Kritik am eigenen Sender – Mitarbeiter sprechen intern von „Relotius-Moment“
ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten hat die Ausstrahlung von nicht gekennzeichnetem KI-Material in einer internen Betriebsversammlung als „schweren Fehler“ bezeichnet. Das berichten das Portal „Nius“ und der freie Journalist Alexander Teske übereinstimmend. Demnach erklärte Schausten vor rund 1100 online zugeschalteten Mitarbeitern, die Verantwortung für den Beitrag liege allein bei der mittlerweile abberufenen Korrespondentin in New York, Nicola Albrecht.
„Nius“ zitierte aus Videoaufnahmen und Tonmitschnitten der Konferenz, in der Schausten sagte, Albrecht habe das KI-Video „bewusst“ in ihrem Beitrag verwendet. Die Kollegin sei davon ausgegangen, dass „das geht“, wenn sie es kennzeichne. „Sie wollte es noch nicht mal verheimlichen, dass es KI ist.“ Die Szene sei „wissentlich eingeschnitten“ worden. Eine Kennzeichnung für den Zuschauer war in der Sequenz nicht vorhanden.
In dem Beitrag für das „heute journal“ ging es um Abschieberazzien der US-Einwanderungsbehörde ICE. Dafür wurde KI-generiertes Bildmaterial aus dem Internet verwendet, das Kinder zeigt, die sich an ihre Mutter klammern. Eine weitere Szene war nach ZDF-Angaben zwar real, stammte aber aus einem anderen Kontext und aus dem Jahr 2022.
Schausten betonte in der Versammlung mehrfach, dass dieses Vorgehen „nicht zulässig“ sei und es sich um einen Verstoß gegen journalistische Standards handle. Das Material sei in der Redaktion nicht noch einmal überprüft worden. Es seien bedauerliche Fehler auf allen Ebenen passiert, man müsse noch besser aufpassen. „Das darf sich nicht noch einmal wiederholen“, wird Schausten in einem Text zitiert, den Alexander Teske auf X veröffentlicht hat.
Den Berichten zufolge schaltete sich auch US-Korrespondent Elmar Theveßen ein. „Ich will nur eines sehr klar machen: Kein einziges Wort an den Beiträgen von Nicola war falsch“, sagte er. Theveßen soll von einer „Angst unter den Menschen“ gesprochen haben, die Albrecht richtig abgebildet habe. „Und ich finde es schade, wenn im Grunde das Geraune von ,Nius‘ und anderen übernommen wird bei uns, wenn wir uns doch tatsächlich in unserer Berichterstattung in dieser Sache wirklich nichts vorzuwerfen haben, sondern die Realität abbilden.“
Schausten äußerte sich auch zu Dunja Hayali, die den Beitrag im „heute journal“ anmoderiert hatte. Hayali habe von dem KI-Material nichts gewusst, sie habe die Information erhalten, dass es sich um ein gekürztes Stück aus dem Mittagsmagazin handle, wo der Beitrag in einer Fassung ohne KI-Inhalt gelaufen war. „Es wäre schön gewesen, sie hätte sich die Sachen auch nochmal angeguckt, dann hätte sie gesehen, dass es nicht nur gekürzt ist, sondern verändert“, sagte Schausten.
„Eine totale Zuspitzung auf das Narrativ“, beklagt ein ZDF-Mitarbeiter
In der Betriebsversammlung sollen Mitarbeiter auch die Arbeitsweise des ZDF kritisiert haben. Ein Journalist sprach laut „Nius“ von einem „Kampf- und Verteidigungsmodus ‚Wir gegen die da draußen‘“, mit dem man nicht weiterkomme. Der kritisierte Beitrag habe die Realität reduziert „auf diese eine krasse Geschichte unschuldiger armer Einwandererkinder in Angst vor dem bösen Trump“. Das sei „eine totale Zuspitzung auf das Narrativ, das wir seit neun Jahren bedienen“. Trump werde nur „in negativen Konnotationen“ gezeigt.
Der Mitarbeiter fragte: „Ist das vielleicht ein Relotius-Moment des ZDF? Also wollen wir etwas so sehr, dass wir dann auch vielleicht die Gründlichkeit vermissen lassen, die ganze Geschichte zu hinterfragen?“ Der Autor Claas Relotius hatte beim „Spiegel“ jahrelang Geschichten erfunden, was auch deshalb nicht auffiel, weil seine Fälschungen zur Weltanschauung vieler Kollegen passten und nicht hinterfragt wurden.
Auch eine andere ZDF-Mitarbeiterin erinnerte daran, wie unkritisch in der „Spiegel“-Redaktion mit Relotius‘ Reportagen umgegangen wurde: „Unseren Relotius-Moment, den haben wir sehr wohl.“ Sie sei in einer Schalte gewesen, in der der Beitrag mit der KI-Sequenz besprochen wurde. „Und nicht wenige haben gesagt, was für ein emotionales Bild.“ Schausten soll an dieser Stelle widersprochen haben. Dies sei „kein Relotius-Moment“, sagte die Chefredakteurin. „Es gab nicht diese Absicht zu täuschen, sondern sie wollte noch nicht einmal verschleiern, dass sie ein KI-generiertes Bild verwendet hat, sie hätte es nur nicht verwenden dürfen.“
Source: welt.de