landete auch Ildikó von Kürthys Bestseller „Alt genug“ in seiner Tonne.

Auffällig ist, dass Heidenreich Scheck dafür abstraft, ohne Kürthys Buch sonderlich zu verteidigen. Fragt man im Betrieb nach den Ursprüngen dieser Fehde, weiß kaum jemand Näheres. Einige datieren den Urknall ins Jahr 2003, als Scheck Nuala O’Faolains Roman „Ein alter Traum von Liebe“ verriss, den Heidenreich gelobt hatte (damals Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste). Sie konterte per Interview, Scheck sei ein „hysterisches Rolltreppendickerchen“ und „Tchibo-Literatur-Vertreter“. Er bestritt dann zwar, mit „alter Schachtel“ Heidenreich gemeint zu haben, trat aber im selben Atemzug nach. Sie sei keine Kritikerin, weil sie Literatur für „ein Mittel gegen seelische Blessuren“ halte, Literatur sei aber nicht dafür da, um „uns über unsere Seelenwehwehchen hinwegzutrösten“. Später sagte er, weil Heidenreich niemandem mehr beweisen müsse, wie klug sie sei, habe sie in ihrem neuen Buch gleich ganz darauf verzichtet.

Elke Heidenreich auf der Frankfurter Buchmesse
Elke Heidenreich auf der Frankfurter Buchmessedpa

So etwas vergisst man nicht. Schon gar nicht in Köln, wo Nachbarschaft eine Lebensform ist und Feindschaft Tradition. Die beiden schenken sich nichts. Dabei ist ihr Streit ein kultursoziologisches Lehrstück über zwei konfligierende Konzepte von Fernsehöffentlichkeit und Literaturvermittlung. Heidenreich verteidigt die Leser, die Bestseller kaufen, weil sie nach ihrem Dafürhalten am Ende des Tages nicht noch ein Experiment brauchen, sondern jemanden, der tröstet und sagt: Du bist nicht allein. Scheck verteidigt dagegen das Urteil und sein Recht, den Massengeschmack als solchen zu benennen und dem Betrieb die Bequemlichkeit auszutreiben.

Man kann sich ja durchaus fragen, was sich für ein guilty pleasure daraus ziehen lässt, Monat für Monat Bestseller-Titel mit dem Kritikerbesteck zu lesen, das Scheck für sich in Anspruch nimmt. Es liegt in der Natur der Sache, dass dort Massenware ausliegt und kein Uwe Johnson. Und worin genau liegt der Informationswert, festzustellen, dass Massenware massenhaft ist? Das ist ja so, als würde ein Gastrokritiker bei McDonald’s verkünden, dass Tim Raue besser kocht. Das ist richtig und eine Tautologie. Also muss es Unterhaltung sein, Satire, ritualisierte Distinktion im Bourdieuschen Sinn. Die getadelte Bestseller-Kritik von „Druckfrisch“ richtet sich ja auch gar nicht an eine Bestseller-Leserschaft. Sie zielt auf den petit bourgeois, jenen Typus vor dem Schirm, der sich über etwas erhebt, das er nicht kennt, den ganzen Stapel ungelesener Bestseller. Was wiederum deren Leser für eine Demütigung halten.

Scheck hat qua Satire schon alle möglichen Tabus in seiner Sendung gebrochen. Er hat auf Bücher geschossen, sie per Blitzeinschlag symbolisch verbrannt, sich Schuhcreme ins Gesicht geschmiert. Man kann das geschmacklos finden. Was man ihm schwerlich absprechen kann, ist, dass er sorgfältig liest, was auch Autoren bestätigen, die er kritisiert hat. Wenn Heidenreich ihm vorwirft, noch nie ein Buch geschrieben zu haben (im Unterschied zu ihr, was so allerdings nicht ganz stimmt), kein Hochdeutsch zu können und ihm mit dem Satz „Der kleine Denis möchte aus dem Kritikerparadies abgeholt werden“ die Kündigung gleich mitliefert, dann ist das dieselbe Tonne, die sie gerade skandalisiert.

Am Ende ist das Ganze vielleicht weniger Zwist als Kölner Brauchtum. Man beschimpft sich, weil man sich kennt, man kennt sich, weil man sich beschimpft. Und während die Sender über Absetzungen nachdenken, wäre die eigentlich radikale Idee womöglich die unaufgeregteste. Beide an einen Tisch, keine Tonne in Reichweite. Leute, Ihr seid Kölner, Karnevalisten: Wie wäre es mit einer Friedenspfeife am Gartenzaun? Oder wenigstens mit einem Mops, der Ungeheuerliches ans Licht bringt. Die Möglichkeit, dass Literatur mehr ist als Munition.

Source: faz.net