Literatur | Mit 55 Jahren schafft Judith Hermann es, endlich droben ihren SS-Großvater zu schreiben

Es gibt keine Zufälle, sagt der Psychoanalytiker. Und dieser Blick auf die Welt ist vielleicht etwas selbstzentriert, denn so komme ich zum Beispiel auf die Idee, dass es kein Zufall sein kann, dass mich Judith Hermanns neues Buch fast an der Gurgel packt. Es handelt nämlich von ihrem Großvater, der im Zweiten Weltkrieg bei der SS war und in Polen ein Ghetto „auflöste“ (schönes Wort).

Auch mein Großvater war als Soldat im Zweiten Weltkrieg an schwer beschreibbaren Verbrechen beteiligt. Dann muss diese Ähnlichkeit in der Biografie doch der Grund sein, warum mich Hermanns Texte so bewegen, warum sie mich schon immer mit einem kurzen Satz zu Tränen rühren kann, wie es sonst nur der Therapeut mit einer Nachfrage tut. Oder?

In Ich möchte zurückgehen in der Zeit macht sich die Autorin auf die Suche nach Spuren ihres Großvaters. „Wie konnte ich mich so wichtig nehmen. Wo kam das her“, fragt sie ohne Fragezeichen, als sie beschreibt, wie sie die ziellos eingepackten Bücher, die sie in Polen liest, auf sich bezieht. Es sei unangemessen, das Gelesene mit sich in Verbindung zu bringen, schreibt sie weiter. Und genauso unangemessen liest man in Hermanns Buch – bei der Lektüre lauert die Frage, was ebenjene bedeutet für das eigene Leben.

Dieses Nicht-Sprechen und diese ungeheuerliche Gewalt

Denn das Buch handelt von dem, was mehr Deutsche vereint, als es wahrhaben wollen. Die Großeltern waren Nazis, über ihre Taten wurde in vielen Familien kaum gesprochen. Dieses Nicht-Sprechen und diese ungeheuerliche Gewalt, die immer mit im Raum dieser Familien steht, die macht etwas mit ihren Nachkommen. Und vielleicht hat sie auch etwas mit Hermanns Schreiben gemacht.

Ganz sicher zumindest ist es so: In ihren Büchern hat alles eine Bedeutung. Es scheint keine Zufälle zu geben. Hermann zu lesen, führt immer auch dazu, dass man in allem Zeichen vermutet, nicht nur in ihren Worten. Es verändert selbst die Wahrnehmung der Umgebung.

Man liest ihre Bücher, legt sie zur Seite, dann gießt man die Blumen und stößt dabei versehentlich die beiden Matroschkas um und denkt, das hat was zu bedeuten. Und vielleicht erklärt dieses Buch nun endlich, woher die Kraft ihres Schreibens kommt. Denn das fand immer auch in dem Nicht-Gesagten statt. In Auslassungen. Und Betonungen auf dem vermeintlich Nichtigen.

Mit kleinen, scheinbar unschuldigen Sätzen wie diesem, schlägt sie einem die Füße weg, sodass man besser auf den Boden der Tatsachen blicken kann: „Im Traum kam ich nach Hause zurück und hatte niemandem etwas mitgebracht.“ In diesem Buch reist sie also nach Polen, nach Radom, wo ihr Großvater stationiert war. Sie hat ein Foto von ihm.

Es dauert etwa 40 Seiten, bis Hermann das Wort „Täter“ schreibt

Sie mietet sich ein Zimmer, erspaziert sich den Ort, liest – unter anderem – Die Unfähigkeit zu trauern, das Buch des Psychoanalytikerpaares Mitscherlich von 1967, ein immer noch viel beachtetes Werk, eines, das den Stachel im Fleisch der Post-Kriegs-Deutschen störend spürbar machte.

„Ich hätte es überhaupt schon lange lesen können, hatte ich aber nicht. Ich las es in Radom“, so Hermann, die sich Gedanken macht, wie das wirkt, in diesem Café zu sitzen und Sätze über Verleugnung und Entlastungsversuche anzustreichen.

Man entwirkliche hinter einem Schleier der Verleugnung, schreibt Hermann mit Bezug auf die Psychoanalytiker, um ihre Mutter zu beschreiben, die an ihren Vater nicht viele Erinnerungen haben will, die sogar noch eine Amnesie erleben wird.

Aber um dieses Unbeschreibliche geht es eben, um die Leerstellen, die dabei entstehen, und um das, was von ihnen übrig bleibt. Es dauert etwa 40 Seiten, bis Hermann beschreibt, was ihr Großvater und seine Kameraden taten, bis sie überhaupt das Wort „Täter“ schreibt.

Aber welche Worte sind denn auch die richtigen dafür? „Was kann man ausdrücken. Nichts kann man ausdrücken.“, schreibt sie, die in Radom auch ein wenig zu verzweifeln scheint an ihrem Vorhaben, ihrem Großvater literarisch hinterherzuspüren. Sigmund Freud schrieb einmal von den „Gefühlserbschaften“, man ist sich heute relativ einig, dass die Erfahrungen von Opfern als auch von Tätern auf die Nachfahren wirken. Wie, das ist nur schwer zu vereinheitlichen.

Es ist sehr wirkungsvoll, was sie schreibt

Auch bei dieser Frage begleitet man Hermann, die von Polen aus weiter nach Neapel fährt, wo ihre Schwester als Archäologin arbeitet, mit ihren Kindern in der Wohnung einer verstorbenen Frau wohnt, in der von den Söhnen noch ihr ganzes Leben aufbewahrt wird.

Nun sind die Spuren recht deutlich gesetzt. Die Fundstätten in Pompeji, die die Schwester ausgräbt, die Kisten, die gefüllt, versteckt und an die Kindeskinder weitergegeben werden. Die Schwiegereltern, die verschwinden, sich scheinbar verfahren haben.

Ihre Schwester erklärt ihr den Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Funden. Erstere sind Leichen oder Objekte, die zur ungefähr selben Zeit verschüttet und danach nicht mehr gestört wurden. Die anderen jene, bei denen die Ausgrabungen sich aus verschiedenen Zeiten zusammensetzen. Hermann literarisiere, wirft die Mutter der Autorin im Buch vor. Aber man könnte auch sagen, sie sucht nach Bedeutung. Und was soll man sonst tun mit all dem?

Aber wie immer bei Hermann, so ist es wieder sehr wirkungsvoll, was sie nicht schreibt: Nämlich, ob und welche Entlastung sie auf ihrer Reise nach Polen erfährt, im Kontakt mit den Nachkommen der Opfer. Sie geht diesen einfachen Weg nicht, sie schließt diesen Kreis nicht. Sie deutet an, dass sie in Polen zu einem jüdischen Feiertag eingeladen war. Sie literarisiert das nicht.

Man darf auch dieses Buch auf sich beziehen

Es ist schwer zu sagen, ob es wirklich keine Zufälle gibt. Hermann beschreibt an der Stelle, wo sie denkt, wie unangemessen es sei, dass sie die mitgenommenen Bücher beim Lesen auf sich und ihr Vorhaben beziehe, dann doch eine Entlastung: Sie schreibt, sie sei doch ein lesender Mensch und fragt, für wen also Bücher denn sonst geschrieben worden seien, wenn nicht für Lesende.

Man darf auch dieses Buch auf sich beziehen, Stellen finden, die nicht zufällig zu einem sprechen. Doch jeder wird dieses Buch eben anders auf sich beziehen und darin andere sprechende Leerstellen finden. Die ersten Kritiker des Buches ertragen das alles nicht. Sie verlangen Urteil, beklagen Fetischisierung der Leerstelle. Scheinen das Suchende nicht zu ertragen.

Aber das Entlastende dieses starken Buches ist nicht, dass es Versöhnung zwischen Opfern und Tätern herstellt. Hermann erkennt die eigene Geschichte an, die unser alle ist, egal was Opa genau gemacht hat. Subjektwerdung nennt man das auch. Sie ist fähig zu trauern. Psychoanalytiker würden das mögen.

Ich möchte zurückgehen in der Zeit Judith Hermann S. Fischer 2026, 160 S., 23 €