Kunden erfordern Chipmaschinen: KI-Boom beschert ASML rekordhohe Aufträge

Den neuesten Schub in seinen Geschäftszahlen präsentiert ASML in einem monumentalen Bau im Westen Eindhovens. Normalerweise erläutert der Vorstand die Jahresbilanz in der Konzernzentrale in Veldhoven, das als Nachbargemeinde an der Technikmetropole in etwa so klebt wie Offenbach an Frankfurt. Diesmal hat der Hersteller von Chipmaschinen das Forschungs- und Unternehmensgelände Brainport Industries Campus (BIC) dafür gewählt. Der Komplex in der Nähe des Regionalflughafens symbolisiert das enorme Wachstum des Konzerns, in der Welt der Halbleiterbranche ebenso wie hier am Ort. „Mit Blick auf ASMLs geplante Expansion im BIC“ hat er hierher zur Bilanz geladen.
Kritikern steht der Ort daneben für eine subtile Erpressung: ASML ist der bedeutendste Chipmaschinenhersteller der Welt, der Stammsitz platzt aus allen Nähten. Das Unternehmen hatte daher laut darüber nachgedacht, im Ausland zu expandieren statt in den Niederlanden. Selbst über einen Umzug der Zentrale wurde gemunkelt, und die Sorgen darum sind nie ganz verschwunden. Die Regierung in Den Haag rief in der Folge eine Arbeitsgruppe mit dem Projektnamen „Beethoven“ ins Leben. Sie sollte überlegen, wie man ASML dazu bewegen könnte, in der Heimat zu bleiben.
Den Haag stellte Milliarden für Infrastruktur in Aussicht. Und der Gemeinderat genehmigte dem Unternehmen, den Standort in der Heimatregion auszubauen, eben hier am Flughafen, wo ASML schon ein Trainingszentrum („Akademie“) betreibt. Manche hatten Bedenken, denn der Großraum ächzt unter einer überlasteten Infrastruktur: Das Stromnetz hat die Kapazitätsgrenze erreicht, Wohnungen sind teuer. Und mit jedem neuen ASML-Arbeitsplatz kommen Stellen bei Zulieferern hinzu.
Industrieperle der Region Eindhoven
Aber welche Gemeinde will schon eine solche Industrieperle verlieren? Praktisch alle wesentlichen Chiphersteller kaufen Geräte von ASML. Auf die modernsten von ihnen hat das Unternehmen ein Technikmonopol: die EUV-Maschinen auf Basis extremen UV-Lichts. Sie stellen den Stand der Technik für besonders leistungsfähige Chips dar, und bisher sind sie von der Konkurrenz unangefochten.
Den entscheidenden Schub bekommt das Unternehmen momentan durch die Künstliche Intelligenz (KI), die den Bedarf an technisch besonders leistungsstarken Prozessoren fördert. Mitte des Monats meldete TSMC aus Taiwan einen Rekordgewinn und kündigte an, dieses Jahr mindestens 52 Milliarden Dollar zu investieren. Das beflügelte die ASML-Aktie nochmals – nach einer schon monatelang andauernden Hausse, in deren Folge das Unternehmen das teuerste börsennotierte Europas ist. Es hat den französischen Luxuskonzern LVMH wieder überholt. Der Marktwert beträgt momentan rund 500 Milliarden Euro.
Die Erwartungen der Investoren vor den Jahreszahlen waren entsprechend hoch, und Vorstandschef Christophe Fouquet enttäuschte sie am Mittwoch nicht. „In den vergangenen Monaten haben viele unserer Kunden eine erheblich positivere Bewertung der mittelfristigen Marktlage gegeben“, sagte er. „Vor allem auf Grundlage robusterer Erwartungen, dass die KI-bezogene Nachfrage nachhaltig ist.“
Auftragseingang in Rekordhöhe
Das hat ASML im vierten Quartal Aufträge in bisher nicht gekannter Höhe eingebracht. Auf 13,2 Milliarden Euro summiert sich ihr Wert, doppelt so viel, wie Analysten in Umfragen im Schnitt prognostiziert hatten. Einen Auftragsbestand von knapp 39 Milliarden Euro gilt es nun abzuarbeiten. In der Vergangenheit hat der Ordereingang immer wieder zu Kursausschlägen geführt, nach oben wie nach unten. ASML veröffentlichte die Kennzahl daher am Mittwoch zum letzten Mal. Zu schwankungsanfällig sei sie, heißt es.
Aber auch die anderen Größen beeindrucken. Der Umsatz im Gesamtjahr 2025: plus ein Sechstel auf 32,7 Milliarden Euro, getrieben durch einen Schub im letzten Quartal. Der Nettogewinn: um mehr als ein Viertel gestiegen auf 9,6 Milliarden Euro.
Das laufende Geschäft veranlasst den Vorstand zu mehr Optimismus: „Wir erwarten, dass 2026 ein weiteres Wachstumsjahr wird“, sagte Fouquet. Wesentlicher Faktor sind dabei die Verkäufe von EUV-Maschinen. Das laufende Jahr soll nun zwischen 34 Milliarden Euro und 39 Milliarden Euro an Erlösen bringen – bisher hatte es geheißen, sie würden „voraussichtlich nicht unter dem Umsatz von 2025“ liegen. Die Mittelfristprognose bleibt bestehen. Im Jahr 2030 strebt ASML an, zwischen 44 Milliarden Euro und 60 Milliarden Euro umzusetzen.
Aktie auf Rekordkurs, geschäftliche Risiken
Die Börse weiß das Gesamtbild zu schätzen. Der Kurs steigt zum Handelsauftakt um 7,5 Prozent auf ein Rekordhoch von 1309 Euro; die Aktie notiert am Mittag mit 1290 Euro noch sechs Prozent im Plus. Der ASML-Anteilsschein steht damit prozentual an der Spitze der Gewinner im niederländischen Leitindex AEX. Investoren stellen offenkundig die geschäftlichen Risiken, die sonst immer wieder Thema sind, in den Hintergrund. Dazu gehört die Frage, wie lange ASML sein Technikmonopol auf die EUV-Geräte halten kann. Ebenso die Frage, wie lange EUV als Technologie unentbehrlich für die modernsten Chips bleibt. Das war zur Bilanzvorlage vor einem Jahr ein beherrschendes Thema, weil ein chinesischer Hersteller ein KI-Modell vorgestellt hatte, das mit weniger und vor allem älteren Chips auskommen sollte.
Auch lässt der KI-Boom die Nachfrageflaute in Teilen des klassischen Chipgeschäfts vergessen, beispielsweise mit der Autoindustrie. Und als dauerhafte Unsicherheit schwebt die Weltpolitik über ASML: Als Folge amerikanisch-chinesischer Rivalität ist es dem Unternehmen seit jeher untersagt, seine EUV-Geräte nach China liefern. Die Regierung in Den Haag verweigerte auf Druck der USA die entsprechende Exportlizenz. Später erhöhte die Regierung unter Joe Biden den Druck. Inzwischen sind auch bestimmte Maschinen der älteren DUV-Technologie ausgeschlossen. Einfachere Maschinen halten das Geschäft in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufrecht. China steuerte im vierten Quartal noch mehr als ein Drittel zum Umsatz bei, wie Finanzvorstand Roger Dassen sagt. Der Anteil dürfte aber in absehbarer Zeit auf 20 Prozent sinken.
ASML kündigt auch an, Aktien im Wert von zwölf Milliarden Euro zurückzukaufen – ein investorenfreundlicher Schritt, der nach Einziehen der Anteilsscheine den Gewinn je verbleibender Aktie erhöht. Für viele überraschend kommt die Ankündigung, 1700 Arbeitsplätze zu streichen. Betroffen sind vor allem Führungskräfte. Sie machen in ihrer jetzigen Zahl den Konzern schwerfällig, auch wenn Fouquet das freundlicher ausdrückt. „Rückmeldungen von Kollegen, Lieferanten und Kunden zeigen, dass unsere Arbeitsweise in einigen Fällen weniger agil geworden ist“, heißt es in einer Mail an Mitarbeiter.
Viele Ingenieure fühlten sich durch unternehmensinterne Prozesse in ihrer eigentlichen Arbeit behindert, erläutert der Vorstandschef im BIC. 20 bis 40 Prozent ihrer Zeit verbringen sie demnach mit Konferenzen oder anderen Zeitfressern. Jede rapide wachsende Organisation entwickle verwobene Strukturen, etwa Matrixstrukturen, argumentiert der Vorstand. „Es gibt einen Zeitpunkt, zu dem eine Matrix zu komplex wird“, sagt Dassen. Deutschland bleibt unberührt. Der Standort Berlin – die frühere Berliner Glas – sei nicht betroffen, sagt der Finanzchef der F.A.Z. „Null.“