Leipzig | Helene Bukowskis Blick aufwärts eine verlorene Deutsche Demokratische Republik-Welt: Was ist daran irritierend?
Ein Vater dokumentiert den Lebensweg seiner Tochter. Fotoalben, ein dokumentarisches Buch mit Geschichten über das heranwachsende Mädchen, das sich zu einer begabten Pianistin entwickelt, sich aber mit 24 Jahren das Leben nimmt. Davor ist sie vieles, in den Augen des Vaters ein Wunderkind, das einzige Kind, die geliebte Tochter. Was passiert mit ihr, warum nimmt sie sich das Leben?
Jahrzehnte später fallen die Dokumente einer jungen Autorin in die Hände: Helene Bukowski nähert sich der Unbekannten erzählerisch. Was man nicht weiß, nicht wissen kann, weil die Dokumente von außen auf das Leben des Mädchens blicken, das erdichtet Bukowski in Wer möchte nicht im Leben bleiben?.
Sie erzählt die Stationen des kurzen Lebens, das Christina von ihrer Geburtsstadt Leipzig nach Neustrelitz und dann nach Berlin und Moskau führt. Sie erzählt von einem Kind, das singen kann, bevor es spricht, und dessen erstes musikalisches Gurren vom Vater stolz mit einem Tonbandgerät festgehalten wird. Der Vater, Opernsänger, fördert das Talent der Tochter, bevor Christina professionellen Händen überantwortet wird und in einem Kammermusiktrio reüssiert. Ein Tatsachenroman? Eine fiktive Biografie?
Tatsachenroman? Oder fiktive Biografie?
Bukowski will nicht einfach erfinden, sondern finden. Die wahre Frau zwischen den Briefen und Dokumenten entdecken. Originell und durchaus mutig ist diese Annäherung, die auf der Einschreibung des erzählerischen Ichs in die Geschichte Christinas basiert. Denn Bukowskis Erzählerin gesellt sich zu Christina, sie ist anwesend, schaut ihrer Figur über die Schulter.
Besonders wirkungsvoll ist die Methode da, wo die junge Frau später in die psychische Krankheit kippt, wo sie selbst und die beobachtende Erzählerin einer dritten –„Chris“ – beiwohnen, mit Befremden die seelischen Veränderungen beobachten. Erzählerisch ist das eine interessante Haltung. Es handelt sich ja weder um einen allwissenden Erzähler, der gottgleich über sämtliches Wissen verfügt, noch um einen personalen Erzähler, der dem Leser all das vermitteln kann, was die Figur weiß.
Nein, die Erzählerin schreibt sich als Nebenfigur der Geschichte ein, weil sie nicht weiß, was Christina denkt und fühlt. Gleichzeitig behauptet sie aber, deren Gefühle verstehen zu können. Da, wo Befremden wuchern könnte, wird Vertrautheit vorgetäuscht. Vielleicht ist das ein Sinnbild für die zeitgenössische Literatur, das zeitgenössische Lesen, das zu identifikatorischen Lektüren neigt.
Die Erzählung droht bisweilen ins Gefühlige zu kippen
Eine Figur ist in diesem Sinne verständlich, wenn man sich einfühlen kann. Hier also identifiziert sich die Erzählerin mit der von ihr erzählten Figur, nimmt eine Verdoppelung vor: „Deine Mutter liebte es, in den mecklenburgischen Seen zu schwimmen. Meine Mutter liebt es, in den mecklenburgischen Seen zu schwimmen.“ Damit kommt man nicht dem Erzählten näher, wohl aber der Erzählerin. Tatsächlich bleibt Christina, obwohl so viel über sie gesagt wird, eine Fremde in diesem Text.
Es handelt sich eben nicht um eine Annäherung, sondern um eine Aneignung. „Zusammen springen wir in eine Pfütze … wir müssen lachen, nehmen erneut Anlauf, erzeugen Wellen, dein Vater fischt uns heraus.“ So droht die Erzählung bisweilen ins Gefühlige zu kippen, etwa wenn sie dem Mädchen Schluckauf und Schluchzen in den Mund legt. Oft hat man das Gefühl, dass etwas nicht ganz richtig ist, dass die Figur im entscheidenden Moment erfunden, nicht echt ist.
Vielleicht liegt es auch daran, dass der DDR-Kosmos der Autorin fremd ist? Man ist nicht sicher, wie man diese Szenen nach einem Konzert lesen soll: „Eure Mütter stoßen darauf an und beglückwünschen sich … Die nächste Runde wird bestellt. ‚Auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat und die Überwindung der Klassengesellschaft! Der Kommunismus wird siegen! Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!‘“ Ist das ironisch gemeint?
Bukowski siedelt die Familie im Leipziger Szenestadtteil Plagwitz an
Nun handelt es sich um eine Annäherung, die die vielen Leerstellen – etwa fehlende Informationen über die Herkunft der Mutter – herbeifantasieren muss. Mit solch einem Projekt, das sich halb auf die Dokumentation, halb auf die Fiktion stützt, ist es so eine Sache: Gerade die nicht-fiktionalen Elemente müssen plausibel erscheinen, um der Fiktion Glaubwürdigkeit zu verschaffen.
Es mag kleinlich erscheinen, aber die Mutter kommt eben nicht aus dem „mittelsächsischen Gebirge“ – entweder stammt sie aus dem Erzgebirge oder aus dem mittelsächsischen Hügelland. Dass die Eltern bei der Erstbegegnung am Bahnhof in den 50ern Weintrauben kauen, findet man erstaunlich, stellt man sich die Zeit doch als eine Mangelzeit vor. Wie sehr die gegenwärtige Erfahrung die Vergangenheit überschreibt, wird deutlich, wenn Bukowski die Familie auf Basis mangelnder Überlieferung im Leipziger Szenestadtteil Plagwitz ansiedelt – wo heute institutsgeschulte Schreibende in Industrielofts wohnen und im angrenzenden Auwald spazieren.
Dementsprechend wandert Christinas Mutter mit dem Baby unter herbstbunten Laubbäumen und genießt die frische Luft. Nur hätte man zu DDR-Zeiten nicht von der Waldluft geschwärmt, sondern die bleischwere Abluft Hunderter Industrieschlote beklagt, die die weiße Wäsche schwärzte und Rußschlieren an die Fenster malte. Aber vermutlich ist auch diese Bemerkung kleinlich und die Einfühlung siegt am Ende über den Realismus.
Wer möchte nicht im Leben bleiben? Helene Bukowski Claassen 2026, 384 S., 24 €