Krimi aus Bari: Ein Anwalt in Therapie
Avvocato Guerrieri hat ein Problem. „Was mich am meisten verstört, ist die Art, wie ich mich an Dinge erinnere“, erzählt er seinem Psychologen. Ein vages Gefühl der Unwirklichkeit stelle sich bei ihm ein, wenn er sich Erinnerungen vor Augen führen will. Sein Therapeut Carnelutti erklärt ihm, wie das zustande kommt: „Rufen wir uns ein Ereignis ins Gedächtnis, strukturieren wir es mental um, will sagen, wir bauen die Informationen mental zu einer schlüssigen Geschichte um, und sei es nur für uns selbst.“
Eigentlich ist dieser Anwalt, der in Bari als Strafverteidiger sein Geld verdient, nicht der Typ, der sich professionelle Hilfe holt. Selbst nachdem die letzte Frau, die er liebte, ihn wegen einer anderen verlassen hat, meint er, sein Leben noch gut im Griff zu haben. Als ihn aber die Abschiedsmail einer krebskranken Jugendfreundin erreicht, brechen alle Dämme. Er schluchzt haltlos in seinem Büro und kann nachts nicht mehr schlafen. Auf Empfehlung eines Freundes landet er dann also in der Therapie, wo er über verschüttete Erinnerungen, Trauer und zu oft heruntergeschluckte Wut nachdenkt.
Die Grundstrukturen häuslicher Gewalt
Der italienische Autor Gianrico Carofiglio spinnt damit elegant das Thema seines neuen Kriminalromans „Der Horizont der Nacht“ zum doppelten Erzählfaden. Denn das Erinnern ist auch zentral in dem Fall, den Guerrieri als Anwalt betreut: Elvira Castell, gestandene Geschäftsfrau, hat den Lebensgefährten ihrer toten Zwillingsschwester erschossen. Der Mann sei verantwortlich für den Selbstmord der Schwester gewesen, sagt Castell dem Anwalt. An den Besuch in der Wohnung, den Streit, die Tat an sich könne sie sich aber nicht mehr erinnern.

Guerrieri rät ihr, auf Notwehr zu plädieren und sich auf das Schweigerecht zu berufen. Ein Privatermittler schafft für den Anwalt Beweise heran, dass der Tote tatsächlich ein übler Typ war. Subtil zeichnet Carofiglio in der Erzählung des Ermittlers die Grundstrukturen häuslicher Gewalt: „Nach einigen Monaten des Zusammenlebens verändert sich der Mann. Zuerst ist er nicht mehr ganz so nett; dann fängt er an, übergriffig und gewalttätig zu werden, anfangs nur verbal, dann auch physisch. Schließlich läuft die Situation vollends aus dem Ruder und das Leben wird zur Hölle.“
Obwohl alle Fakten seine Verteidigungslinie untermauern, stürzt der Anwalt immer tiefer in eine Sinnkrise. Wie sehr traut er der Geschichte vom Gedächtnisverlust seiner Mandantin? Relativiert die Kenntnis des Charakters ihres Opfers denn die Schuld der Frau? Kann er sie so überhaupt vertreten?
Eine der großen Stärken Carofiglios ist es, Gerichtsszenen spannend zu beschreiben. Als ehemaliger Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt, der zunächst Sachbücher über Verhörtechniken und Aussagepsychologie verfasste, kennt der Vierundsechzigjährige die Justizabläufe genau, hat aber auch das Talent, sie zu einer schlüssigen Geschichte zu strukturieren. Seinen Anwalt Guerrieri lässt er dafür wie schon in den anderen Bänden dieser Krimireihe wieder als Ich-Erzähler auftreten. Die Szenen im Gerichtssaal erfährt man damit gefiltert durch die Brille des Verteidigers, der beispielsweise in Gedanken sofort die Fragen und das Verhalten des Staatsanwalts kommentiert.
Etwa, wenn dieser das Kreuzverhör eines Zeugen ablehnt: „Davon abgesehen, dass er mir nicht sympathisch war, musste ich zugeben, dass Consoli einen klugen Schachzug vollführt hatte; er beherrschte seine Zunft.“ Ein Gerichtsverfahren soll der Wahrheitsfindung dienen; Carofiglio skizziert es als psychologisches Duell, bei dem kluges und geschicktes Verhalten mehr wert ist als reine Fakten. Mit der Leserschaft geht Guerrieri sehr viel ehrlicher um als mit seinem eigenen Therapeuten: „Ich überlegte einen Moment. Nein, falsch, ich schindete Zeit. Denn ich kannte die Antwort, und sie war mir peinlich. Ich schämte mich. Ich sagte mir, dass es absurd war, sich vor einem Psychoanalytiker zu schämen.“ So gelingt Carofiglio eine wohltuende Abwechslung zum gängigen Männertypus der Kriminalliteratur – ein Mann, der sich seinen Abgründen stellt. Und der dennoch seinen Job macht.
Gianrico Carofiglio: „Der Horizont der Nacht.“ Roman. Aus dem Italienischen von Verena von Kosskul. Folio Verlag, Wien/Bozen 2026. 272 S., geb., 25,– €.
Source: faz.net