Kulturkampf am Theater: Es kommen stürmische Zeiten

Der Kulturkampf nimmt wieder klassischere Formen an. Nachdem es zuletzt viel um Deepfakes, also um neuartige Waffengattungen aus dem Arsenal der Künstlichen Intelligenz ging, stehen nun wieder die altbewährten Mittel der Protestkundgebung und Postenvergabe im Zentrum. Den SPD-Linken Sönke Rix, der dem Bundeskanzler gerne einmal „rassistische Ressentiments“ vorwirft und die CSU „rückständig und armselig“ nennt, zum Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, einer mit ihrer Neutralität werbenden Bildungsinstitution, zu machen, ist durchaus eine Ansage.
Das gilt auch für die Entscheidung des ZDF, den konservativen Politikbeobachter Jan Fleischhauer als Talkshow-Gastgeber zu berufen und damit einen ostentativen Schritt auf die Kritiker der Öffentlich-Rechtlichen als Bollwerk des links-grünen Zeitgeistes zuzugehen. Derweil organisiert die AfD Proteste vor Theatern – ähnlich jenen, die einst der Aufführung von Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater galten und von der FPÖ mit aufsehenerregenden Kundgebungen begleitet wurden.
Brückenschlag wohin?
Damals avancierte das Theater für einen Moment zum zentralen Austragungsort eines Kulturkampfes zwischen rechter und linker Geschichtsauffassung. Jetzt scheint das Theater abermals zur politischen Konfliktzone zu werden. Nur dass ihm bislang die passenden Stücke fehlen. Aber vielleicht werden sie ja gerade geschrieben. In Magdeburg demonstrieren Bürger gegen eine für Ende Mai geplante theatrale Verarbeitung des Anschlags auf ihren Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024. In der Ankündigung ist etwas verklausuliert von einem „verdichteten Text“ die Rede, „der sich als Brückenschlag versteht: denn ohne Erinnerung gibt es keine Aufarbeitung und keinen Dialog“. Wer will hier wohin Brücken schlagen? Und wer mit wem in einen Dialog treten?
Pietätlose Vermarktung
Der Attentäter, der sechs Menschen getötet hat, steht derzeit vor Gericht und sieht einer lebenslangen Gefängnisstrafe entgegen – mit ihm wird der Text wohl nicht „in einen Dialog“ treten wollen. Dass auf der Website versprochen wird, der Regisseur werde das Werk mit der „nötigen Sensibilität und künstlerischen Freiheit“ auf die Bühne bringen, wirkt wenig beruhigend. Andererseits gibt es eben bisher nur den Premierentermin und nicht das Stück, das heißt, es sind nur Mutmaßungen möglich. Jedenfalls versammelten sich unlängst Menschen aus Magdeburg, darunter der Vater eines beim Anschlag getöteten Neunjährigen, und Anhänger rechtsradikaler Gruppierungen, um gegen die „pietätlose Vermarktung“ des Attentats zum „Bühnenspektakel“ zu demonstrieren. Die Leitung des soeben zum Theater des Jahres gekürten Hauses hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und von einem „Angriff auf einen Grundpfeiler unserer Demokratie“ gesprochen.
Ob jede Demonstration rechtsradikaler Gesinnungsträger gleich ein Angriff auf die Kunstfreiheit ist? Oder nicht eher ein Anzeichen dafür, dass der Kulturkampf eben nicht nur virtuell-digital, sondern auch real-präsentisch stattfindet? Gerade im Osten des Landes müssen sich unsere Kulturorte auf stürmischere Zeiten und Meinungskämpfe mit härteren Bandagen einstellen. Was sie vielleicht zum Anlass nehmen könnten, ihre künstlerischen Programme dadurch zu schützen, dass sie sie klüger beschreiben.
Source: faz.net