Kriselnder Traditionskonzern: ZF baut in dieser Antriebssparte 7600 Arbeitsplätze ab

Der Autozulieferer ZF nimmt Abstand von dem Plan, seine kriselnde Antriebssparte komplett auszugliedern, um das Geschäft in einem Gemeinschaftsunternehmen mit einem Partner zu stabilisieren. Stattdessen will das Traditionsunternehmen mit Sitz in Friedrichshafen am Bodensee seinen nach Umsatz und Mitarbeitern größten Geschäftsbereich mit einer harten Restrukturierung aus eigener Kraft sanieren. Das ist das Ergebnis der zweimonatigen Gespräche zwischen Vorstand und Gesamtbetriebsrat, wie ZF am Mittwoch mitteilte. Die Entscheidung fiel, nachdem sich die Verhandlungspartner im Sommer nicht geeinigt und Ende Juli auf ein „Bündnis für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungssicherung“ verständigt hatten, um bis Ende September zu einer Lösung zu kommen.

„Mit dem Bündnis beschreiten wir in der Industrie neue Wege und erreichen einen Meilenstein für ZF. Ziel ist, unsere Position als technologisch führender Top-Player im Markt langfristig zu stärken und unsere Wettbewerbsfähigkeit deutlich zu steigern“, sagt Mathias Miedreich, der seit heute das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender führt und damit Holger Klein an der Spitze von ZF ablöst. „Uns ist bewusst, dass der Weg dorthin mit harten Einschnitten für unsere Mitarbeitenden einhergeht.“

ZF wird sein Produktangebot in der Antriebssparte ausdünnen und unter anderem die Entwicklung von sogenannten On-Board-Chargern, Gleichspannungsrichtern und elektrischen Starrachsen aufgeben. Ob das Unternehmen weiter Elektromotoren und Inverter herstellt oder zukauft und die Produktionen für diese Komponenten aufgibt, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Konzentrieren soll sich die Antriebssparte vor allem auf das vor einigen Wochen vorgestellte Thermomanagementsystem sowie auf den Nachfolger des Achtgang-Hybridgetriebe 8HP. Für die Industrialisierung einzelner Produkte sucht ZF zudem Partner. „Ökosystem-Partnerschaften für Teilbereiche der Division sollen Innovations- und Wachstumsimpulse geben“, schreibt das Unternehmen in der Mitteilung.

„Technologien und Produkte ‚Made in Germany‘ haben gute Perspektive“

Achim Dietrich, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, begrüßt vor allem, dass ZF die vollständige Ausgliederung der Antriebssparte nicht umsetzt. „Uns war wichtig, dass der Pkw-Antrieb – das Herzstück unseres Unternehmens – auch weiterhin eine Zukunft bei ZF hat und die Ausgliederung der Division E vom Tisch ist“, sagte Dietrich. „Dieses Bündnis betrachten wir auch als Signal über ZF hinaus, dass Technologien und Produkte ‚Made in Germany‘ eine gute Perspektive haben.“

Das Unternehmen kündigte zudem an, dass der Vorstand bis zum Jahr 2030 den Abbau von 7600 Stellen in der Antriebssparte erwartet. Wie viele dieser Stellen bereits in den 11.000 bis 14.000 Arbeitsplätzen enthalten sind, die ZF nach einer Ankündigung im Sommer 2024 bis zum Jahr 2028 abbauen will, teilte das Unternehmen nicht mit. Zudem ist unklar, ob die Beschäftigungssicherung, die bis Mitte 2028 betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, für die Antriebssparte weiter gilt. Gemeinsames Ziel von Vorstand und Gesamtbetriebsrat „bleibt die Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen“, heißt es bei ZF weiter.

Als weitere Maßnahme verschärft ZF die Sparbemühungen in der Antriebssparte. Eine für April 2026 vorgesehene tarifliche Lohnerhöhung wird auf Oktober verschoben, keine Lohnerhöhung gibt es für außerhalb des Tarifvertrags angestellte Führungskräfte. Zudem wandelt das Unternehmen bestimmte im Tarif vorgesehene Sonderzahlungen in freie Tage um oder streicht sie ganz. Für die Beschäftigten der Antriebssparte und der in Schweinfurt und Friedrichshafen angestellten Mitarbeiter in den Bereichen Verwaltung, Forschung und Entwicklung senkt ZF die wöchentliche Arbeitszeit bis Ende 2027 um sieben Prozent. Mit diesen Maßnahmen sollen die Kosten bis 2027 um jährlich 500 Millionen Euro sinken.

„Mit dem Bündnis treffen wir klare Entscheidungen und schaffen Transparenz für unsere Beschäftigten. Es ist zugleich ein deutliches Bekenntnis gemeinsamer Verantwortung aller involvierter Parteien“, sagt Lea Corzilius, Personalvorständin und Arbeitsdirektorin von ZF. „In Zeiten tiefgreifender Transformation gehen wir neue Wege durch unternehmerische Entscheidungen, umfassende Arbeitnehmerbeiträge und den Schulterschluss mit den betrieblichen Arbeitnehmervertretungen und der IG Metall.“

ZF ist in einer schwerwiegenden Krise: Den Stiftungskonzern belasten die schwache Autokonjunktur sowie der langsame Hochlauf der Elektromobilität. Dazu kommen hohe Schulden und eine zerfaserte Produktionslandschaft in Deutschland mit unrentablen Fabriken und kleinen Standorten. Hauptproblem ist die Antriebssparte mit der Produktion von Getrieben und Komponenten für Elektroautos, die derzeit so gut wie mit allen Produkten Verluste schreibt. ZF hat vor diesem Hintergrund vor einem Jahr angekündigt, bis zum Jahr 2028 die Zahl der Beschäftigten in Deutschland von 54.000 um bis zu 14.000 zu reduzieren. Zudem legt der Zulieferer Werke und Produktionen zu Standortverbünden zusammen. Weitere Schließungen von Fabriken wie in Eitorf und Gelsenkirchen schließt ZF nicht aus.

In den ersten sechs Monaten 2025 hat sich die Situation von ZF trotz aller Sparbemühungen weiter verschlechtert. Im ersten Halbjahr schrieb der Traditionskonzern einen Nettoverlust von 195 Millionen Euro. Weil ZF in den vergangenen sechs Monaten bei der Tilgung der Schulden nicht vorankam, liegen die Verbindlichkeiten weiter bei rund 10,5 Milliarden Euro. Finanzchef Michael Frick geht auch für das gesamte Jahr 2025 von einem Verlust aus und hält einen „leichten Anstieg der Nettoverschuldung für denkbar“.