Lage in Kyjiw: „Wenn die Heizung ausfällt, kann ich mit dem Baby hier nicht bleiben“
Wenn der Strom ausfällt, schaltet Viktoria oft die Taschenlampe ihres Handys ein und richtet das Licht auf die Decke ihres Schlafzimmers. Im Lichtkegel formt sie mit ihren Händen kleine Figuren. Das Schattenspiel beruhigt ihre Tochter Divia, zwei Monate alt.
Viktoria, eine 32-jährige Ingenieurin, die zum ersten Mal Mutter geworden ist, macht sich seit den massiven russischen Angriffen am Freitag Sorgen. „Wenn die Heizung ausfällt, kann ich mit dem Baby hier nicht bleiben“, sagt sie. Dann würde sie mit Divia zu Verwandten in die Karpaten im Westen des Landes fliehen, rund zehn Stunden Autofahrt entfernt. Ihr Mann Dmytro müsste in Kyjiw bleiben. Der 39-Jährige arbeitet von der Hauptstadt aus für die Armee. Die junge Familie wäre zerrissen, was Viktoria und Dmytro eigentlich vermeiden möchten.
Viele Menschen sind an diesem Wochenende aus Kyjiw
geflüchtet. Russland hatte die ukrainische Hauptstadt in der Nacht von
Freitag auf Samstag mit Dutzenden Marschflugkörpern und Hunderten
Drohnen angegriffen. Es war der vierte massive Angriff auf Kyjiw in diesem noch jungen Jahr – und der größte seit vergangenem
Herbst. Der russischen Armee gelang, was sie in mehreren Städten seit
drei Jahren vergeblich versuchte: Sie beschädigte die zwei größten
Heizkraftwerke, die die Zivilbevölkerung der Hauptstadt mit Fernwärme
versorgen, schwer – ausgerechnet in einer Woche, in
der die Temperaturen tagsüber bei minus zehn und nachts bei minus 17 Grad liegen.
Sogar
der Bürgermeister, Vitali Klitschko, hatte die Bewohner seiner Stadt
aufgefordert, Kyjiw wenn möglich zu verlassen. Viele fuhren in ihre
Sommerhäuschen auf dem Land, wo sie mit Holz heizen können, oder zu
Freunden und Familienmitgliedern in anderen Städten und Dörfern, wo die
Wärmeversorgung noch funktioniert.
Fragt man am Sonntagmorgen Bekannte, wie warm es in ihren Wohnungen ist, schreibt jemand: 14 Grad, andere schicken Fotos von Thermometern, die nur 12,4 Grad anzeigen – oder 10,8.
Tausende Wohnungen kühlen aus. Zudem bleibt der Strom, wie schon seit Monaten, in den meisten Haushalten stundenlang am Tag weg, weil Russland auch die Energieinfrastruktur systematisch zerstört. Das bedeutet: Sogar wer vorgesorgt und sich vor dem Winter Elektroheizkörper zugelegt hat, kann seine Wohnung meist nicht ausreichend aufwärmen.
Der Energieexperte Stanislaw Ignatiew sagte dem ukrainischen Medium Unian: „Ungeheizte Wohnungen werden in den nächsten Tagen zu Kühlschränken werden.“ Ein für Kyjiw typisches fünfstöckiges Gebäude – so eines, in dem auch Viktoria mit ihrem Mann und Baby lebt – kühle innerhalb eines Tages aus. Falls in einem neunstöckigen Plattenbau einige Wohnungen gut abgedichtet sind, werde er in etwa eineinhalb Tagen kalt. Neue Gebäude, die nach 2015 gebaut worden seien, könnten die Wärme bis zu drei Tage lang halten.
Viktoria, Dmytro und Divia wohnen in der Nähe eines Heizkraftwerks. Viktoria fürchtet, dass dieses Kraftwerk in den nächsten Wochen verstärkt Ziel der russischen Angriffe wird. Denn in Russland weiß man nach diesem Wochenende, wie erfolgreich die Angriffe waren, und dass wenige gezielte Schläge das Leben in der Hauptstadt für Tausende unerträglich machen könnten. Viktoria hat Angst, dass dann auch ihr Haus getroffen werden könnte. Bei Luftalarm geht sie mit Divia in den Keller.
Die Angst vor der Kälte dominiert die Gespräche in Kyjiw. Leute, deren Heizungen funktionieren und die Strom haben, bieten Freunden und Bekannten an, sich bei ihnen aufzuwärmen, auf ihrer Couch zu schlafen, ihre Handys zu laden. Starkoch Jewhen Klopotenko veröffentlichte eine Kolumne mit dem Titel: „Was essen, um sich aufzuwärmen? Fünf Gerichte für eisige Tage“.
Viele Menschen hatten sich schon vor dem Winter einen Plan zurechtgelegt, wohin sie fliehen würden, wenn die Heizungen tatsächlich kalt blieben. Aber nicht jeder kann sich das leisten, und nicht jeder ist mobil. Vor allem Alte und Kranke harren derzeit in kalten und dunklen Wohnungen aus.
Die 65-jährige Ludmila lebt mit ihrer 96-jährigen Mutter Valentina in einem Wohnblock aus den Achtzigern am Rand der Stadt. Die Wände sind dünn, die Kälte zieht herein. Mutter und Tochter schlafen seit Freitag in Winterjacken. Valentina, die als Mädchen schon den Zweiten Weltkrieg überlebte, ist blind, ihre Demenz ist fortgeschritten.
Seit sechs Jahren kümmert sich Ludmila, eine pensionierte Lehrerin, um sie. Seit 48 Stunden haben Mutter und Tochter am Samstagabend schon keinen Strom. „Vergangene Nacht bekam meine Mutter Durchfall und musste erbrechen“, sagt Ludmila. Der Stress habe Valentina schwer zugesetzt. Sie habe nicht mehr verstanden, dass sie sich in der eigenen Wohnung befand. Sie sei panisch geworden. Mehrmals habe die alte Frau versucht, die Wohnung zu verlassen.
„Ich glaube, dass die Dunkelheit und Kälte diesen Zustand ausgelöst haben“, sagt Ludmila. Normalerweise male sie mit ihrer Mutter
in solchen Momenten oder schaue gemeinsam mit ihr koreanische
Serien auf dem iPad. Ohne Strom ist auch das nicht möglich.
Der Akku des
iPads halte nur zwei Stunden, und auch die große Powerbank ist defekt
und lädt nur noch schwach. Das iPad lade sie meist in Supermärkten oder
in Cafés. Auch Internet hat Ludmila nur, wenn sie den Router
an die Powerbank anschließt. Denn ohne Strom fällt in Teilen der
Stadt auch das Mobilfunknetz aus. Wegen all dem gelang es Ludmila am Wochenende lange Zeit nicht, ihre Mutter zu beruhigen.
In vielen Wohngebäuden ließen die Behörden das Wasser aus den Heizsystemen ab, um zu vermeiden, dass der Frost die Rohre sprengt und die Heizungen langfristig kalt bleiben. Der Energieversorger Dtek schrieb auf der Plattform X, die Lage sei derzeit die härteste in diesem Winter. In Kyjiw habe Russland gerade dann angegriffen, als die Belastung des Stromnetzes am größten gewesen sei: bei eisiger Kälte.
Auch in anderen Regionen gibt es Probleme bei der Versorgung ziviler Haushalte. Vergangene Nacht blieb laut Behörden in rund 382.000 Haushalten in der Region Saporischschja der Strom für einige Stunden weg. Auch in der Region Dnipro seien die Hochspannungsleitungen stark beschädigt, es gebe Probleme bei der Stromübertragung.
Nach den Angriffen hatten viele Haushalte auch kein Wasser – oder es kam nur kaltes aus der Leitung. Die Versorgung ist den Behörden zufolge seit Sonntag wieder sichergestellt. Das Heizsystem werde stufenweise wieder aufgebaut.
In Ludmilas Wohnung gibt es zwar Wasser, aber es kommt mit zu wenig Druck aus der Leitung. Eigentlich wäscht sie Valentina jeden Tag, seit Freitag muss ein nasses Handtuch dafür reichen.
Sie erhitzt einmal täglich Wasser auf einem Campingkocher, füllt es in drei Thermoskannen und versucht, damit durch den Tag zu kommen. Ludmila geht sparsam mit dem Gas um, weil sie nur noch eine Kartusche zu Hause hat. Der kleine Gaskocher reicht nicht, um richtiges Essen zuzubereiten. Sie wärmt damit nur bereits gekochten Buchweizen auf und macht Tee.
„Ich kann drei Tage ohne Strom aushalten, aber mehr geht nicht“, sagt Ludmila. Sie sagt, sie habe Angst vor den nächsten Tagen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll und hoffe nur, dass der nächste Monat besser wird.“ Anders als viele andere Hauptstädter kann sie mit ihrer Mutter nicht spontan das Haus für ein paar Tage verlassen, in eine andere Gegend ziehen oder gar ins Ausland.
Letztere Option erwägen nun wieder mehr Menschen in der ukrainischen Hauptstadt. In Gesprächen erzählen vor allem jene Frauen davon, die seit Beginn der Invasion schon mal länger ins Ausland geflohen sind, aber wieder in die Ukraine zurückkehrten.
In der kommenden Woche sollen die Temperaturen in Kyjiw auf bis zu minus 20 Grad sinken. Es ist der kälteste Winter, seit Russland im Jahr 2022 die Ukraine überfallen hat. Und während Reparaturteams in Tag- und Nachtschichten die Schäden beseitigen, denken viele Hauptstädter zum ersten Mal konkret darüber nach, was sie machen würden, sollten ihre Heizungen länger als nur für ein paar Tage kalt bleiben.