Lieferengpässe aus dem Nahen osten: Kampf gegen die Chipknappheit

Als der Nvidia-Chef Jensen Huang im vergangenen Jahr auf einer Konferenz in Taipeh auftrat, schwärmte der gebürtige Taiwaner wie üblich in höchsten Tönen von der Insel, die Technologiekonzerne in der ganzen Welt mit Chips versorgt. „Taiwan ist das Epizentrum der weltweiten Computerindustrie“, sagte Huang, als er erläuterte, wie er gemeinsam mit 350 Partnerunternehmen aus dem Land, das bekannteste davon der weltgrößte Auftragshersteller von Chips TSMC, die KI-Infrastruktur in der ganzen Welt aufbauen wollte. Eher beiläufig machte Huang damals einen Scherz darüber, dass er hoffe, dass Taiwans Stromversorgung dafür ausreiche. Denn etwa zur gleichen Zeit stimmten die Taiwaner dafür, das letzte Atomkraftwerk des Landes abzuschalten und fortan nur noch auf Kohle, Gas und Erneuerbare Energien zu setzen.

Der Konflikt im Nahen Osten lässt die Welt nun bang auf die Stromversorgung auf der Inselrepublik blicken. Denn das Land ist sehr abhängig von Öl und Flüssiggas aus Qatar und anderen Golfstaaten. Die aber können angesichts des Irankrieges nicht mehr liefern, die für die Tanker so wichtige Straße von Hormus ist blockiert. Die Hälfte von Taiwans Stromversorgung hängt am Flüssiggas, zuletzt kam ein Drittel davon aus Qatar. Mehr als zwei Drittel der Ölimporte stammen aus dem Nahen Osten. Auch viele Vorprodukte, die für die Chipherstellung benötigt werden, wie Helium, Brom und Neon, kommen aus der Krisenregion.

Gas reicht nur für elf Tage

Die Regierung in Taipeh versucht zu beruhigen. Alle gesetzlich vorgeschriebenen Vorräte für Krisenzeiten seien vorhanden. Selbst bei einer totalen Lieferunterbrechung müssten demnach die Ölvorräte für 90 Tage reichen, das Gas allerdings nur für elf. Taiwans Wirtschaftsministerium teilte mit, es habe LNG-Quellen zumindest für März und April gesichert und werde weiterhin Ressourcen mobilisieren. In lokalen Medien hieß es, dass bislang die Lieferung von 20 LNG-Tankern in diesem und dem nächsten Monat gesichert seien. Zudem soll der Stromerzeuger Taiwan Power Co. bereits Vorkehrungen getroffen haben, um wieder mehr kohlebefeuerte Einheiten hochzufahren. Sie könnten zusätzliche Reservekapazitäten von bis zu 13 Gigawatt bereitstellen.

„Die unmittelbare Herausforderung für Taiwan sind daher steigende Brennstoffpreise, nicht ein physischer Versorgungsmangel“, sagte Tsaiying Lu, Energieexpertin in der in Taipeh ansässigen Denkfabrik DSET gegenüber der Zeitung „Nikkei“. Taiwan könne den Ausfall von Gas aus Qatar „abdecken, solange es jede Woche mindestens eine zusätzliche LNG-Ladung von Nicht-Golf-Lieferanten wie Australien, Papua-Neuguinea, Brunei oder Indonesien sichert, deren Schiffsrouten typischerweise unter zehn Tagen liegen“.

TSMC bezieht Strom aus naheliegenden Windparks

TSMC wollte sich nicht zu möglichen Auswirkungen in der Stromversorgung äußern. Es ist aber bekannt, dass der Konzern in hohem Maße auf eigene Lieferverträge mit Windparks in der Region setzt. Mit dem dänischen Windpark-Entwickler Ørsted hat der Konzern vor einigen Jahren den weltweit größten Abnehmervertrag dieser Art geschlossen. 66 Windräder von Siemens Gamesa vor der taiwanischen Küste sollen von diesem Jahr an etwa 3700 Gigawattstunden Strom im Jahr erzeugen. Der gesamte Stromverbrauch von TSMC im Jahr liegt bei etwa rund 25.000 Gigawattstunden und wächst rasant, weil der Konzern immer mehr Fabriken insbesondere für den Ausbau der Künstlichen Intelligenz einrichtet.

Unterdessen könnten auch Lieferengpässe von wichtigen Vorprodukten die Chipherstellung erschweren. Südkorea, Heimat wichtiger Halbleiterhersteller wie Samsung Electronics und SK Hynix, hat eine Untersuchung zu Angebot und Nachfrage für 14 Halbleitermaterialien und Arten von Fertigungsausrüstung eingeleitet, bei denen das Land stark vom Nahen Osten abhängig ist. Seoul ist laut lokalen Medien besonders wegen Helium besorgt, einem für die Kühlung von Wafern essenziellen Material. Qatar ist davon ein führender Lieferant und stand laut der Korea International Trade Association im vergangenen Jahr für 65 Prozent der südkoreanischen Heliumimporte. Auch um die stabile Versorgung mit Brom, das bei der Bildung von Halbleiterschaltungen eingesetzt werde und das Südkorea fast vollständig aus Israel bezieht, sei man besorgt.

Nach Angaben der südkoreanischen Regierung könnten Unternehmen bei solchen Produkten aber in der Regel „alternative Bezugsquellen sichern oder auf inländische Produktion umstellen“. Hier halte man nach jetzigem Stand die Auswirkungen von Importbeschränkungen aus dem Nahen Osten für begrenzt. Allerdings hängt auch hier viel von der Dauer des Konflikts ab. Eine langwierige Störung könnte zu Engpässen und steigenden Preisen führen, hieß es.

Längerfristig könnten Vereinbarungen, die sowohl Taiwan als auch Südkorea mit den Vereinigten Staaten im Zuge der Zollverhandlungen geschlossen haben, für eine geringere Abhängigkeit vom Nahen Osten führen. So will Taiwan den Anteil seiner LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten von derzeit 10 Prozent auf etwa bis zu 20 Prozent im Jahr 2029 erhöhen. Im Zuge des Zolldeals hatte der staatliche Energiekonzern CPC Corp. signalisiert, die Beschaffung von LNG aus den USA und Investitionen in die amerikanische Erdgasförderung auszuweiten. So könnte sich Taiwan an der Ausweitung der LNG-Produktion in Alaska beteiligen. Bis dieses Gas in Taiwan anlanden kann, werden allerdings wohl noch einige Jahre ins Land ziehen.