Kuba | Kuba: Mit neuen Solarparks gegen die regelmäßigen Blackouts
Der zuständige Minister für Energie und Bergbau heißt Vicente de la O Levy. Es ist die Mission dieses Mannes mit dem buschigen Schnauzer und der hohen Stirn, der Bevölkerung zu erklären, warum die nationale Stromversorgung seit einem Jahr immer wieder zusammenbricht. Fünfmal gingen seit Oktober 2024 alle Lichter auf der Insel aus. Den letzten Blackout gab es am 10. September, so Pavel Vidal. Für den kubanischen Sozialwissenschaftler kommt das kaum überraschend. „Die Führung hat sich verkalkuliert und in den vergangenen zehn Jahren viel Geld in teure Fünf-Sterne-Hotels und den Tourismus investiert. Dagegen wurde wenig für den Erhalt einer in die Jahre gekommenen Kraftwerksinfrastruktur getan.“
Aufhaltsame Talfahrt
Kubas Kraftwerke seien überaltert, etliche mehr als 40 Jahre alt. Der mit 317 Megawatt Leistung größte Energieerzeuger des Landes – das Ölkraftwerk Antonio Guiteras in der Stadt Matanzas – hänge seit 1988 am Netz, beschreibt Vidal einen problematischen Zustand und fährt fort. „Es handelt sich um eines der Kraftwerke mit immer wieder auftretenden Fehlfunktionen, die wiederholt zu Kettenreaktionen geführt haben. Mehrfach endeten die im totalen Blackout.“ Das könnte erneut passieren, so Minister Vicente de la O Levy, der Mitte September einräumen musste, dass es an Devisen fehle. Dies gelte für Erdöl, für Schmierstoffe und Ersatzteile. Allein für fällige Reparaturen im Ölkraftwerk Antonio Guiteras seien 100 Millionen Dollar nötig. Doch das Geld sei nicht da.
Wie das Stromsystem wieder funktionstüchtiger werden soll, ist Experten wie Vidal unklar. „Gegenwärtig werden mit chinesischer Hilfe 55 Solarparks gebaut. Auf ihnen ruhen alle Hoffnungen, aber diese Anlagen werden nicht reichen.“ Laut Energieminister de la O Levy waren bis September 650 Megawatt von insgesamt 1.199 Megawatt Leistung installiert, wie sie von den Solarparks laut offiziellen Quellen erwartet wird. Das wäre etwas mehr als ein Drittel der auf Kuba vorhandenen Kraftwerkskapazität von 3.344 Megawatt, so das Forschungsinstitut Cubaenergía. Es gäbe gerade, so Henry Ricardo, Direktor der in Havanna ansässigen Forschungseinrichtung Mora, eine „nachholende energetische Revolution“. Die sei notwendig, weil der Energiesektor in den zurückliegenden gut zwanzig Jahren stiefmütterlich behandelt wurde.
Diesen Eindruck teilt der unabhängige Wirtschaftsanalyst Omar Everleny Pérez: „Peu à peu will die Regierung bis 2029 für neue Realitäten bei der Stromversorgung der Insel sorgen. Regenerative sollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern mehr als halbieren, so lautet die Vorgabe.“ Klar sei jedoch, dass man das durch Kuba geförderte Erdöl weiter nutzen werde, so der 63-jährige Ökonom aus Havanna. Tatsächlich fördert das Land momentan 9.500 bis 10.000 Barrel pro Jahr eines überaus schweres Öls, das neben Erdgas in den neun thermischen Kraftwerken der Insel verfeuert wird, um Strom zu gewinnen.
Zu spätes Umschwenken
Doch angesichts sinkender nationaler Fördermengen, fehlender Devisen für Erdöleinfuhren sowie einer maroden Kraftwerksinfrastruktur kommt es immer wieder zu Havarien. Diese Umstände und ein alles andere als innovatives Energiekonzept sind für latente Stromabschaltungen verantwortlich, unter denen die kubanische Bevölkerung seit Jahren leidet. Es könne sein, dass Städte wie Cárdenas bis zu 20 Stunden pro Tag nicht mit Strom versorgt werden, beklagt Lorena Conde, Mitarbeiterin des Christlichen Zentrums für Reflexion und Dialog (CCRD) aus ebenjener Kommune, wo eine einzige Solaranlage auf dem Dach seit Januar 2025 Energie liefert. Wenn die Solarparks ans Netz gehen, könnten sie in Gänze eine spürbare Entlastung bewirken, hofft Conde.
Das sieht auch Everleny Pérez so. Nur komme das Umschwenken auf regenerative Energien zu spät, außerdem wisse niemand, wie zusätzliche Investitionen in Windräder und Biomassekraftwerke aufgebracht werden sollen. Richtig ist, dass sich trotzdem der ökologische Fußabdruck Kubas deutlich verändert. „Ich gehe davon aus, dass die überalterten Erdölkraftwerke innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre aus der energetischen Matrix der Insel verschwinden“, prophezeit Everleny Pérez. Das sei überfällig, denn diese Anlagen hätten längst ihre vertretbare Nutzungsdauer überschritten. Weil über Jahre hinweg nicht in deren Erhalt investiert worden sei, liefen sie nicht mehr stabil. „Wir hätten uns, wie von Experten schon vor zwanzig Jahren gefordert, viel mehr auf regenerative Energien, wie sie Wind und Wasser, der Sonne und Biomasse zu verdanken sind, verlassen sollen, aber das ist nicht passiert“, beklagt Pérez eine wenig vorausschauende Politik der Regierung in Havanna.
Dabei lagen die Pläne für die „Revolución energética“ spätestens seit 2005 mehr oder minder fertig in der Schublade des Ministeriums für Energie. Dort, in der Calle Carlos III. von Havanna, laufen seither alle Stränge für das größte energetische Sparprogramm Kubas zusammen: Haushaltsgeräte, Glühbirnen, Ventilatoren und Klimaanlagen wurden zugunsten energieeffizienterer Geräte aus China ausgetauscht. Für das innovative Programm warb damals noch Fidel Castro (1926-2016) mit großzügigen Krediten.
Doch für den zweiten Teil des ehrgeizigen Konzepts, die Erneuerung der Kraftwerks-Infrastruktur, gab Castro kein grünes Licht, so die Experten von Cubaenergía. Sie hatten zwischen 2005 und 2008 potentielle Standorte für Windenergie- und Photovoltaikparks, aber auch Biomasseanlagen vorgeschlagen. Die kommen heute zumindest teilweise in Betracht. Bei einigen Solarparks ist dies der Fall, auch bei einer Handvoll Windparks könnte das passieren, falls die unter chronischem Devisenmangel leidende Regierung das Kapital für die Investitionen aufbringt. „Windenergie ist teurer als Solarenergie, also schwieriger zu finanzieren“ gibt Everleny Pérez zu bedenken. Er glaubt daher, dass Windenergie in Kuba nur ergänzend zum Einsatz kommen wird. Gleiches gilt für Biomasse, obwohl die Prognosen noch vor ein paar Jahren durchaus optimistisch waren. Allerdings war das Land damals noch ein potenter Zuckerrohrproduzent. Das hat sich geändert, sodass die ausgepressten Zuckerrohrstängel nicht mehr wie früher in großen Mengen zur Verfügung stehen.
Dieselkraftwerke bald passé
Auf 440 Megawatt haben Experten der Internationalen Agentur für Regenerative Energien (Irena) das energetische Potenzial aus Zuckerrohrstroh und -stängeln taxiert. „Heute bekommt das an die Zuckerrohrfabrik Ciro Redondo angeschlossene 60-Megawatt-Kraftwerk in Ciego de Ávila nicht genug Biomasse, um erfolgreich zu laufen. Weitere Ausgaben für Kraftwerke dieser Art wird es kaum geben“, meint Everleny Pérez. Das klingt plausibel. Noch vor etlichen Jahren wurde auf mehr als zwei Millionen Hektar Zuckerrohr angebaut, heute verwaltet das staatliche Unternehmen Azcuba nur noch 150.000 Hektar Fläche. Zu wenig für Biomassekraftwerke, allerdings mittlerweile auch zu wenig, um Rohrzucker zu exportieren.
Daraus folgt, dass die Solarenergie in absehbarer Zukunft das energetische Rückgrat der Insel sein wird, prognostizieren Everleny Pérez und Henry Ricardo Mora von Cubaenergía. Sie hoffen, dass die „Apagones“, die Stromabschaltungen, zum Jahresende deutlich zurückgehen, wenn die Solarparks vollumfänglich am Netz sind, zum anderen die Reparaturen in einigen der Kraftwerke für mehr Stabilität bei der Stromproduktion sorgen.
„Das ist die Erwartung, dann können auch die schwimmenden Dieselkraftwerke in den Häfen von Havanna und Santiago de Cuba wieder ablegen“, so Everleny Pérez. Derartige Kraftwerksschiffe hat der kubanische Staat in der Türkei gemietet, um das permanente Stromdefizit vorrangig in der Hauptstadt auszugleichen. Das hat zwar partiell funktioniert, freilich nur um den Preis beachtlicher Kohlendioxid-Emissionen zulasten der Bewohner und der Altstadt von Havanna – ebenso des Hafenbetriebs. Das soll sich bald nachhaltig ändern. Zumindest hat der Minister de la O Levy das angekündigt. Es wäre ein Hoffnungszeichen, von denen es auf der Insel so viele gerade nicht gibt.
Kubas Ökonomie 2025
Nach zwei Jahren eines um jeweils zwei Prozent schrumpfenden Bruttoinlandsproduktes (BIP) wird für 2025 ein Plus von einem Prozent erwartet, wie Wirtschaftsminister Joaquín Alonso Vázquez jüngst mitteilte. Die fehlende Effizienz von Industrie und Landwirtschaft ist dem unter permanenten Ausfällen leidenden Energiesektor geschuldet sowie Staatsfirmen (derzeit etwa 1.900), die häufig defizitär arbeiten. Der erhoffte Aufschwung durch einen florierenden Tourismus ist nicht eingetreten, Kuba vielmehr Folgen der Pandemie ausgesetzt. Kamen 2019 4,1 Millionen Besucher auf die Karibikinsel, so im Vorjahr nur noch 2,2 Millionen.
Es war im Januar eine der ersten Amtshandlungen von Donald Trump, neben dem seit 1962 geltenden Handelsembargo weitere Sanktionen zu verhängen – bei Finanztransaktionen, dem Reiseverkehr wie dem Export von Dual-Use-Gütern. Begründung: Kuba sei „Terrorhelfer“ und gewähre kolumbianischen Guerilleros Asyl. Lutz Herden