Landtechnik-Messe Agritechnica: „Die China-Phobie bringt uns nicht weiter“
Wenn eine Sparte des deutschen Maschinenbaus einen Stimmungsaufheller brauchen kann, dann ist es die Landtechnik. Die Hersteller von Traktoren, Mähmaschinen und Co. haben erstens ein deprimierendes Jahr hinter sich: 2024 verloren sie ganze 28 Prozent ihres Umsatzes, weil Landwirte und Maschinenhändler nicht daran dachten, in größerem Umfang zu investieren. Und als die Branche einen leichten Aufschwung verspürte und von besseren Zahlen für 2025 ausging, kam Trump: Der Zoll-Furor des amerikanischen Präsidenten hat die Landmaschinenhersteller kalt erwischt und die kurze Hoffnung auf eine baldige Besserung zunichtegemacht.
Das Umsatzminus ist von Januar bis Juni dieses Jahres wieder zurückgegangen – aber es beträgt immer noch zehn Prozent. Anthony van der Ley – im Maschinenbauverband VDMA Vorsitzender der Landtechnik und Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Mittelständlers Lemken – sagt, dass früher schlechtes Wetter der größte Gegenspieler der Branche gewesen sei, heute sei es die Geopolitik. Immerhin: Er sagte das auf der Agritechnica in Hannover, der Weltleitmesse der Branche. Und die ist traditionell ein großer Mutmacher. In diesem Jahr mehr denn je.
An Trumps Zöllen kann hier natürlich niemand rütteln. Vielmehr haben sich alle damit abzufinden, dass die Vereinigten Staaten – dorthin werden knapp 20 Prozent der globalen Produktion von Traktoren und Landmaschinen verkauft – dauerhaft für Verdruss sorgen. Weil neben dem Basiszoll von 15 Prozent Sonderzölle von rund 50 Prozent auf Stahl und Aluminium fällig werden und weil die oft voluminösen Landmaschinen einen hohen Stahlanteil haben, werden europäische Produkte in Amerika horrend teurer. 70 Prozent der Landtechnik-Exporte in die USA seien davon betroffen, und der Anteil könnte noch weiter steigen. Der deutsche Maschinenbau insgesamt sei davon betroffen, aber keine Sparte so sehr wie die Landtechnik.

Das gilt auch für einen Platzhirsch der Branche wie Claas . Die Westfalen haben zwar eine eigene Produktion in Nebraska und mit einem Jahresumsatz von rund fünf Milliarden Euro eine Größe, die eine gewisse Widerstandsfähigkeit verspricht. Aber sein Unternehmen sei ebenso verletzbar wie die vielen Mittelständler, sagte Jan-Hendrik Mohr, der Vorstandsvorsitzende von Claas, in Hannover: „Wir sind erheblich getroffen.“ Schließlich sei das Werk in Omaha auf Komponenten aus Europa angewiesen. Außerdem sei der bürokratische Aufwand im Grunde unzumutbar. Jede Maschine mit ihren vielen Tausend Einzelteilen müsse aufgeschlüsselt werden, was den verwendeten Stahl, seine Eigenschaften und Herkunft betrifft. Eine Mammutaufgabe.
Inflationseffekt unvermeidlich
„Es ist gerade eine große Herausforderung, in Amerika Geld zu verdienen“, sagt Mohr. Mit van der Ley ist er sich einig, dass es angesichts der amerikanischen Zollpolitik keine Sieger geben werde. Der Lemken-Chef sagt: „Am Ende wird es uns alle Geld kosten.“ Die Unternehmen, die Verbraucher, die Landwirte. Ein Inflationseffekt sei unvermeidlich, die Preise müssten steigen. „Wie soll es anders gehen?“, fragt Mohr. Ungünstige Wechselkurseffekte machten alles nur noch schlimmer. Auch er muss derzeit viel Zeit darauf verwenden, um Kunden die Gründe für Preissteigerungen zu erklären. Ein häufig wiederkehrender Satz: „Tut mir leid, es ist nicht unsere Entscheidung.“ Van der Ley mag seine Enttäuschung über uneinsichtige Kunden nicht verbergen. Einige hätten „den Trump-Effekt noch nicht verstanden“, sagt er. Claas – ein allen Widrigkeiten zum Trotz immer noch profitables Unternehmen, wie Mohr versichert – werde trotzdem weiter in seine amerikanischen Standorte investieren. Nicht wegen Trumps MAGA-Bewegung und nicht wegen des sogenannten „Big Beautiful Bill“ des Präsidenten, „sondern weil wir an die Landwirtschaft in den USA glauben“.
Maschinen, Pflanzen, Böden, Saatgut, Dünger, Unkraut, Wetter – alles wird analysiert
Mohr ist einer jener Protagonisten in der deutschen Landmaschinenindustrie, die eine Art Agritechnica-Enthusiasmus sicht- und hörbar beflügelt. Die Technik-Show in Hannover ist für ihn der beste Beweis für die Leistungsfähigkeit der Branche. In den teils riesigen Maschinen und in vielen Neu- oder Weiterentwicklungen steckt heute Technik, die früher undenkbar war: Kameras, Sensoren, Software, Künstliche Intelligenz – alles, um Maschinen, Nutzpflanzen, Böden, Saatgut, Dünger, Unkraut, Wetter und so weiter punktgenau zu analysieren. Auch die Agrarrobotik und automatisiertes Fahren machen weitere Fortschritte – auch wenn Letzteres auf unstrukturierten Feldern anspruchsvoller sei als für Autos im Straßenverkehr.
Zumal die Regulierung unübersichtlich und unklar sei und zum Beispiel keiner wisse, wie vorzugehen sei, wenn ein Hund auf ein erntebereites Feld laufe. Autonomisierung sei dennoch alternativlos. „Wo findet man heute denn noch Traktorfahrer?“, fragt van der Ley. Die Felder würden immer größer, die Arbeitskräfte immer weniger – und langweilig sei es auch, viele Hektar große Flächen monoton abzufahren. Tobias Ehrhard, Geschäftsführer der VDMA-Landtechnik („Wir kratzen am Aufschwung“), sagte, gegen „tendenziell geringere Bodenressourcen“ helfe nur Innovation. Es gehe darum, Böden mehr Ertrag abzugewinnen und gleichzeitig Ressourcen und die Umwelt zu schonen.
Eine „supermoderne Hightechbranche“
Die in Hannover ausgestellte technische Expertise soll diesem Ziel dienen – ebenso wie der Einhegung chinesischer Konkurrenten, die auch diese Sparte des deutschen Maschinenbaus ins Visier genommen haben. Der Claas-Vorstandsvorsitzende Mohr gab sich als erster Verteidiger deutscher und europäischer Tugenden. Die Zusammenarbeit im Land, ja auf dem ganzen Kontinent, zwischen einzelnen Herstellern sei beispiellos und ein oft übersehener Standortvorteil. Weil Traktor und Erntegeräte selten aus einer Hand kommen, sei diese Kooperation so wichtig – und ein Grund für viele Innovationen. Wo Expertise fehlt, wird sie zugekauft oder durch Partnerschaften aufgebaut. Claas etwa hat sich so Wissen über die Eiweißbestimmung in Pflanzen gesichert, Lemken wiederum hat in KI-Unternehmen investiert. Wilfried Müller, Geschäftsführer der baden-württembergischen Rauch Landmaschinenfabrik , erkennt in dieser Struktur eine „supermoderne Hightechbranche“.
Die soll sogar die Rivalen aus China im Zaum halten. Mohr sagt ohnehin: „Die China-Phobie bringt uns nicht weiter.“ Eine Exportnation wie Deutschland müsse damit leben, wenn auch andere aggressiv exportieren. Und wenn Chinesen billiger und schneller seien, dann müssten deutsche Unternehmen das auch werden. Wer seine Vorteile nutze, habe den Erfolg verdient. Deutschen Unternehmen helfe nur eines: „Wir müssen unsere Themen bearbeiten.“ Gelinge das, sei ihm um die Zukunft nicht bange.