Liebe Judi Dench, Sie sind ein Wunder an Witz, Kraft und Qualität

Die Schauspielerin ist mit 91 Jahren der Beweis, dass uns auch im Alter Liebe und Leidenschaft bleiben. Der Literatur hat sie zudem mit einem großartigen Shakespeare-Buch gerade ein Denkmal gesetzt. Ein Brief der Verehrung zum Weltfrauentag.

Dear Dame Judith Olivia Dench, Dear Dame Judi, ach was: Liebe, wunderbare Judi Dench, Sie sind so großartig! Ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Ich liebe alles, was Sie tun, sagen, schreiben, ich liebe Ihr 91-jähriges Gesicht mit so viel Wärme und Weisheit, ich habe Sie natürlich als M. in den Bond-Filmen geliebt und als Shakespeare-Darstellerin auf Bühnen und in Filmen, und Ihr Buch „Shakespeare. Der Mann, der die Miete zahlt“ (Dörlemann Verlag, 34 Euro)ist das Schönste, das ich seit Jahren gelesen habe, auch meine Freundinnen lesen es und wir zitieren uns daraus am Telefon.

Sie sind ein Wunder: ein nur 1,50 Meter großes Wunder an Witz, Kraft, Güte. Ein Wunder an Talent, Selbstbewusstsein, Gedächtnis. Ein Wunder an äußerer und innerer Schönheit und Souveränität, und in nichts, in gar nichts kann ich Ihnen das Wasser reichen. Aber, aber. Uns verbindet dennoch eine Menge, und Frauen wie Sie tragen dazu bei, dass Frauen wie ich glücklich und vergnügt alt werden und sich vor gar nichts fürchten.

Sie zeigen ja, wie das geht: arbeiten bis zuletzt, niemals jammern, was auch geschieht, Trauer, Kummer, Wut in Kraft verwandeln. Das lerne ich von Ihnen. Und die Albernheit, die Sie haben und zugeben – die kenn’ ich, und ich unterschreibe sofort den Satz: „Trau niemals einem Menschen, der mit einer Teehaube allein in einem Zimmer ist und sich das Ding nicht auf den Kopf setzt.“ Wenn wir verlernen, kindisch zu sein, verlernen wir auch das Staunen.

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Übrigens muss Ihr Vater ähnlich gewesen sein wie meine Mutter: Er hat Sie mit klassischen Zitaten, durchmischt mit väterlichen Anweisungen morgens zur Schule geweckt, das klang so: „Wach auf! Der Morgen noch im Kelch der Nacht – Frühstück ist fertig, vergiss nicht, dich zu waschen – warf schon den Stein, der alle Sterne flüchten macht.“ Leben und Literatur mischten sich, wie bei meiner Mutter Paula, da gab es Faust: „In jedem Kleide werd ich wohl die Pein des engen Erdenlebens fühlen – mach du endlich deine Schularbeiten fertig, ich muss den Tisch decken, ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Jetzt aber mal dalli.“

Der Mann, mit dem Sie Jahrzehnte glücklich verheiratet waren, ist gestorben. Meiner auch. Trauer tut weh, aber Trauer gibt auch Energie, und „diese Energie“, schreiben Sie, „muss man lenken und auf etwas richten – die Trauer klingt niemals ab, aber ich hab gemerkt, wenn ich sie als Treibstoff nutze für mein Spiel, dass sie mir dann den Schmerz aushalten hilft.“

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Ahnen Sie, Judi, was Sie mir bedeuten? Ihr Buch ist, ja: lebensrettend für eine, deren Zukunft nur noch eine vage Option ist und die langsam – wie auch Sie – ihr Augenlicht verliert. Sie sind fast blind, ich bin auf dem Weg dahin. Wir werden auch das in Kraft verwandeln. Wie stark wir sind! Und nie sind wir ohne Liebe, noch immer gilt: „… und plötzlich spürst du eine Hand, die deine streift, und eh du dich’s versiehst … na ja, fatale Sache.“ Es hört nie auf, warum auch, hält es uns doch am Leben. „Wir müssen das Heute lieben, nicht wahr? Uns bemühen, nicht in der Zukunft zu leben.“

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Während der, wie Sie sagen, „gnadenlosen Sinnlosigkeit“ des Lockdowns haben Sie versucht, jeden Tag ein Sonett von Shakespeare auswendig zu lernen. Ich habe mir meine alte Ausgabe von „Der ewige Brunnen“ vorgenommen und auch jeden Abend im Bett ein Gedicht gelernt. Es hilft, es tröstet, es hält in verordneter Einsamkeit am Leben. Man muss, Sie sagen es genau richtig: im Leben einfach „den Arsch hochkriegen“.

Sie haben nach den Ausgrabungen die Reste des alten Rose Theatre besucht, wo Christopher Marlowe Hausdramatiker war, wo aber auch Shakespeares frühe Stücke aufgeführt wurden, er selbst war wohl dort, und Sie haben selig, glücklich, ehrfurchtsvoll diese Steine berührt, die vielleicht er berührt hat. Wir neigen in unserer Verehrung zu so etwas; ich habe als Teenager eine Nacht im Freien verbracht, an eine Hauswand gelehnt, hinter der Gottfried Benn wohl einmal geschlafen hat. Wir sind verrückt. Wir sind Liebende. Da ist man verrückt.

Zu Ihrem 91. Geburtstag haben Sie sich gewünscht, einmal Mick Jagger zu begegnen. Der Wunsch ging in Erfüllung, in den Medien gab es ein Foto davon, und Sie trugen einen Rock’n’Roll-Pullover. Judi! Wie großartig ist das denn, nicht dieses beige Strickzeug, das sie für uns alte Frauen erfinden, nein, einen todchicen und wie ich weiß sündteuren Rock’n’Roll-Pullover von Zadig & Voltaire, ich weiß es, weil ich denselben habe. Ich dachte: darf man das mit dreiundachtzig noch? Sie zeigen mir: Das darf man auch mit über neunzig.

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Die Liebe zu Shakespeare haben wir auch gemeinsam. Sie spielen seine Stücke seit fast sieben Jahrzehnten, Sie haben all seine großen Frauenrollen verkörpert. Sie erzählen in Ihrem hinreißenden Buch witzig und gescheit über dieses lange Theaterleben und diesen großen Meister, der alles von uns Menschen wusste, alle Leidenschaften kannte, alle Fehler, alle Verwirrungen.

Ihr Buch beginnt mit „Macbeth“, weil das der Grund war, warum Sie zum Theater gegangen sind. „Ich war in einer Schulaufführung“, schreiben Sie, „bei der mein Bruder Peter den König Duncan spielte. Er musste sagen: ‚What bloody man is that?‘, und ich hab ‚bloody hell‘ verstanden und dachte: ‚Hey, die fluchen ja! Also, wenn das Shakespeare ist, dann ist das genau mein Ding.‘“

So haben wir wieder etwas gemeinsam: auch ich hab’ es sehr mit Kraftausdrücken und fluche gern und viel, und auch für mich ist Shakespeares „Macbeth“ eines der größten Stücke, die je geschrieben wurden. Ich habe mein bestes Buch darüber geschrieben (ich kann das hier sagen, es ist längst vergriffen) – in dem Jahr, als in New York die Türme in die Luft flogen. Ich wollte nach dem dummen Spruch von George W. Bush über die angebliche „Achse des Bösen“ wissen, was das Böse ist.

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Ich weiß es jetzt, weil Shakespeare es wusste und Sie wissen es auch: der Krieg. Der Krieg macht Menschen zu Monstern. Macbeth ist zu Anfang dieses blutigen Stückes ein liebender Mann, am Ende ein Monster – „Meine Güte, ist das alles spannend“, schreiben Sie, „Ich liebe es. So schön gebaut, Wahnsinnsplot, tolle Rolle, gute Erinnerungen – ich hab noch so viel davon im Gedächtnis.“

Und Sie zitieren die erschütternden Monologe der Lady Macbeth, ehe sie sich im Wahnsinn das Leben nimmt. Es ist wie in „Richard III.“: „Die Zeit verdarb ich, nun verdirbt sie mich“, und Sie sagen: „Shakespeare hat jedes einzelne Gefühl erforscht. Seine Texte können machen, dass wir uns weniger allein fühlen.“

Ihr Gedächtnis ist phänomenal. Meins beinahe auch: ich kann keine Shakespeare-Monologe, aber ich kann stundenlang Gedichte aufsagen, die mir das Leben gerettet haben. Gute Gedichte, einmal gelesen, vergesse ich nie mehr. Wir beide sollten in unseren Rock’n’Roll-Pullovern zusammensitzen, und dann sind Sie abwechselnd Lady Macbeth, Ophelia und Kleopatra, ich Schiller, Benn und Hesse. „Was sind wir doch alle miteinander für Glückspilze“, heißt es in Ihrem Buch, „dass wir so etwas machen konnten. Wir sind Hüter der Sprache. Wenigstens für eine kleine Weile.“

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So sehe ich das auch: Was sind wir für Glückspilze, mit diesen Werken leben und arbeiten zu können! Es hat mit Liebe und Leidenschaft zu tun, lebenslang, nicht die engen Verwalter der Kunst wollen wir sein, sondern die großzügigen Verschwender, die niemals in den Tiefgeschossen der Ausweglosigkeit über Nicht-Möglichkeiten jammern, sondern die auf dem Boden der Grundvergeblichkeit jeden Tag neue Blumen pflanzen, nun gerade. Es muss leuchten, immer.

Ihr Buch ist ein Licht in finsteren Zeiten, nicht nur Ihr Buch, alles, was Sie sagen und tun, Ihr schönes Gesicht, Ihre ruhige Stimme. Ihre kleinen, liebevollen Zeichnungen im Buch – an allem sehe ich einen Menschen, hochgebildet, ohne Eitelkeit, glücklich über Fähigkeiten und Möglichkeiten, furchtlos und dankbar. Das ist ein Geländer, das Sie mir geben, daran kann ich mich festhalten in Zeiten, die nicht mehr so gut sind wie die vergangenen goldenen 80 Jahre, die wir hatten. It’s getting darker, liebe Judi Dench.

Aber wie sagt der französische Edelmann in Ende gut, alles gut? „Gewebt ist unser Leben aus verworrnem Garn, Gutes und Schlechtes, alles kreuz und quer.“

Source: welt.de