Leonardo im Aufschwung: Italiens Rüstungsriese „arbeitet wie verrückt“

Der italienische Rüstungs- und Elektronikkonzern Leonardo hat große Expansionspläne für die Zukunft und steht gleichzeitig kurzfristig unter starkem Lieferdruck. „Die Zahl der Kriege wächst derzeit stärker als unsere Kapazitäten“, räumte der Vorstandsvorsitzende Roberto Cingolani am Donnerstag vor Analysten und Journalisten in Rom ein. Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto hatte wenige Tage zuvor die Hersteller aufgerufen, schneller zu sein. „Wir arbeiten schon wie verrückt, wir machen drei Schichten in unseren Werken“, gab Cingolani zurück. Er deutete an, dass Leonardo derzeit viel Rüstungsgut in den Nahen Osten liefere.
Den Druck machte der Leonardo-Chef am Beispiel der präzisionsgelenkten Munition Vulcano mit dem Kaliber von 155 Millimetern klar. Der italienische Konzern habe dafür eine Produktionskapazität von 2000 Stück im Jahr. „Doch der Bedarf ist derzeit 10.000 Stück im Monat.“ Cingolani deutete an, dass er nun Produktionslizenzen an andere Hersteller vergebe, um die Nachfrage zumindest teilweise zu stillen.
Schutzschirm soll dieses Jahr in der Ukraine getestet werden
Leonardo sieht sich nach dreijährigen Umbauten und Erweiterungen des Konsolidierungskreises heute als ein kompletter Anbieter für Militärsysteme an Land, zu See, in der Luft, im Weltall und im Cyberraum. Die breite Produktpalette soll nun in einem neuen Angebot in Form einer Sicherheitskuppel namens Michelangelo zusammengefasst werden. Etliche Nationen arbeiten derzeit an solchen Schutzschirmen; zuletzt machte der französische Konkurrent Thales entsprechende Ankündigungen.
Auf den idealisierten Schaubildern sieht das dann meist wie eine Käseglocke aus, die über eine Stadt, ein Land oder einen Kontinent gestellt wird. In der Realität bedeutet dies, Raketenabwehr, Flugzeuge, Drohnen, Panzer, Schiffe und Satelliten so miteinander zu vernetzen, dass möglichst viele Gefahren frühzeitig ausgeschaltet werden. Der „Michelangelo Dome“ von Leonardo soll vor allem aus einem elektronischen System bestehen, das die verschiedenen militärischen Geräte miteinander kommunizieren lässt.
„Unser System wird eine offene Architektur haben“, betont Cingolani; es soll also mit Schutzschirmen anderer Länder und mit anderen Herstellern kompatibel sein; er hofft, dass sich Partner anschließen, die dann auch nicht unbedingt auf die Leonardo-Waffensysteme zurückgreifen müssen. Im Idealfall schaffe sich Europa einen gemeinsamen Schutzschirm, doch davon sei man noch ein Stück weit entfernt, sagt er. Den italienischen „Michelangelo Dome“ will Leonardo aber schon in diesem Jahr in der Ukraine testen. Erstmals hat der Konzern dafür auch die Geschäftschancen beziffert: Aufträge über 21 Milliarden Euro kann sich Leonardo in den kommenden zehn Jahren vorstellen, davon bis 2030 Bestellungen über sechs Milliarden Euro.
Hybride Kriege erfordern globale Sicherheitsanbieter
Allgemein will sich der Konzern in den kommenden Jahren von einem Rüstungskonzern zu einem globalen Sicherheitsanbieter wandeln. Denn „hybride Kriege“ würden nicht mehr verschwinden. Die Cyberrisiken richteten noch viel größere materielle Schäden als klassische Kriege. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das, dass für Leonardo die Auftragseingänge von knapp 24 Milliarden Euro in diesem Jahr bis 2030 auf 32 Milliarden Euro steigen sollen.
Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen werde sich im gleichen Zeitraum auf knapp 3,6 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das Wachstum werde auch die Belegschaft vergrößern: Nachdem der Konzern in den vergangenen drei Jahren schon um gut 11.000 auf 62.700 Arbeitsplätze zugelegt hatte, soll die Belegschaft bis 2030 auf 75.500 Stellen anwachsen. Überall fehle es erheblich an Fachkräften, doch Cingolani zeigte sich zuversichtlich, die Lücken zu einem großen Teil mit jungen und weiblichen Mitarbeitern mit einem Ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Bildungshintergrund schließen zu können.
Zur Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugsystems der sechsten Generation, bei dem Leonardo mit seinem Programm GCAP zum deutsch-französisch-spanischen FCAS-Programm in Konkurrenz steht, zeigte sich Cingolani „persönlich offen“ für neue Partner. In deutschen Verteidigungskreisen ist ein mögliches Interesse an einem Einstieg bei GCAP geäußert worden, weil FCAS zu scheitern droht. „Aus technologischer Sicht wäre es wünschenswert neue Partner zu haben. Doch das ist eine Entscheidung der Regierungen“, sagte Cingolani.
Die Leonardo-Aktie legte am Donnerstag in Mailand zeitweise um neun Prozent zu, obwohl das Papier seit Jahresbeginn schon um 25 Prozent und in den vergangenen zwölf Monaten um 45 Prozent gestiegen ist. Die Aktionäre bewerten das Unternehmen heute mit 36 Milliarden Euro. Ende 2022, wenige Monate vor Cingolanis Amtsantritt, betrug der Marktwert nur 4,6 Milliarden Euro.