Kritische Infrastruktur: Wie ein Anschlag brutale Verwundbarkeit offenlegt

Auf das Fernsehen ist selbst bei einem Stromausfall Verlass. Im Südwesten Berlins, der vom jüngsten Brandanschlag auf das Stromnetz besonders getroffen ist, halfen am Montag Generatoren aus, die sonst beim Dreh zum Einsatz kommen: Der Filmtechnikverleih Lichthaus Berlin setzt die Geräte leihweise in einem Gewerbegebiet ein. Lichthaus Berlin sitzt im Technologiepark Adlershof, der vor wenigen Monaten selbst Ziel eines Anschlags war.

Der Angriff auf die kritische Infrastruktur legt zum wiederholten Mal die Verwundbarkeit des Standorts offen. Im Frühling 2024 hatten linksextreme Aktivisten der Vulkangruppe die Autofabrik von Tesla vor den Toren Berlins mit einem Brandanschlag auf einen Strommast für knapp eine Woche lahmgelegt. Der Anschlag Mitte September 2025 in Adlershof galt mehr als 1300 Unternehmen. Beide Male litten auch Zehntausende Privathaushalte unter dem Stromausfall.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) forderte am Montag einen besseren Schutz. „Unsere kritische Infrastruktur ist angreifbar“, sagte er. „Sie ist tagtäglich in ganz Deutschland Angriffen ausgesetzt.“ Mehr als 48 Stunden nach dem Brandanschlag, den Wegner als Terrorismus einstuft, war am Montag weiter unklar, wer dafür verantwortlich ist. Eine linksextremistische Motivation sei „naheliegend“, die Ermittlungen liefen aber noch, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums. Das Bundesamt für Verfassungsschutz prüfe die Authentizität eines Bekennerschreibens der Vulkangruppe. Das Justizministerium teilte mit, der Generalbundesanwalt beobachte die Lage, habe die Ermittlungen aber bisher nicht übernommen.

45.000 Haushalte ohne Strom

In den seit Samstagfrüh betroffenen Stadtvierteln leisten das Technische Hilfswerk (THW) und die Bundeswehr Hilfe. Das THW habe noch viele weitere Kapazitäten, die Lieferungen von Notstromaggregaten in die Ukraine seien davon unabhängig und beeinträchtigten die Versorgung in Deutschland nicht, hieß es. Nach Angaben des kommunalen Netzbetreibers Stromnetz Berlin waren am Sonntagabend noch 30.000 Haushalte und etwa 1700 Gewerbekunden in den Stadtteilen Nikolassee, Zehlendorf und Wannsee betroffen. Am Samstag waren zunächst rund 45.000 Haushalte und 2200 Gewerbekunden ohne Strom gewesen. Bis Donnerstag soll die Versorgung für alle Kunden von Stromnetz Berlin wiederhergestellt werden.

Oft wird auf die „Dysfunktionalität“ der Hauptstadt geschimpft, aber das greift in diesem Fall zu kurz, wie Fachleute sagen. „Berlin ist kein Einzelfall, im Prinzip sind solche Anschläge überall möglich“, sagt der Chef des Verbands Kommunaler Unternehmen VKU, Ingbert Liebing. Die Energieversorgung in Deutschland sei zuverlässig, aus technischen Gründen gebe es kaum Ausfälle. „Aber selbst das beste System lässt sich gegen gezielte Angriffe nicht vollständig schützen.“ Es gebe Bedrohungen im Innern und von außen. „Wir befinden uns längst in einem hybriden Krieg“, sagte der VKU-Chef der F.A.Z.

„Es muss nicht bei Stromleitungen bleiben, auch die Wasserversorgung ist gefährdet.“ Dagegen müssten Staat und Gesellschaft bessere Vorsorge treffen. „Die mutmaßlichen Täter in Berlin haben zum wiederholten Male zugeschlagen, es müsste jetzt mehr getan werden“, so Liebing. „Wenn sich die Anschläge gegen Personen und nicht gegen Sachen gerichtet hätten, wäre man mit der Strafverfolgung vermutlich schon weiter.“

Liebing verlangte, der Staat müsse sich stärker an der Sicherung der kritischen Infrastruktur (KRITIS) beteiligen. „Netzbetreiber können sich nicht gegen Drohnenüberflüge und Angriffe wehren, das müssen die Sicherheitsbehörden leisten.“ Die Lastenverteilung im neuen KRITIS-Dachgesetz müsse fair erfolgen. „Wenn die Versorger jetzt noch mehr in die Sicherheit investieren sollen, muss man sie an anderer Stelle entlasten, sonst steigen die Strompreise weiter. Es ist richtig, das Sondervermögen auch für solche Sicherheitsaspekte heranzuziehen.“ Die aktuellen Transparenzregeln machten es Angreifern zu leicht, Schwachstellen aufzuspüren. Liebing regte überdies an: „Man muss überlegen, ob man nicht Pflegeheimbetreiber wie die Krankenhäuser verpflichtet, Notstromaggregate vorzuhalten.“

Hans-Walter Borries vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastruktur warnte: „Wer sich mit Stromleitungen auskennt, findet überall in Deutschland unzureichend geschützte Anschlagsziele.“ Er verlangte, der Bund müsse eine „Schnelle Eingreiftruppe“ vorhalten, um bei Angriffen zu reagieren. Die Stromversorger sollten mit staatlicher Hilfe ausreichend Notstromaggregate in Reserve haben. Haushalte mit gedämmten Wänden, Wärmepumpen, Photovoltaik und Stromspeichern seien am besten gegen kurzzeitige Ausfälle gewappnet.