Lars Eidinger und Luisa Neubauer im Schnee

Die 75. Berlinale beginnt. Unter neuer Leitung soll der Antisemitismus-Skandal von 2024 schnell vergessen sein. Unsere Reporter stürzen sich ins Getümmel, berichten von Film-Highlights und Promi-Gerüchten. Auch die größten Flops ersparen wir Ihnen nicht – im frenetisch aktualisierten Live-Ticker.
Freitag, 9 Uhr – Timothée Chalamet und der erste Wettbewerbstag
Während gleich alle durchdrehen, weil ein Lockenköpfchen mit Schlafzimmerblick so tut, als wäre es Bob Dylan, taucht der Kritiker ab in die programmatischen Untiefen des ersten Wettbewerbstages: Auf dem Zettel stehen heute ein Mammutfilm à la „Once Upon a Time in America“, bloß dass er in China spielt: Über vier Generationen erzählt „Sheng xi zhi di“ vom extremen Wandel in einem extremen Land. Außerdem „Hot Milk“, ein queeres Coming-of-Age-Drama, in dem Vicky Krieps im flirrenden Sommer Spaniens dem „Sex Education“Star Emma Mackey den Kopf verdreht. Am Abend geht Jessica Chastain in „Dreams“ mit einem mexikanischen Balletttänzer eine verbotene Beziehung ein. küv
Freitag, 8:15 Uhr – Künstliche Kino-Intelligenz
Blitzartige Erkenntnis an Tag zwei: Man bräuchte dringend einen Assistenten, der einem frühmorgens die Tickets bucht. Oder einen, der für einen schläft. Ja, das wäre noch besser. Zumindest das Erste könnte doch eigentlich eine dieser KIs übernehmen, von denen jetzt alle reden. ChatGPT, DeepSeek, Perplexity und so weiter.
Man müsste ihr nur Benutzername und Passwort verraten. Hm, am Ende lässt sie sich dann von den Verleihern die Presse-Screener zuschicken und guckt alles selber, in ihrem Heimkino im Cyberspace. Andererseits könnte sie dann auch gleich die Berichterstattung übernehmen. Dafür müsste man ihr wiederum die Kennung für unser Redaktionssystem verraten. Und das geht natürlich nicht, das wäre der erste Schritt zur Weltherrschaft. küv
Freitag, 1:17 Uhr – Die Eröffnungsgala von innen
Wie schön, dachte ich vorhin, auf dem Weg zur Eröffnung, endlich weiße Weihnachten! Doof nur, dass parallel Berlinale ist. Ich würde die elegische Erhabenheit der Natur, die Bäume, Straßen, Litfaßsäulen und selbst die Passanten gleichermaßen in glitzernde Schneeskulpturen verwandelt, gern genießen. Leider schlitterte ich mit den dünnen Fahrradreifen dermaßen durch die Gegend, als wäre ich ein avantgardistischer Plot. Bloß nicht bremsen! Die letzten Meter zu Fuß in die S-Bahn legte ich auf dünnen Ledersohlen zurück wie Buster Keaton, wild schwankend und mit rudernden Armen. Immerhin: Ich lebe noch.
Am Potsdamer Platz weiter dichtes Schneetreiben. Am Einlass tasten die Security-Leute die ausladendsten Rüschenröcke ab. Dann endlich drinnen. Selbst flüchtiges People-Watching ist maximal ergiebig. Eigentlich sind alle da, weswegen man es im Einzelnen gar nicht weiter erwähnen muss. Herbert Grönemeyer weht mir entgegen, Franziska Giffey führt ein gewagtes Kleid spazieren, nicht so sehr wegen der Freizügigkeit, sondern wegen des Geschmacks. Haben Sie unter den deutschsprachigen Schauspielern einen besonderen Liebling? Unter Garantie hier.
Da kann man sich auf Wesentliches konzentrieren, zum Beispiel die Frage des Schuhwerks: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle hat als richtig gemacht, sie spielt ihren Heimvorteil in dicken Combat-Boots aus. Wenn sie dahinschreitet, blitzen unter den Sohlen große Sterne. Lars Eidinger zeigt, dass die Elemente ihm nichts anhaben können; er schlappt in hinten offenen Lederslippern über den roten Teppich, als wollte er mal eben schnell auf Marrakeschs Jemaa el-Fnaa einen Orangensaft trinken.
Die Reden sind toll, alle lieben Tilda, besonders wenn sie die Kraft des Kinos beschwört. Das Kino sei ein „unabhängiger Staat“, sagte sie, „unberührt von Besatzung, Kolonisierung, Übernahme, Besitz oder der Entwicklung von Riviera-Grundstücks-Landbesitz“. Na, wir wollen mal nicht zu politisch werden, denkt sich hingegen Tricia Tuttle, aber sie hat ja auch ein Festival zu präsentieren. In ihrer kleinen Gedenkansprache erwähnt sie Israel, den Libanon, Jordanien – nicht hingegen Gaza oder „Palästina“. Von Anfang an tanzt die Berlinale, um einen ihrer früheren Bären-Gewinner zu zitieren, auf einer „Thin Red Line“.
Nach einer ungeplanten, aber dringend benötigten Pinkelpause beginnt Tom Tykwers Film. Er dauert sehr, sehr lange, fast drei Stunden, in Wirklichkeit sind es eher zehn. Breiten wir aus Höflich- und Müdigkeit einen eisigen Mantel des Schweigen darüber. Lars Eidinger ist eh super, selbst in der haarsträubendsten Schmonzette.
Kurz vor Mitternacht dann gibt’s vegane Snacks und Rosé aus Brad Pitts Weingut Miraval. Er schmeckt total okay. Und draußen schneit’s noch immer. küv
Donnerstag, 20:27 Uhr – Eröffnungsfilm „Das Licht“: Berliner Dysfunktionalität und Dauerregen
Da wurde zur Einstimmung aufs typische Berlinale-Wetter extra ein Eröffnungsfilm ausgesucht, in dem es ununterbrochen regnet – und dann schneit es ausnahmsweise mal am Potsdamer Platz. Die weiße Schneedecke wechselt sich nur sporadisch mit roten Teppichen ab. Vor dem Stage Bluemax Theater, das dieses Jahr erstmals auch als Ausspielungsort dient, steht ein Mann und hält ein Pappschild hoch. „Suche Ehefrau (Schauspielerin)“ steht darauf.
Ähnlich verloren suchend sind auch die Figuren in „Das Licht“, dem Eröffnungsfilm von Tom Tykwer („Lola rennt“, „Babylon Berlin“). „Eine ganz normale dysfunktionale deutsche Familie“, nennt die pubertierende Tochter es treffend. Viel passiert in diesem Familiendrama mit Lars Eidinger, den man entweder nackt oder im Regenparka sieht, und Nicolette Krebitz, die ständig am Telefon hängt. Vielleicht passiert auch zu viel.
Nach dem plötzlichen Tod der alten Haushälterin wird eine neue eingestellt, die Syrerin Farrah (Tara Al Deen), die gleichzeitig als Therapeutin für jedes einzelne krisenanfällige Familienmitglied herhalten muss. Zwischendurch gönnt Tykwer dem fast drei Stunden stillsitzenden Publikum bunte Musical-Einlagen zu Liedern von Abba und Queen. Nachdem inzwischen selbst DC- („Joker 2“) und Mafia-Helden („Emilia Perez“) ihre Musicalfilme bekommen haben, darf nun auch die Berlinale mit einem experimentellen Genre-Hybrid starten, das viele Gestaltungselemente und Themen – allerdings nicht immer gewinnbringend – vermischt. Am Ende bleibt die Botschaft, dass alles zusammenhängt und es hilft, sich am Licht zu orientieren. Für ein Lichtspiel-Festival kein schlechter Rat. gold
Donnerstag, 20:20 Uhr – Warten auf den Herzinfarkt
Heute morgen schon der erste Schockmoment. Das hundsgemeine Ticket-System, das die übermüdeten Kritiker täglich um 7.30 Uhr, wenn die Schauspieler glücklich von der Premierenparty nach Hause stolpern, vor die Computer zwingt, um sich in die digitale Buchungsschlange einzureihen, stürzte mittendrin ab, als ich gerade dabei war, einen der meisterwarteten Film des Festivals zu reservieren: „Mickey 17“ vom „Parasite“-Regisseur Bong Joon-ho. Robert Pattinson spielt darin ein armes Würstchen, dessen Job darin besteht, wieder und wieder zu sterben. Plötzlich fühlte ich mich genauso. Als ich wieder drin war, war das Ticket weg. Das Buchungssystem behauptete aber steif und fest, ich hätte den Film schon gebucht. Nur leider war er weder im Warenkorb noch in der Warenausgabe zu finden. Es gibt aber fieserweise nur eine einzige Vorführung. Sekündlich rechnete ich mit dem Herzinfarkt.
Apropos rechnen: Kenntnisse in höherer Mathematik sind schon nötig, wenn man halbwegs komfortabel durchs Programm navigieren will. So lautet die offizielle Gebrauchsanweisung:
„Die Freischaltung der Akkreditiertentickets erfolgt ab dem 11. Februar 2025, 12:00 (MEZ) für die Pressevorführungen von ‚Das Licht‘ am 12. Februar. Ab dem 12. Februar erfolgt dann täglich um 7:30 Uhr (MEZ) die Freischaltung von Tickets für alle Veranstaltungen, die an den jeweils zwei darauffolgenden Tagen stattfinden:
Mi, 12.02., 07:30 Uhr: Tickets für Do, 13.02. und Fr, 14.02.
Do, 13.02., 07:30 Uhr: zusätzlich Tickets für Sa, 15.02.
Fr, 14.02., 07:30 Uhr: zusätzlich Tickets für So, 16.02.
etc.“
Mit anderen Worten: Man lebt während der Berlinale auf mindestens zwei Zeitebenen, der chaotischen Gegenwart und der präzise zu planenden Zukunft.
Nach einer Viertelstunde bangen Ausharrens vor dem unbarmherzig stoischen Bildschirm klappte es schließlich doch noch, so lange lässt das System seine Opfer schmoren, bis es im digitalen Nirwana verschollene Buchungen wieder freigibt: „Mickey 17“ war im Kasten. Mehr dazu nach der Vorführung am Samstag. küv
Donnerstag, 20:15 Uhr – Tilda Swinton nimmt den Ehrenbären entgegen
Der Oscar-Preisträger Edward Berger („Im Westen Nichts Neues“, „Konklave“) ehrt die Schauspielerin Tilda Swinton, die dieses Jahr den Ehrenbären erhält. Am Dienstag wird Swintons neuster Film „The End“ in Anwesenheit der Schauspielerin in einer Spezialvorführung gezeigt. In Venedig gewann im September „The Room Next Door“ mit Swinton als krebskranker Sterbender den Hauptpreis. Berger lobt Swinton als „furchtlose Kämpferin“, die Stil und Witz habe. „Ich liebe Ihre Theatralik“.
Swinton ist quasi festes Berlinale-Inventar. Schon in 26 Berlinale-Filmen spielte sie in ihrem 64 Jahre jungen Leben mit. Die Berlinale war das erste Filmfestival, das sie je besucht habe.
Dann betritt Swinton mit Alien-graziler Eleganz in einem dunkel-violett glitzernden Kleid und blonder Kurzhaarfrisur die Bühne. Vielleicht stand der Goldene Ehrenbär noch niemandem so gut wie ihr. „Dear fellow humans“, liebe Mitmenschen, begrüßt sie den Saal. Und erst da merkt man, dass sie das ja wirklich ist, so etwas wie ein Mensch, auch wenn sie stets außerirdisch übernatürlich wirkt. Ihre Rede liest sie aus einem schwarzen Buch vor, das so ernsthaft wirkt wie die Sätze, die folgen. Unter anderem prangert Swinton giersüchtige Regierungen an, die sich mit „Planeten-Zerstörern und Kriegsverbrechern“ einließen: „Das Unmenschliche wird unter unserer Aufsicht verübt“. gold
Donnerstag, 19:38 Uhr – Tricia Tuttle lobt Berlin am Eröffnungsabend
Es ist geschafft. Alle Stars und Aktivisten haben es vom Schnee über den roten Teppich bis in den Berlinale-Palast geschafft. Die neue Leiterin Tricia Tuttle beginnt ihren Auftritt mit einem ausführlichen Lob an Berlin. Sie liebe die Menschen, die Architektur, die Galerien und die Museen. „Berlin hat die fantastischste unglaublichste Kinokultur der Welt“, ergänzt sie. „Ganz ehrlich.“ gold
Donnerstag, 19:23 Uhr – Schauspieler erinnern an israelische Geisel David Cunio
Donnerstag, 19:09 Uhr – Auch die Fans protestieren
Nicht nur den Stars auf, sondern auch den Fans neben dem roten Teppich geht es um Politik. „Deutschland, hör auf, Israel zu bewaffnen“ und „Deutschland ist am Genozid beteiligt“ liest man neben der palästinensischen Flagge. gold
Donnerstag, 18:54 Uhr – Luisa Neubauer fällt mit politischem Kleid auf
Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer fällt immer wieder durch ihre extravagante Kleider-Wahl auf. Beim Berliner Presseball trug sie zuletzt ein Kleid mit der Aufschrift „Hot, Hotter, Death“. Bei der Berlinale-Eröffnung schießt sie nun gegen Friedrich Merz. „Donald & Elon & Alice & Friedrich?“ heißt es auf weißem Samt. Der Name „Friedrich“ ist hellgrau verblasst, die anderen Namen stechen in deutlichem Schwarz hervor. Auf ihrem Rücken steht: „Democracy Dies in Daylight“, die Demokratie stirbt bei Tageslicht. Ein Accessoire, das auch nie fehlen darf: der mahnende Blick. gold
Donnerstag, 18:30 Uhr – Kundgebung für die Geiseln der Hamas
Auf dem Potsdamer Platz hat sich vor dem Armani Pop-Up eine Menschengruppe versammelt. Schneebedeckte Arme halten „Bring Them Home“-Schilder hoch, mit Fotos der Geiseln, die sich noch in der Gefangenschaft der Hamas befinden. Ariel Cunio, 27, und sein Bruder David Cunio, 33. Die Zahl „33“ wurde mit Filzstift durchgestrichen, daneben mit Hand „34“ geschrieben. So alt ist Cunio inzwischen. 22 war er, als sein Film „Youth“ auf der Berlinale gezeigt und ausgezeichnet wurde. Darin spielte Cunio ausgerechnet einen Entführer. Am 7. Oktober 2023 wurde der Schauspieler von der Hamas entführt. Seine Frau und seine beiden Kinder wurden im November 2023 wieder freigelassen, er selbst und sein jüngerer Bruder befinden sich immer noch in Gefangenschaft. Am Freitag feiert der Dokumentarfilm „A Letter To David“ von Tom Shaval Premiere auf der Berlinale, ein persönlicher Brief an seinen entführten Freund David. Am Samstag gibt es „Holding Liat“, die zweite Doku über eine Geisel der Hamas zu sehen. Sie begleitet die Familie des entführten Liat.
Doch die Veranstalter der Kundgebung sehen die Rolle der Berlinale kritisch: Beim Filmfestival im Februar 2024 wurde Cunio auf der Bühne mit keinem Wort erwähnt, stattdessen fielen bei der Preisverleihung von Preisträgern Vorwürfe gegen Israel wie „Genozid“ und „Apartheid“. Außerdem werfen die Redner dem Filmfestival vor, sich vor wenigen Tagen von der Antisemitismus-Resolution des Bundestages distanziert zu haben. Dabei hatte die neue Intendantin Tricia Tuttle angekündigt, eine Wiederholung des Antisemitismus-Skandals des vergangenen Jahres verhindern zu wollen. gold
Donnerstag, 18:00 Uhr – Willkommen zum Live-Ticker!
Hallo zum Berlinale-Ticker, unserer atemlosen Dauerberichterstattung vom größten Publikumsfilmfestival der Welt. Das klingt sensationell, finden wir auch. In Wahrheit stehen wir ziemlich oft in der Eiseskälte des Potsdamer Platzes und wissen nicht, wohin. Pünktlich Mitte Februar richten sich in der Hauptstadt die Temperaturen bei Minusgraden so gemütlich ein wie die Zuschauer im CinemaxX nebenan auf den elektrisch verstellbaren Sesseln.
War das jetzt ein gelungenes Bild oder leicht windschief wie das Dach des Berlinale-Palasts, wo die großen Premieren stattfinden? Egal, wir formulieren hier weniger aus dem Kopf als aus dem Bauch. Ausgeruhte Rezensionen finden Sie woanders, zum Beispiel in den Links, mit denen wir diesen Dauerfeuerschnellschuss der Eindrücke großzügig sprenkeln werden.
Dieser Live-Ticker beabsichtigt, Ihnen die Berlinale so nah wie möglich zu bringen – das Gefühl, wie es ist, atemlos von A nach B zu hetzen, frühmorgens mit dem zickigen Ticketsystem zu kämpfen, nach der ersten Premiere des Tages das Interview mit dem nächsten Star nicht zu versäumen, verhungert eine Currywurst zu verschlingen, die sensible senegalesische Sozialstudie mit mongolischen Untertiteln angemessen zu bewundern, auf der „Bunte“-Party die Sau rauszulassen. Wir wissen selbst schon nicht mehr, wo uns der Kopf steht, dabei hat es nicht mal angefangen.
Und wer weiß, vielleicht steht gar der nächste Skandal in den Startlöchern, so wie im vergangenen Jahr, als es auf der Abschlussgala zu antisemitischen Ausfällen kam – eifrig beklatscht von Claudia Roth.
Das Angenehme für Sie: Sie müssen das alles gar nicht selbst durchmachen, sondern können hier entspannt mitlesen. Wie wir Sie beneiden! Aber einer muss den Job ja machen. Beziehungsweise zwei: Marie-Luise Goldmann (im Folgenden gold) und Jan Küveler (küv). Herzlich willkommen auf der Berlinale!
Source: welt.de