Literatur | Mit diesem Buch gelingt jener Dry January: „Eine Frau, die trinkt“ von Colette Andris
Der Skandal im Glas: Colette Andris schildert eine Frau, deren Trinken und Aufbegehren irritieren: Ein wiederentdeckter Roman aus den 1920ern zwischen Rausch, Gewalt und Freiheit. Die erschütternde Chronik eines Verfalls
Colette Andris’ Roman erzählt von einer Frau, deren Rausch alle Grenzen des Lebens auslotet
Foto: Milada Vigerova/Unsplash
In den vermeintlich hedonistischen, modernen und vom Feminismus befeuerten 80ern schrieb Marguerite Duras im Essay- und Interviewbändchen Das tägliche Leben (1987): „Eine trinkende Frau, das ist, wie wenn ein Tier, ein Kind tränke. Der Alkoholismus wird mit der trinkenden Frau zum Skandalon: eine Alkoholikerin, das ist selten, das ist schlimm.“ Meinte Duras wirklich, der Skandal liege allein im Rausch – oder vielmehr darin, dass sich die trinkende Frau dem weiblichen Erwartungsregime entzöge: Kontrolle, Fürsorge, Selbstdisziplin, Verfügbarkeit?
40 Jahre später, so scheint es, ist eine Alkoholikerin nicht mehr so „selten“. Gerade konnte man einen nüchternen Agenturbericht in den Zeitungen lesen, in dem eine Suchtexpertin zitiert wird: „Vor allem Männer trinken weniger als früher – Frauen nicht.“ Bei ihnen habe das Rauschtrinken sogar eher zugenommen. Rollenbilder hätten sich gewandelt, und es sei nicht mehr so stigmatisiert, dass sie überhaupt trinken.
Vor fast 100 Jahren erschien jedoch ein Buch – und nun ist die Verwirrung komplett –, das mit den Sätzen beginnt: „Guita ist eine Frau, die trinkt. Eine Frau, die trinkt, ist keine Seltenheit.“ Guita wird als schöne, grazile und elegante Frau beschrieben, die „weder die Liebe noch ihre Berufung“ gefunden habe und in Paris nicht nur feine Cocktailbars frequentiert, sondern auch heruntergekommene Kaschemmen.
Die Autorin Colette Andris war Nackttänzerin
Der Roman, der streng genommen gar keiner ist und nun erstmals auf Deutsch vorliegt, heißt Eine Frau, die trinkt (Wagenbach). Geschrieben hat ihn Colette Andris. Sie wurde 1901 als Pauline Toutey in Marseille geboren, wuchs in einer Akademikerfamilie auf und studierte Literatur in Paris. Doch das Leben zwischen Buchdeckeln muss ihr zu trocken vorgekommen sein.
Sie wird Nackttänzerin, unter anderem im Varietétheater Les Folies Bergère, Josephine Bakers weltberühmter Bühne. Andris versucht sich auch als Theater- und Filmschauspielerin, und als avantgardistische Autorin bringt sie dieses Debüt beim renommierten Verlag Gallimard unter. Mit 36 stirbt sie an Tuberkulose. Die fiktionale Heldin Guita überlebt ihre Autorin um viele Jahre. In welchem bedauerlichen Zustand, erfährt man am Schluss.
Es sind erschütternde, gleichwohl wunderschöne, atmosphärisch dichte und mitunter expressionistisch-lyrische Beschreibungen eines Niedergangs. Die meist nur wenige Seiten langen Episoden mit Kapitelüberschriften wie „Erfrischung“, „Schlaflosigkeit“ oder „Das Gesetz der Trunkenheit“ folgen keiner stringenten Chronologie – höchstens der eines champagnerperlenden Verfalls. Es fallen Sätze wie: „Wenn ich mir sicher wäre, dass ich morgen sterben müsste – dann würde ich noch mehr trinken.“
Das Mädchen trinkt mit acht Jahren Rotwein
Guita taumelt durch den Moloch, ihre Reflexionen sind nicht selten vom Day Drinking vernebelt und wattiert. „Auf irritierende Weise ist sie zugleich Opfer von Abhängigkeit und Missbrauchserfahrungen und scheint dabei souverän, unkonventionell und frei“, schreibt der Übersetzer Jan Rhein treffend im Nachwort über die Geschichte einer Frau, die mit acht Jahren zum ersten Mal vom Rotwein kostet: „Ihr ist warm. Sie kichert.“
Mit 16 dann Absinth; sie wird von einem Gleichaltrigen vergewaltigt. Sie heiratet diesen Mann, den sie nicht liebt. Irgendwann stirbt der Gatte. Das Trinken hört nicht auf, trotz einiger Versuche. Sie wechselt fortan die Partner. Auch der Abstinenzler Jean-Pierre stirbt – bei einem profanen Autounfall. Guita sagt einmal: „Glückliche Menschen trinken nicht.“ — ein Satz, der bei Männern als Melancholie durchgeht und bei Frauen dennoch bis heute als Verfehlung gilt.
Eine Frau, die trinkt Colette Andris Jan Rhein (Übers.), Wagenbach 2025, 160 S., 22 €