Kriegsgefangene in Russland: „Man hat versucht, aus Menschen Tiere zu zeugen“

Viele seiner Freunde hätten in russischer Kriegsgefangenschaft versucht sich umzubringen, sagt Huan Leyva-García. Die tägliche Folter und die ständigen Demütigungen durch die Wachen seien kaum auszuhalten gewesen. Der 28 Jahre alte Ukrainer, der einen kubanischen Vater hat, war als Student gerade in den USA, als Russland sein Land vor vier Jahren endgültig überfiel. Der Marinesoldat entschied sich, seine Heimatstadt Mariupol zu verteidigen. Er geriet dort in Gefangenschaft, war mehr als drei Jahre lang in verschiedenen russischen Haftanstalten inhaftiert. Im Juni 2025 kam er frei.

Zusammen mit zwei anderen ehemaligen Kriegsgefangenen aus der Ukraine ist Leyva-García nach Deutschland gekommen, um, wie an diesem Mittag im Sächsischen Landtag in Dresden, von seinem Schicksal zu berichten. Im ersten Gefangenenlager im Gebiet Luhansk habe der russische Kommandant gleich zur Begrüßung gesagt: „Vergessen Sie die Genfer Konvention über Kriegsgefangene, die existiert hier nicht.“ In diesem Lager sei die Folter aber noch erträglich gewesen, man habe noch genug zu essen bekommen, sagt Leyva-García.

Elektroschocks beim Baden

Die letzten beiden Jahre seiner Gefangenschaft seien ganz anders gewesen. Kälte und Hunger seien systematisch als Waffe eingesetzt worden. Das Essen sei verrottet gewesen, oder man habe den Gefangenen mit Vorsatz zu wenig Zeit zum Essen gegeben. „Man hat versucht, aus Menschen Tiere zu machen, manche Gefangene wurden verrückt wegen des Hungers.“

Die Gefangenen hätten zudem stundenlang regungslos in überfüllten Zellen stehen müssen; wer sich bewegte, wurde von den Aufsehern herausgeholt und gefoltert. Beim Bad, für das einmal in der Woche 30 Sekunden Zeit gewesen seien, hätten die Wärter die Gefangenen mit Elektro-Tasern gefoltert, „just for fun“, sagt Leyva-García, der wie die anderen Englisch spricht. Es sei stets darum gegangen, die Gefangenen mental und physisch zu zerstören.

Auf einer Pressekonferenz in Dresden: der CDU-Europaabgeordnete Oliver Schenk (von links nach rechts), die ehemaligen Kriegsgefangenen Ruslan Odaiskyi, Huan Leyva-García, Petro Holoveshko vom ukrainischen Koordinierungsstab für Kriegsgefangene sowie Gennadiy Kharchenko
Auf einer Pressekonferenz in Dresden: der CDU-Europaabgeordnete Oliver Schenk (von links nach rechts), die ehemaligen Kriegsgefangenen Ruslan Odaiskyi, Huan Leyva-García, Petro Holoveshko vom ukrainischen Koordinierungsstab für Kriegsgefangene sowie Gennadiy Kharchenkodpa

Auch Gennadiy Kharchenko berichtet von seiner Zeit in Haft. Der großgewachsene 53 Jahre alter Artillerist mit grauem Bart, ausgebildeter Historiker, Übersetzer und früher professioneller Handballspieler, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Free Azov“, das einen Totenkopf hinter Gittern zeigt. Er kämpfte 2022 im Asow-Bataillon, war in Mariupol an der Verteidigung des Asow-Stahlwerks beteiligt, geriet dann in Gefangenschaft.

Im Gefängnis von Oleniwka im Gebiet Donezk überlebte er am 29. Juli 2022 die Explosionen, bei denen mindestens 50 ukrainische Kriegsgefangene getötet und mehr als 150 verletzt wurden. Eine Untersuchung des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte kam zu dem Schluss, dass die Explosionen in den Gefangenenbaracken nicht durch ukrainische HIMARS-Raketen verursacht wurden, wie Moskau behauptete, sondern durch Granaten, die von russisch kontrolliertem Gebiet abgefeuert worden waren.

„Es war ein Massaker“

„Es war ein Massaker“, sagt Kharchenko. Die Wachen hätten stundenlang keine Ärzte zu den Verwundeten vorgelassen, viele verletzte Kameraden seien dann noch auf dem Weg ins Hospital gestorben. Es sei wichtig, die Wahrheit über die russische Folter zu verbreiten, auch wenn sie schwerer zu glauben sei als die Lügen und die Propaganda der russischen Seite.

„Wir müssen unsere Geschichte erzählen, denn viele unserer Freunde sind immer noch in russischer Gefangenschaft“, sagt Ruslan Odaiskyi, der früher als Schiffskapitän die Meere bereist hat. Der Glaube an Gott und die Gedanken an die Familie zu Hause hätten ihm und den anderen Gefangenen geholfen, die Torturen der Gefangenschaft zu überstehen. Doch die Rückkehr in ein normales Leben ist nach den traumatischen Erfahrungen schwer, viele brauchen medizinische und psychologische Hilfe. „Wenn du so lange ein Niemand warst, ist es schwer, wieder ein Jemand zu werden“, sagt Leyva-García dazu. Er werde nie wieder die gleiche Person sein, die er vor seiner Gefangenschaft war.

Von seiner Familie habe er dreieinhalb Jahre nichts gehört. Erst zu Hause habe er erfahren, dass sie ihm 80 Briefe geschrieben hätten, von denen er keinen bekommen habe. Er und Kharchenko wollen wieder zurück zu ihren Einheiten und weiterkämpfen. „Wir machen das Richtige“, sagt Kharchenko. Es gehe nicht nur um die Ukra­ine, sondern um einen globalen Krieg, den Russland gegen die Demokratie führe. Odaiskyi will in seinen Beruf zurück, „die Sonne auf dem Deck meines Schiffs aufgehen sehen“.

Die Idee, die Kriegsgefangenen in Deutschland von ihrem Schicksal berichten zu lassen, hatte der sächsische CDU-Politiker und Europaabgeordnete Oliver Schenk, der bis 2024 Chef der Staatskanzlei in Dresden war. Als Mitglied der Ukraine-Delegation des Europäischen Parlaments nahm er im Juni vergangenen Jahres an einer kleinen Veranstaltung im Brüsseler Europaparlament teil, als ehemalige Kriegsgefangene aus der Ukraine von ihrer Zeit in Gefangenschaft erzählten. Schenk war erschüttert von den Berichten und beschloss, dass mehr Leute davon erfahren müssten, wie Russland mit den Gefangenen umgeht und was sie dort erdulden mussten. Es geht ihm auch darum, der Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Leiden der Ukraine etwas entgegenzusetzen.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau nahm sich des Projekts an, finanzierte die Reise und organisierte sie zusammen mit dem Koordinationshauptquartier für den Umgang mit Kriegsgefangenen in Kiew. Am Samstagabend wollen die drei Ukrainer bei einer öffentlichen Veranstaltung in der Dresdner Frauenkirche über ihr Schicksal berichten.

Source: faz.net