Linke Organizing-Strategin Susanne Lang: „Die Partei wird neu aufgebaut“

Haustürgespräche, lokale Treffen und aktive Mitglieder sollen neue Stärke bringen. Susanne Lang, eine der zentralen Organisatorinnen, erklärt, wie diese Methode die Linke verändert – und warum sie jetzt entscheidend ist


Die Linke kann es mit Organizing schaffen, aus ihrer Blase herauszukommen – das hätte auch Karl Marx cool gefunden

Foto: Stefan Boness/Ipon/picture alliance


Die Linkspartei hatte mit ihren zahlreichen Haustürgesprächen zur Bundestagswahl bundesweites Aufsehen erregt. Den Weg für diesen Wahlkampf ebnete mit weiteren Mitstreiter*innen Susanne Lang. Die Linke-Aktivistin machte die Organizing-Methode in der Partei bekannt, die auch hinter den Erfolgen der Berliner Krankenhausbewegung und der Vergesellschaftungsinitiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen steht.

Lang kam bereits in den 1990ern in den USA mit entsprechenden Konzepten in Kontakt und vertiefte Beziehungen zwischen Verdi und US-Gewerkschaften. Dass auch die Linke auf die Methode Organizing setzt, sei ein langer Weg und nicht selbstverständlich gewesen, berichtet die Aktive im Gespräch mit dem Freitag.

der Freitag: Frau Lang, Sie haben über Jahre hinweg daran gearbeitet, Organizing-Strategien in die Linkspartei zu bringen. Manche berichten, nicht alle hätten dort ihre Ideen mit offenen Armen empfangen. Dennoch hat die Linke zur letzten Bundestagswahl einen bisher einzigartigen Haustürwahlkampf geführt und ist mit 8,8 Prozent aus der Versenkung auferstanden. Haben Sie am Wahlabend gedacht: „Ich hab’s Euch doch gesagt?“

Susanne Lang: Nein. Für diese Dynamik braucht es gute Kandidat*innen und eine gute Kampagne. Die Haustürgespräche lassen sich nicht eins zu eins in Wahlergebnisse übersetzen. Sie trugen allerdings etwas zum Schwung in der Arbeit, bei den Mitgliedern und dann auch bei den Wähler*innen bei.

Den Schwung und die Bedeutung der Haustürgespräche haben auch die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken während der Wahl und danach hervorgehoben. Woher kam die anfängliche Skepsis?

Es gibt in Deutschland die Auffassung, dass der mündige Bürger zu Hause auf dem Sofa sitzt, sich eine Meinung bildet und anhand dieser Meinung eine Partei wählt. Deswegen ist es vielen unangenehm, an die Haustüren zu gehen und eventuell zu stören. In der organisierenden Arbeit wollen wir aber nicht stören, sondern Menschen eine Gelegenheit geben, mitzumachen.

Der Haustürwahlkampf an sich ist dabei ja nichts Neues, oder?

So wie wir ihn gemacht haben, schon. Früher bedeutete Haustürwahlkampf, Flyer in Briefkästen zu werfen und an die Türen zu klemmen. Wir führen an der Haustür Gespräche oder bieten ein erstes ernsthaftes Gesprächsangebot an. Während des Wahlkampfs waren wir zweimal an den Haustüren: einmal, um nach den Themen zu fragen, die die Menschen beschäftigen, und um für die Wahl zu werben.

Was bedeutet Organizing dann, wenn damit nicht nur die Haustürgespräche gemeint sind?

Es bedeutet, Menschen zu organisieren und gleichzeitig als Partei eine echte Massenorganisation zu werden. Dabei laden wir im ersten Schritt über die Haustürgespräche Menschen ein, zu einem Treffen zu kommen, etwa um über die Situation in ihrem Viertel zu sprechen und dann gemeinsam etwas zu verbessern. Wenn Menschen merken, dass sie gemeinsam etwas ändern können, kommen sie aus der Ohnmacht heraus. Für uns als Partei bedeutet das, dass wir keine gleichgeschaltete Masse organisieren, sondern eine Menge an aktiven Menschen.

Wenn Menschen merken, dass sie gemeinsam etwas ändern können, kommen sie aus der Ohnmacht heraus

In den USA ist dieses Prinzip in der Gewerkschaftsarbeit zu einer bewährten Methode geworden. Wie sind Sie zum Organizing gekommen?

Ich komme aus dem brandenburgischen Schwedt/Oder, in den 90er Jahren wurden rechte Gruppen dort immer stärker. Damals wusste ich noch nicht, dass auch sie eine Art Organizing betreiben. Organisierende Arbeit geht eben auch von rechts. Ich habe mich damals mit anderen zusammengeschlossen, um uns dagegen zu wehren. Wir sind in die Öffentlichkeit gegangen: Mit jeder Aktion und jedem Gespräch konnten wir schließlich immer mehr Menschen gegen die Rechten organisieren.

Bei der letzten Bundestagswahl haben 20 Prozent die AfD gewählt, aktuell liegt sie in Umfragen sogar bei 26 Prozent und damit gleichauf mit der CDU. Was machen Sie, wenn die Tür aufgeht und die Person sagt, dass „die Migranten“ an allem schuld sind?

Dann verabschiedet man sich freundlich und geht an die nächste Tür. Natürlich kann solch eine Situation auch der Beginn für ein weiterführendes Gespräch sein. Meist liegen hinter diesen Aussagen ganz andere Probleme. Ein Großteil hat das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Der Lohn reicht nicht mehr für einen Urlaub, die Heizkosten und Betriebskostenabrechnungen steigen. Allerdings ist die Stimmung während des Wahlkampfs oft zu aufgeheizt für solche Gespräche und die Zeit zu knapp.

Ein Großteil hat das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden

Nur: Wie möchten Sie das Thema Migration ausblenden in den Bundesländern, wo die AfD hohe Zustimmungswerte in den Wahlumfragen hat?

Manchmal ist es auch kein Thema. In Brandenburg sind wir beim Bürgermeisterwahlkampf in Strausberg an die Haustüren gegangen. Wir haben gefragt, was die Menschen von einem Bürgermeister erwarten und was sich in der Stadt verändern muss. Migration hat dabei keine Rolle gespielt. Es ging um Wasserknappheit, den Wunsch nach besseren Radwegen, instabile Mieten und fehlende Treffpunkte. Aber auch wenn es um Migration geht, kommen wir nur über das persönliche Gespräch gegen die aktuell rechte, mediale Übermacht an.

Erst in drei Jahren steht die nächste Bundestagswahl an. Was bedeutet Organizing für die Partei in der Zwischenzeit?

Wir stehen vor einer großen Aufgabe. Mit den 60.000 Neumitgliedern sind an manchen Orten völlig neue Ortsgruppen entstanden. Bereits bestehende Verbände müssen ihre neuen Mitglieder integrieren. Das bedeutet, alte Strukturen zu erneuern. Die Partei wird wirklich neu aufgebaut.

Gleichzeitig setzt Bundeskanzler Friedrich Merz die Axt an den Sozialstaat.

Deswegen können wir uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen und müssen den Widerstand gegen den Abbau der Sozialpolitik organisieren. Wir haben gerade vor ein paar Tagen eine bundesweite Mietenkampagne gestartet. Die hohen Mieten sind eine der zentralen Auseinandersetzungen unserer Zeit, die viele Menschen betreffen. Die Kampagne kann allerdings nicht nur aus Öffentlichkeitsarbeit und vereinzelten Aktionen bestehen, sondern wird eine organisierende Kampagne sein. Denn um diesen Wahnsinn zu stoppen und vielleicht, wie in Berlin, die Frage der Vergesellschaftung zu stellen, braucht es mehr als 120.000 Mitglieder.

Placeholder image-1

Susanne Lang ist im brandenburgischen Schwedt/Oder geboren und arbeitet seit 2016 in der Bundesgeschäftsstelle der Linken. Sie leitet dort den Bereich Digitalisierung und Organisation.