Ländlicher Raum im Osten: Acker, Wut, AfD
Unter Einheimischen gilt Wasserleben als „Klein-Venedig“. Durch das 1500-Seelen-Dorf ziehen sich Wassergräben, gesäumt von Fachwerkhäusern, dahinter erhebt sich der Harz, ein UNESCO-Kultur- und -Naturerbe. Doch hinter der Idylle steckt Frust – und Anschauungsmaterial für das, was gerade in vielen Orten in Ostdeutschland passiert.
Einer, der das aus nächster Nähe erlebt, ist Michael Wesche, 39 Jahre alt, Landwirt, in Wasserleben aufgewachsen. Er leitet die Agrargenossenschaft „Apro“ am Ortsrand. „Da vorne war unser letzter Supermarkt“, sagte er, „der hat jetzt auch dichtgemacht.“ Aus dem Fenster seines Pick-ups zeigt er auf die verschlossenen Türen des Ladens mit dem Schriftzug „NP“. „Das ist ein riesiger Einschnitt. Die Leute sind mehrmals am Tag hergekommen, das war ihr Treffpunkt, viele haben keine Angehörigen mehr hier.“
Auf der Straße von Wasserleben trifft man an diesem Novembermorgen kaum Menschen. Die meisten wohnen in schlicht verputzten Häusern, in den Fenstern hängen Rüschengardinen. Das Nötigste gibt es hier: Bäcker, Autowerkstatt, Kirche, Sportplatz. Aber sonst?
Eine LPG aus DRR-Zeiten
Landwirt Wesche biegt in die „Straße d. MTS“ ein. Er deutet auf die mit Flatterband abgesperrte Tankstelle. „Die ist auch schon länger zu.“ Und oben am Hang, da sei mal eine Schäferei gewesen, auch geschlossen. Am Ende der Straße liegt der Betrieb, ein flaches, beige gestrichenes Gebäude aus DDR-Zeiten. Nebenan auf dem Hof stehen etwa ein Dutzend Maschinen und Geräte, darunter PS-starke Traktoren und Mähdrescher.

Die Genossenschaft Apro ist ein typischer ostdeutscher Großbetrieb. Ein Geschäftsführer, sechs Genossen, ein Lehrling, ein Rentner zur Aushilfe. 1100 Hektar Ackerland, das Geld verdient man mit Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Raps. Zu DDR-Zeiten war Apro eine „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft“. Die Genossenschaft zahlt Löhne, Pachten, Gewerbesteuer. Viel mehr Wirtschaft gibt es in Wasserleben nicht, bis auf einen Milchviehhof und einen Sauenbetrieb.
An der Wand im Flur hängen Luftaufnahmen der Felder, Schwarz-Weiß-Bilder aus LPG-Zeiten und eine Erntekrone. Er selbst sei hier hineingewachsen, sagt Welsche und deutet auf ein Foto, auf dem sein Vater in einer Gruppe zu sehen ist. Auch er hat hier mal gearbeitet.
„Das kann nicht mal einer auf dem Amt erklären“
Der Landwirt trägt Arbeitshose der Marke Engelbert Strauss, Daunenweste, die Statur groß und sportlich, kurzes, braunes Haar. Den Großteil seines Arbeitstags verbringe er im Büro, sagt Wesche. Das ist etwas in die Jahre gekommen, die Regale an den Wänden prall gefüllt mit Ordnern, darauf steht „Düngeverordnung“, „Pacht“, „Genehmigungen“, „Förderanträge“. Kaum hat er Platz genommen, zählt er auf: Grundsteuer, Dokumentationspflichten, Anträge, all der Papierkram. „Ich habe schon längst aufgehört zu hinterfragen, was uns da alles auferlegt wird. Es wird jedes Jahr schlimmer“, sagt er.
Konkret wird sein Ärger beim Thema Düngung und Pflanzenschutz. Ein Teil seiner Flächen galt zeitweise als „rotes Gebiet“, weil die Nitratwerte im Boden als zu hoch eingestuft wurden, er hadert mit den Messstellen. „Das ist völlig willkürlich, wo sich diese Punkte befinden, das kann nicht mal einer auf dem Amt erklären“, sagt Wesche. Er ärgert sich, wenn der Messwert an einem Punkt zu hoch ist, für alle Flächen strengere Regeln gelten, obwohl die Böden sehr unterschiedlich seien. Das schmälere den Ertrag, denn Dünger darf dann oft nur noch eingeschränkt ausgebracht werden, die zulässigen Mengen sind genau festgelegt. Zusätzlich müsse jeder Einsatz exakt dokumentiert werden, bis auf das letzte Gramm, viele Maschinen seien dafür gar nicht ausgelegt. Ihn ärgert, dass seine Generation nun ausbaden müsse, was frühere Landwirte angerichtet hätten. Früher habe sich kaum jemand um Nitratwerte geschert, entsprechend nachlässig sei man damit umgegangen.

Unter diesen Bedingungen überlegt Wesche genau, was er überhaupt noch anbaut. „Für Zuckerrüben, eigentlich eine tolle Kultur, werden auch die Pflanzenschutzmittel immer weiter eingeschränkt“, sagt der Landwirt. In Finnland sei es erlaubt, Saatgut, das mit Insektiziden behandelt wurde, auszusäen. Hierzulande sei das verboten. Dennoch will er nicht als jemand gelten, dem die Umwelt egal ist. Der Betrieb setze sich seit Jahrzehnten für Artenvielfalt ein, lege Blühstreifen für Insekten an, und das nicht nur wegen der Förderung, sondern aus Überzeugung.
Drohende Subventionskürzungen beschäftigen den Landwirt
Mindestens genauso stark beschäftigt den Landwirt die europäische Agrarpolitik. Rund 200.000 Euro erhält sein Betrieb derzeit im Jahr an Direktzahlungen aus Brüssel. Bald könnte es nur noch die Hälfte sein, so plant es die EU. Im Vergleich zum Jahresumsatz der Genossenschaft von etwa 1,8 Millionen Euro erscheint das zunächst wenig. Doch Wesche hält die für essenziell und mehr als gerechtfertigt. Schon als das Wort „Subventionen“ fällt, hakt er ein. „Das sind Ausgleichszahlungen“, interveniert er. In Deutschland seien Auflagen höher als in vielen anderen Ländern, außerdem seien Löhne und Energie teurer. Die Gelder aus Brüssel seien eher ein Puffer als ein Geschenk, um am Weltmarkt noch wettbewerbsfähig zu bleiben. „Wir sollen investieren, klimafreundlicher werden, mehr dokumentieren, aber gleichzeitig sollen wir mit weniger klarkommen“, klagt Wesche. Dass es nun ausgerechnet die ostdeutschen Großbetriebe besonders trifft und kleinere bevorzugt werden sollen? Kann er nicht nachvollziehen.
„Ein großer Betrieb wie wir kann vielleicht Dünger günstiger einkaufen oder Maschinen besser auslasten“, räumt er ein. „Aber so groß ist der Vorteil nicht.“ Stolz sei ohnehin kein Landwirt darauf, von dem Geld abhängig zu sein. „Wenn wir anständige Preise für unsere Produkte bekämen, würden wir sofort darauf verzichten.“

Ärger über „Billigimporte“ aus dem Ausland
Kritiker sehen das anders. Sie halten Kürzungen bei großen Betrieben für fair, weil diese wirtschaftlich stabiler seien und stärker von den Direktzahlungen profitiert hätten. Der frühere Agrarminister Sachsen-Anhalts Hermann Onko Aeikens etwa meint, ein großer Teil der Höfe werde von den Plänen kaum betroffen sein. Zudem bekämen längst nicht nur Landwirte, sondern auch Banken, Stiftungen oder Immobiliengesellschaften die Zahlungen, denen Ackerland gehört. Für viele Betriebe seien die Einschnitte schmerzhaft, aber auf Dauer verkraftbar, sagt auch Ökonom Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle. Er plädiert dafür, die Zahlungen nicht mehr pauschal je Hektar zu zahlen, sondern stärker an Umwelt- oder Tierwohlmaßnahmen zu knüpfen. Dann würde auch die gesellschaftliche Akzeptanz steigen.
Wesche denkt laut darüber nach, wie man die Kürzungen vermeiden könnte, indem man den Betrieb in zwei Einheiten teilt und auf dem Papier „kleiner“ wird – in der Landwirtschaft ist das ohnehin verbreitet, um steuerliche Vorteile zu nutzen. Umsetzen möchte er das eigentlich nicht. „Wir wollen hier eigentlich arbeiten und nicht irgendwelche Konstrukte basteln“, sagt er.
Raus aus dem Büro, rauf auf den Hof. Wesche will sein Getreide im Lager kontrollieren, bald soll Ware in den Verkauf gehen, wenn der Preis stimmt. In der Halle ist es dunkel und kühl, etwa zehn Meter hoch türmt sich der Haufen mit Weizenkörnern. Wesche lässt die Körner durch seine Finger rinnen, riecht daran. „Brotweizen“, sagt er, Getreide, das Mühlen zu Mehl verarbeiten. Monatelang lagert es hier, Lüfter halten die Ware frisch. „Wir können nur abliefern, was beste Qualität hat“, sagt er.

Schon kommt er wieder auf die Agrarpolitik zu sprechen. „Hier kommt Getreide aus der Ukraine oder aus Südamerika ins Land, und niemand fragt danach, zu welchen Bedingungen produziert wurde. Das ist unfair.“ Wenn die EU die Direktzahlungen kürze, müsse man auch über Zölle auf Importe reden. „Sonst läuft der Markt mit Billigware voll, und am Ende sind die weg, die hier nach unseren Standards produzieren.“ Auch auf das Mercosur-Abkommen schimpft er. Die Bundesregierung richte ihre Handelsabkommen zu stark an einzelnen Industrien wie der Autoindustrie aus und vergesse, dass Landwirte damit benachteiligt werden. „Wenn sie hier die Landwirtschaft kaputt machen, was bleibt dann noch?“, fragt er.
Die Ansichten der Bürger werden radikaler
Die Ursachen für den Frust reichen tiefer als der tägliche Ärger über Formulare oder Fördergelder. Viele Probleme seien über Jahrzehnte gewachsen, doch es ändere sich nichts, sagt er. Die Ansichten der Bürger würden radikaler, und das nicht nur unter Landwirten. „Kein Wunder, dass die AfD immer stärker wird“, sagt er. Landwirte und andere einst treue CDU-Wähler hätten sich von der Partei abgewandt. „Über Jahre hat das mit Fehlern der anderen zu tun.“ Welche Partei er selbst wählt, lässt Wesche offen. Er macht aber klar, dass die AfD für ihn keine Alternative ist. Für ihn wirkt sie eher wie ein Auffangbecken für Frust als ein politisches Projekt, dem er vertraut.
Bei der Bundestagswahl war die AfD im Landkreis Harz mit knapp 40 Prozent die stärkste Kraft. Viele hier deuten das als Vorboten für die kommenden Landtagswahlen im Herbst 2027. Ob tatsächlich ein AfD-Ministerpräsident gewählt wird, bezweifelt Wesche. Und doch kritisiert er, die etablierten Parteien kümmerten sich zu wenig um die arbeitenden Menschen.
Immer wieder erzählt er von Alltagssituationen. Auf dem Hof begegnet man an diesem Novembermorgen einigen Angestellten. Auch bei ihnen bemerke er den wachsenden Frust. „Wenn die einen mit den teuersten Handys tagsüber unterwegs sind und von Vater Staat alles bezahlt bekommen, und andere müssen hier für ihr Geld arbeiten gehen, auch am Wochenende, dann gibt das zu denken, obwohl man seinen Job gerne macht“, sagt er.
Junge Leute ziehen weg
Hier geht es nicht um Vorbehalte gegen Ausländer. Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund begegnet man auf den Straßen in Wasserleben ohnehin so gut wie nicht. Es geht vielmehr um eine gefühlte Ungerechtigkeit: Jene, die arbeiten und Steuern zahlen, gegen jene, von denen man annimmt, sie lebten auf Kosten des Systems, etwa Bürgergeldempfänger. Wesche ist gegen Pauschalisierungen. Er erzählt von einem syrischen Familienvater, der in Wasserleben einen Dönerladen eröffnet hat. Die Kinder gingen hier zur Schule, die Familie zahle Steuern und werde herzlich aufgenommen. „Jeder, der hier arbeiten will und sich einbringt, ist herzlich willkommen. Da freut sich jeder im Dorf drüber.“
Beispiele wie diese bleiben hier allerdings die Ausnahme. Die Bewohner im Harz sind im Durchschnitt fast 50 Jahre alt, die Region gehört zu den geburtenärmsten in Deutschland. Die Bevölkerung schrumpft, junge Leute ziehen weg. Für jemanden wie Wesche, der hier mit seiner Familie ein Haus gebaut und einen Betrieb übernommen hat, stellt sich die Frage: Wird es überhaupt noch eine Generation geben, die dieses Landleben weiterführen will? Dass junge Leute von hier weggehen, wundert ihn kaum. „Auswärts kann man mehr Geld verdienen, und das mit weniger Arbeit und Stress“, sagt er.
Ökonomen sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Infrastruktur in ländlichen Regionen und dem Erfolg rechtspopulistischer Parteien. So argumentiert etwa die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln, es gehe weniger um absolute Armut als um wahrgenommene Möglichkeiten vor Ort: Welche Infrastruktur gibt es noch, wie sieht der öffentliche Nahverkehr aus, wie ist die Versorgung mit Ärzten und Kitas? Wo Einrichtungen schließen und Verbindungen ausgedünnt werden, wachse das Gefühl, abgehängt zu sein. Zugleich ist die AfD längst nicht mehr nur dort stark, wo die Lage besonders trostlos ist. Wahldaten zeigen, dass sie auch in wirtschaftlich stabilen Regionen und Städten hohe Stimmenanteile erzielt. Die Erzählung vom rein „abgehängten Osten“ greift daher zu kurz.
„Die Kommunen sind hier alle chronisch pleite“
Was also tun? Selbst aktiv werden, sagt Wesche. Er sieht seine Genossenschaft als Bindeglied für das Dorf, und das wohl auch aus historischen Gründen. Zu DDR-Zeiten waren die LPGs weit mehr als landwirtschaftliche Betriebe. Sie waren vielerorts der größte Arbeitgeber und übernahmen Aufgaben, die heute bei Gemeinden oder privaten Dienstleistern liegen: von Reparaturdiensten über Winterdienst bis hin zu Transporten und Baumaßnahmen für das Dorf. Wesche hat einen Raum für ein Kaffeetreffen der Rentner zur Verfügung gestellt. „Die haben hier sonst keinen Treffpunkt.“ Seit einigen Jahren pachtet die Genossenschaft eine Pension für Touristen und Handwerker in ihren Gebäuden und engagiert sich auch sonst im Kleinen. „Das sorgt auch für mehr Akzeptanz der Landwirtschaft“, sagt er.
Wirtschaftlich fehlten aber die Anreize, damit sich hier mehr Unternehmen ansiedeln. „Die Kommunen sind hier alle chronisch pleite. Wenn wir nicht wären und Steuern zahlten, wäre hier gar nichts los.“ Nun soll das Sondervermögen für Infrastruktur kommen. Doch er bezweifelt, dass das viel ändern wird. Niemand wisse, wann es komme, wie viel Geld und wofür es eingesetzt werde.
Fachleute wie der Ökonom Jens Südekum plädieren für eine neue Strukturpolitik. Statt immer neuer Förderprogramme, die in Formularen versanden, brauche es sichtbare Präsenz des Staates: funktionierende Schulen, Gesundheitszentren, Bürgerämter, gut erreichbare Ausbildungsplätze. Wer erlebe, dass in seine Region investiert werde, sei weniger anfällig für politische Radikalisierung, lautet seine Diagnose.
Hoffnung, dass sich an der Situation in Wasserleben grundlegend etwas bessert, hat Wesche nicht. Die Freude an seinem Beruf aber hat ihm all das nicht genommen. Zum Schluss zeigt er ein Foto von sich und seinem Sohn auf dem Traktor. Er wünscht sich, dass sein Kind einmal den Betrieb übernimmt, so wie er selbst es getan hat. Ob er dazu raten würde? Er würde gerne. Aber unter den aktuellen Bedingungen könne er „nur abraten“.