Krise dieser Autohersteller: Stellantis streicht E-Autos und schreibt Milliarden ab – dieser Aktienkurs fällt um 28 Prozent

Die Opel-Muttergesellschaft Stellantis muss 22 Milliarden Euro abschreiben und die Dividende ausfallen lassen, um „die Kunden und ihre Präferenzen wieder in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen“. Das gab der zweitgrößte europäische Autohersteller und VW-Konkurrent am Freitag an seinem Sitz in Amsterdam bekannt. Die stärkere Kundenorientierung soll vor allem darin bestehen, weniger vollelektrische Autos und mehr Hybridmodelle im Programm zu haben.
Es ist eine Abwendung vom strammen Elektrifizierungskurs des früheren Vorstandsvorsitzenden Carlos Tavares. Sein Nachfolger Antonio Filosa nutzte die Ankündigung zu einer Abrechnung mit seinem Vorgänger. Unter Tavares sei das „Tempo der Energiewende überschätzt worden“. Stellantis habe sich „von den realen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Wünschen vieler Autokäufer entfernt“. Zudem gelte es, „frühere operative Schwächen“ auszumerzen, kündigte der italienische Manager an.
Dass neue angekommene Vorstandsvorsitzende aufräumen, um auf einer bereinigten Grundlage schöne Wachstumszahlen präsentieren zu können, ist bekannt. Ein Neuanfang des am 23. Juni 2025 angetretenen Managers aus Italien war erwartet worden. Dass er aber solch tiefe Einschnitte vornehmen musste, hat doch überrascht. Die Analysten des Brokerhauses Equita beispielsweise hatten Abschreibungen von nur rund zwei Milliarden Euro erwartet, ein Zehntel der nun ausgewiesenen Zahlen. Der Konzern rechnet für das vergangene Jahr nun mit einem Nettoverlust von 19 bis 21 Milliarden Euro; die Ergebnisse werden am 26. Februar bekannt gegeben.
Modelle werden gestrichen
Vor diesem Hintergrund verlor die Stellantis-Aktie am Freitag zeitweise rund 28 Prozent und erreichte damit den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren, sofern die Vorgängerunternehmen Peugeot-Citroën und Fiat-Chrysler für diese Berechnung zugrunde gelegt werden. Schon am Vortag hatte die Stellantis-Aktie fast sechs Prozent eingebüßt. Der italienisch-französische Konzern muss vor allem in den Vereinigten Staaten Werte abschreiben. Infolge der von Donald Trump gestrichenen Elektroautoförderung und wegen geänderter Abgasrichtlinien stellt der europäische Konzern dort Modelle ein und bilanziert Plattformen mit geringerem Wert.
Dabei geht es auch um künftige Belastungen: Von den knapp 14,7 Milliarden Euro an Belastungen in den Vereinigten Staaten entfallen 5,8 Milliarden Euro auf Barzahlungen in den nächsten vier Jahren. Diese gehen wegen der Neuausrichtung des Produktportfolios vor allem an Zulieferer und an Vertragspartner. Weltweit belaufen sich diese Barzahlungen auf 6,5 Milliarden Euro. Dafür muss das Unternehmen über Hybridanleihen bis zu fünf Milliarden Euro an zusätzlichen Schulden aufnehmen. Diese helfen, eine „industriell verfügbare“ Nettoliquidität von 46 Milliarden Euro zum Jahresende zu sichern.
Zu den geplanten Modellen, die gestrichen werden, gehört nach Angaben von Stellantis etwa der elektrische Pick-up-Truck Ram 1500. Zudem stellt der Konzern von Plug-in-Hybridfahrzeugen auf Hybridautos ohne Steckdosenladung um. So sollen die Modelle Jeep Wrangler (PHEV), Jeep Grand Cherokee und der Chrysler Pacifica Hybrid auslaufen. Neben den „Vollhybriden“ will Stellantis auch auf Konzepte setzen, die Elektroautos mit einem Verbrennermotor mehr Reichweite verschaffen.
Die Kehrtwende in der Modellpolitik will der Konzern mit einer umfangreichen Reform der Produktion und des Qualitätsmanagements begleiten. Dazu sollen vor allem in Nordamerika über 2000 Ingenieure eingestellt werden. Regionale Teams würden künftig mehr Entscheidungen treffen, damit die Kunden besser zufriedengestellt werden, heißt es.
Die geplanten Investitionen werden vor allem den Vereinigten Staaten zukommen; sie würden dort den höchsten Stand in der amerikanischen Geschichte des Konzerns erreichen. 13 Milliarden Dollar will Stellantis in den kommenden vier Jahren in den Vereinigten Staaten investieren. Fünf neue Modelle sollen dort eingeführt und 5000 neue Stellen geschaffen werden. Als ein Hoffnungssignal wertet Stellantis die jüngsten Absatzzahlen: Im vierten Quartal stiegen die Verkäufe in Nordamerika um 43 Prozent. In Europa dagegen verzeichnete der Konzern einen Rückgang um vier Prozent.
Stellantis erzielt rund 40 Prozent seines Umsatzes in Nordamerika, vor allem in den Vereinigten Staaten. Gut gelaufen seien in Europa die Modelle Citroën C3, C3 Aircross, Opel Frontera und Fiat Grande Panda. Bergab ging es dagegen vor allem bei Peugeot. Opel teilte am Freitag mit, dass die Ankündigungen von Stellantis „abgesehen von den genannten Änderungen der Modellpläne keine Auswirkungen auf die Marken und auf unsere Werke“ hätten.