Kunst-Rankings: Immer wieder Gerhard Richter

Alle Jahre wieder und nun schon zum zweiundzwanzigsten Mal steht derselbe Name ganz oben auf der Liste der hundert „größten Gegenwartskünstler“, deren 55. Ausgabe gerade das Wirtschaftsmagazin „Capital“ veröffentlicht hat: Gerhard Richter. Auf den folgenden Plätzen des „Kunstkompass“-Rankings, das der Journalist Willi Bongard 1970 begründete und seit 1985 seine Witwe, die Journalistin Linde Rohr-Bongard verantwortet, herrscht gleichfalls Stillstand.

Nach dem dreiundneunzigjährigen deutschen Maler rangiert der amerikanische Konzeptkünstler Bruce Nauman, Jahrgang 1941, auf Platz zwei; auf Rang drei der 87 Jahre alte Deutsche Georg Baselitz mit seinen auf dem Kopf stehenden Figuren, gefolgt von Rosemarie ­Trockel als am höchsten bewertete Frau, auch aus Deutschland kommend. Mit 73 Jahren ist sie die Jüngste der Top Five, zu denen nun erstmals der sechsundsiebzigjährige amerikanische Bildhauer Tony Cragg gestoßen ist.

Andere Kriterien, etwas andere Reihenfolge

Nachgezeichnet auf Grund­lage eines komplizierten, durchaus subjektiv gewichteten Punktesystems für Ausstellungen in wichtigen Museen, Ankäufe durch dieselben und Nennungen in Fachpublikationen, ist das die Kunstwelt, wie sie von Köln aus aussieht. Auf der britischen Onlineplattform „Artmag“ mag es nach der Auswertung von Marktdaten, institutioneller Anerkennung und „kultureller Wirkung“ – also Popularität – etwas anders aussehen, mit Jeff Koons als Spitzenreiter vor Yayoi Kusama, Damien Hirst und Banksy auf den ersten Rängen der „100 Most Influential Living Artists Today“.

Doch an Richter, dessen Werke verlässlich zu den teuersten auf dem Kunstmarkt gehören und der für sein sieben Dekaden umspannendes Schaffen gerade von der Fondation Louis Vuitton in Paris mit einer fulminanten Retrospektive gewürdigt wird, führt trotzdem kein Weg vorbei bei „Artmag“, wenn auch nur auf Rang vier. Das Berliner Kunstmagazin „Monopol“ dagegen geht in die Vollen und kürte Richter am Montag zum wichtigsten Künstler und zur Nummer eins seiner aktuellen „Top 100“-Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten des Kunstbetriebs, die Kuratoren, Galeristen und Sammler mit berücksichtigt und immer wieder von aktuellen Trends umsortiert wird. Richter sei „plötzlich wieder einmal der Künstler der Stunde“, heißt es aus der Redaktion.

Im Netzwerk der Kunst

Überraschend ist das – siehe oben – nicht, wie denn die beliebten Jahresendlisten der Wichtigsten, Teuersten und Einflussreichsten im Kern dem entsprechen, was der Datenanalyst Albert-László Barabási 2018 mit einer Visualisierung des Netzwerks der Kunst offenlegte: Über durchschlagenden und bleibenden, zur Kanonisierung führenden Erfolg entscheiden Kontakte zu den prestigeträchtigsten Museen und Händlern weltweit, zu „Gatekeepern“ wie dem MoMA, dem Centre Pompidou, Gagosian oder Christie’s, und von einem bestimmten Punkt stellen sich Rückkopplungseffekte ein. Die Auflistung nach Bedeutsamkeit ist Teil dieses Systems. Als nächstes stehen die „Power 100“ von „Art Review“ an.

Source: faz.net