Künstler wird Ukraine-Soldat: „Ich wollte keinen Krieg – aber ich konnte mich ihm nicht entziehen“
Künstler wird Ukraine-Soldat„Ich wollte keinen Krieg – aber ich konnte mich ihm nicht entziehen“
24.02.2026, 18:24 Uhr

Dmytro Dokunov, von Freunden Dok genannt, ist ukrainischer Künstler und Filmemacher. Als Russland die Ukraine angreift, lebt er in einer ländlichen Öko-Kommune – und steht plötzlich vor einer existenziellen Entscheidung: kämpfen oder verweigern. Trotz seiner eher pazifistischen Haltung entscheidet er sich, in die Armee zu gehen. Nach der Ausbildung in Großbritannien wird er Zugführer in einer Fallschirmjäger-Aufklärungseinheit, erlebt früh Verluste, später selbst Verwundungen – und beginnt parallel, seine Erfahrungen filmisch festzuhalten. Dokunovs Film „Ein Pazifist im Krieg – Tagebuch eines ukrainischen Soldaten„ zeigt den Krieg aus unmittelbarer Nähe: Kameradschaft, Angst, Schuld, aber auch die Suche nach Sinn, Schönheit und innerer Stabilität mitten im Ausnahmezustand. Im Gespräch mit ntv.de erzählt Dokunov von dieser Entscheidung, vom Leben im Krieg und davon, wie man versucht, Mensch zu bleiben, wenn alles um einen herum zerbricht.
ntv.de: Herr Dokunov, Ihr Film heißt auf Deutsch „Ein Pazifist zim Krieg“. Haben Sie sich vorher selbst als Pazifisten gesehen?
Dmytro Dokuno: Ich habe mich nie ausdrücklich als Pazifisten bezeichnet, auch wenn meine Haltung dem nahekommt. Ich habe mich früh mit Buddhismus beschäftigt, meine Frau ist in der Hare-Krishna-Bewegung aktiv, und grundsätzlich halte ich Krieg für eine überholte, fast archaische Form der Konfliktlösung. Durch meine Arbeit im Kulturbereich habe ich viele Geschichten gehört und gesehen – deshalb glaube ich nicht, dass militärische Gewalt Probleme wirklich löst. Europa zeigt ja, dass Konflikte oft auch politisch und wirtschaftlich geregelt werden können. Trotzdem habe ich mich selbst nie klar als Pazifist verstanden.
Wie haben Sie die ersten Tage des Krieges erlebt?
Es war vor allem ein tiefes Gefühl der Angst – als würden plötzlich die schlimmsten Szenarien Realität, die man vorher nur aus Filmen oder Büchern kannte. Panzer auf den Straßen, Hubschrauber, Raketen, fliehende Menschen. Autoschlangen aus Kyiv, Panik überall. Meine Eltern lebten dort, saßen unter Raketenbeschuss und versuchten herauszukommen. Sie hatten Glück. Es fühlte sich an wie ein Kriegsfilm – nur eben echt. Eine existenzielle Beklemmung, das Gefühl: Jetzt ist etwas passiert, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Wie ein Albtraum, aus dem man nicht aufwacht, sondern in dem man weiterlebt. Sehr schnell wurde klar: Nichts wird wieder wie früher. Und man muss darauf reagieren.
Es gibt in Deutschland Menschen, die sagen: lieber nicht kämpfen, lieber nachgeben, lieber verhandeln. Sie würden selbst niemals eine Waffe in die Hand nehmen. Glaubst du, dass diese Haltung daher kommt, dass sie die Realität des Krieges nie erlebt haben?
Für mich ist es eine Illusion zu glauben, man könne einen Aggressor durch Verhandlungen beruhigen. In Putins Weltbild gilt Schwäche eher als Einladung, weiterzugehen. Wenn dich ein aggressiver Hund beißt, diskutierst du nicht – du verteidigst dich. Eine Gesellschaft braucht, wie ein Körper, ein Immunsystem: Armee und Polizei übernehmen diese Schutzfunktion. In einer idealen Welt wäre das vielleicht überflüssig, aber solange Staaten auf Macht setzen, bleibt es notwendig. Am Ende geht es weniger um den Staat als um das, was dir persönlich wichtig ist: Familie, Zuhause, Leben. Wenn dir das etwas bedeutet, stellst du dich der Aggression entgegen – sonst rückt der Krieg irgendwann bis vor deine eigene Tür.
Sind Sie freiwillig in den Kampf gezogen?
Als die Invasion begann, stand ich vor der Entscheidung: verstecken oder mich dem stellen. Trotz Zweifel wurde mir schnell klar, dass ich mich nicht entziehen will – ich empfand es als meine Pflicht, mein Land zu verteidigen. Später kam auch die offizielle Einberufung: Musterung, Ausbildung bei Odessa und bei den Luftsturmtruppen nahe Schytomyr, danach Fronteinsätze in Cherson, später Bachmut und Soledar. Entscheidend war aber: Die Entscheidung hatte ich schon vorher selbst getroffen.
Im Film sagen Sie, ein Soldat müsse den „Weg des Kämpfers“ gehen.
Das war ein wichtiger Teil meiner Entscheidung. In der Bhagavad Gita gibt es die Idee der Dharma – also des eigenen Weges oder der Pflicht. Wenn jemand ein Krieger ist, folgt er diesem Weg. In der vedischen Tradition gilt der Mann zudem als Beschützer von Familie, Zuhause und Gemeinschaft. Für mich stellte sich die Frage: Bleibe ich Beobachter oder übernehme ich Verantwortung, auch wenn das Risiko bedeutet? Ich habe mich nie als klassischen Krieger gesehen. Aber das Gefühl, meine Familie, meine Menschen und mein Land schützen zu müssen, war sehr stark. Das war letztlich meine Motivation.
Sie waren bei ihrer Brigade Kompaniechef. Wie gingen Sie mit dieser Verantwortung um?
Jede Entscheidung kann über Leben und Tod entscheiden. Als Kommandeur schickst du Menschen auf Positionen – du planst alles, rüstest sie aus, aber du kannst nie garantieren, dass sie zurückkommen. Besonders hart war ein Einsatz in Soledar. Ich schickte eine kleine Gruppe in ein Nachbargebäude, nur wenige Meter entfernt. Dort wartete der Feind – keiner kam zurück. Seitdem stellt man sich immer wieder dieselben Fragen: Hätte ich anders handeln können? Der Verlust von Menschen war für mich das Schwerste. Die Angst um das eigene Leben tritt irgendwann in den Hintergrund. Aber wenn andere sterben, trifft es viel tiefer – und bleibt, manchmal sogar in Träumen.
Sie sind schließlich letztes Jahr ausgeschieden.
Ich wurde mehrfach verwundet, unter anderem erlitt ich eine schwere Gehirnerschütterung. Während der Cherson-Offensive traf mich ein Splitter am Kopf – nur mein Helm verhinderte Schlimmeres. Die Explosion war heftig, es kam zu inneren Blutungen; ein paar Zentimeter mehr, und ich wäre wohl nicht mehr hier. Später, in Soledar, wurde ich bei einem nächtlichen Gefecht erneut schwer getroffen: eine Granatexplosion in unmittelbarer Nähe, gerissene Trommelfelle, verletztes Knie und weitere Folgen. Nach Operationen und langer Behandlung wurde ich schließlich aus medizinischen Gründen aus dem Dienst entlassen. Heute geht es mir relativ stabil, aber mit bleibenden Schäden: chronische Knieschmerzen, Tinnitus, eingeschränktes Gehör sowie zeitweise Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Aufgrund der Verletzungen gelte ich offiziell als invalide.
Es war wahrscheinlich schwierig, zwischen militärischem und zivilem Leben zu wechseln.
Im Militär gewöhnt man sich schnell an klare Hierarchien und feste Strukturen. Zurück im zivilen Leben überträgt man diesen Ton oft unbewusst auf Familie oder Freunde – direkter, manchmal härter. Erst durch Rückmeldungen merkt man das. Deshalb ist Rehabilitation wichtig: Man muss innerlich wieder umschalten und die militärische Denkweise langsam ablegen. Der Körper heilt oft schneller als die Psyche – dafür braucht es Zeit, Ruhe und Abstand.
Momentan gibt es viele Gespräche über mögliche Verhandlungen, Waffenstillstand, russische Forderungen etwa zum Donbass. Wie blicken Sie auf diese Gespräche?
Vieles wirkt weniger wie ernsthafte Friedenssuche als wie politisches Theater. Ich verstehe, warum die Ukraine sich darauf einlässt – man will westliche Unterstützung, besonders aus den USA, nicht gefährden. Wenn Russland den Krieg beenden wollte, könnte es das jederzeit tun, indem es die Angriffe stoppt und seine Truppen zurückzieht. Deshalb erscheinen mir viele Gespräche eher als Zeitgewinn denn als echter Weg zum Frieden.
Es sind bald vier Jahre Krieg in der Ukraine: Wie nehmen Sie die europäische Solidarität wahr?
Freunde in Europa – Ukrainer wie Europäer – haben mich während der Kämpfe mit Technik, Ausrüstung und Spenden unterstützt. Besonders wichtig war die Hilfe aus Deutschland: Mein Freund Richard Marx, ebenfalls Filmemacher, schickte mir Ausrüstung, Drohnenteile und manchmal einfach Schokolade. Wenn man im Schützengraben sitzt, bedeutet das enorm viel – man spürt, dass es den Menschen nicht egal ist. Ich glaube, viele in Deutschland verstehen, was hier geschieht. Diese Unterstützung zeigt, dass europäische Werte nicht nur Worte sind, sondern sich im Handeln zeigen. Mit Richard arbeite ich auch an einem Filmprojekt über den Krieg, das die Begegnung zweier Welten zeigt: die sichere europäische Alltagsrealität und die ukrainische Wirklichkeit mit Bomben und Raketen. Für diese Solidarität empfinde ich große Dankbarkeit. Sie macht deutlich, dass dieser Krieg auch ein Kampf um Werte ist – zwischen einer Logik der Gewalt und einer, die die Würde des Menschen ins Zentrum stellt.
Mit Dmytro Dokunov sprach Artur Weigandt
Source: n-tv.de