Kriegsfolgen: Die Lieferketten sind schon instabil
Alle Welt schaut derzeit auf die Märkte für Erdöl und Erdgas. Die Einkäufer in den großen Hightechindustrien schauen noch ein wenig weiter: Mit dem Krieg am Golf werden wichtige Glieder der Rohstoff- und Lieferketten nicht nur schwächer, sie stehen mittlerweile kurz vor dem Zerreißen – und das treibt den Managern in den Beschaffungsabteilungen tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Denn wenn sie nicht liefern können, stehen Tausende Fabriken still.
Im Zuge des Irankriegs sind nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) bislang rund 40 Energieanlagen des Nahen Ostens schwer getroffen worden. Die Schäden gehen nicht nur in die Milliarden. Sie haben auch Störungen zur Folge, die nach einem möglichen Ende des Konflikts noch lange Zeit anhalten dürften. Nach mehr als drei Wochen Krieg sind nach den Worten von IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol schon heute die vom Nahen Osten ausgehenden Versorgungsketten massiv gestört.
Steil steigende Preise
So seien die Preise für Öl, Gas und Kraftstoffe rasant gestiegen. Die Auswirkungen der Krise entsprächen schon jetzt denen der beiden großen Ölkrisen der Siebzigerjahre und der Erdgaskrise nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vor drei Jahren. „Nicht nur Öl und Gas sind betroffen, sondern auch einige der lebenswichtigen Arterien der Weltwirtschaft wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel oder Helium. Ihr Handel ist komplett beeinträchtigt, was schwerwiegende Konsequenzen für die Weltwirtschaft haben wird”, sagte Birol weiter.
So bangen die koreanischen Speicherchipproduzenten Samsung und SK Hynix um dringend benötigte Bromverbindungen für ihre Produktionsprozesse. Die Substanzen kommen bislang aus Israel und Jordanien. Dort aber schlagen derzeit iranische Raketen ein. Die japanischen Anbieter von Fotolacken für die Halbleiterindustrie benötigen unter anderem Naphta, das bislang von Saudi Aramco und Qatar Petroleum kam. Doch auch sie stehen unter Beschuss. Schwefelsäure ist wichtig etwa für das Ätzen von Chipwafern; zwei der großen Schwefellieferanten sitzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Iran.
Hochtechnologiebranchen wie Luft- und Raumfahrt, die Chip-, Solar- oder Medizintechnik richten ihre Blicke vor allem auf Helium. Der Grund: Das Edelgas ist aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften für viele Wirtschaftszweige unabkömmlich. Daher haben es Europäer und Amerikaner auf ihre Listen der strategisch wichtigsten Rohstoffe gesetzt. Asiaten richten sich derzeit darauf ein, in naher Zukunft satte Preisaufschläge zahlen zu müssen.
Helium ist in der Natur nach Wasserstoff zwar das Element, das am häufigsten vorkommt. Doch es ist aufgrund seiner atomaren Struktur nicht leicht zu fassen und sehr flüchtig. Es kann nicht künstlich hergestellt, sondern fast ausschließlich nur als Nebenprodukt bei der Förderung von Erdgas oder Stickstoff aufbereitet werden. Transport und Lagerung sind überaus kompliziert, die Verteil- und Lieferketten hochfragil.
Auf den Märkten für Helium werden im Jahr kaum fünf Milliarden Dollar erlöst. Sie sind nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bislang von langfristigen Partnerschaften und sogenannten Take-or-Pay-Lieferverträgen geprägt. Das aber scheint sich mit dem Irankrieg nun zu ändern. Nachdem der zweitgrößte Heliumlieferant der Welt, Qatar, mit seinen unter iranischen Beschuss geratenen Öl- und Gasanlagen von Ras Laffan massive Ausfälle anzeigte, rückte der Spotmarkt plötzlich ins Blickfeld.

Während der Preis für Brom um ein Drittel und der für Schwefel um die Hälfte stieg, legte der für Helium um rund zwei Drittel zu. Die Marktanalysten von Fitch halten auf absehbare Zeit eine weitere Preisverdopplung für möglich. Denn ein Ende des Krieges am Golf sei noch nicht in Sicht. Darüber hinaus erklärte das Energieministerium von Qatar, eine rasche Behebung der Kriegsschäden an den Förder- und Produktionsanlagen sei momentan nicht möglich.
In Ras Laffan arbeiten drei Heliumanlagen. Sie haben eine Produktionskapazität von 66 Millionen Kubikmetern im Jahr. Das entspricht einem Drittel des Weltbedarfs. Bis 2027 soll eine vierte Anlage mit einer Kapazität von 48 Millionen Kubikmetern dazukommen. Für die darauffolgenden Jahre ist ein fünfter Betrieb mit weiteren 42 Millionen Kubikmetern geplant. Damit würde sich das kleine Land am Golf mit großem Abstand vor den USA zum Weltmarktführer machen, verfügt es doch über ausgesprochen heliumreiche Erdgasfelder, aus denen es das Edelgas durch fraktionierte Destillation relativ einfach gewinnen kann.
Derzeit aber sind nicht nur alle Ausbaupläne auf Eis gelegt. Auch Qatars betriebstüchtige Anlagen mussten nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur bis auf Weiteres alle Arbeiten einstellen. Eine Wiederaufnahme zeichnet sich nicht ab. Auch ist der wichtigste Transportweg, die Straße von Hormus, kaum sicher befahrbar. Dieser Krisenmix hat in vielen Industrien die Alarmsignale aufleuchten lassen.
Unter allen Elementen ist Helium eine ganz besondere Substanz, besitzt sie doch die niedrigsten Schmelz- und Siedepunkte. Unter Normaldruck behält Helium selbst bei minus 273 Grad Celsius seinen gasförmigen Aggregatzustand bei; und das macht es so wertvoll, lässt es sich dadurch doch beim Schweißen als Schutzgas oder beim Kühlen von Kernreaktoren und MRT-Scannern einsetzen. Ohne Helium startet keine Weltraumrakete; ohne Helium wird keine Solarzelle hergestellt und kein Chip produziert.
Die Halbleiterhersteller brauchen daher Helium so dringend wie Öl, Gas oder Silizium. Nach Angaben der Ratingagentur Fitch bezieht Südkorea bislang fast zwei Drittel seines gesamten Heliumbedarfs aus Qatar. Obwohl sich Konzerne wie Samsung oder SK Hynix in den vergangenen Wochen mit genügend Vorräten eingedeckt haben, um ihre Chipfabriken bis zu sechs Monate aus eigenen Lagerbeständen heraus laufen lassen zu können, müssen sie sich nun auch anderweitig umschauen.
Den Chipherstellern in Taiwan geht es ganz ähnlich. Auch sie haben massenhaft Rohstoffe für schwierige Zeiten gebunkert; auch sie dürften noch stabil durch die nächsten Wochen kommen; doch auch sie müssen sich auf den Weltmärkten nach validen Alternativen umsehen. Während sich Festland-China das begehrte Helium für seine Hochtechnologie-Industrien derzeit vor allem aus Russland holt, wollen die Taiwaner verstärkt auf die Vereinigten Staaten setzen.
Japan ist da schon einen Schritt weiter. Dort bezieht der Industriegasekonzern Iwatani Corp., der größte Heliumhändler des Landes, das Edelgas für seine Kunden zu mehr als der Hälfte aus den USA. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vor anderthalb Jahrzehnten hatte die gesamte japanische Industrie auf breiter Front ihre Lieferketten neu geknüpft. Sie versah sie mit doppelten und dreifachen Absicherungen und machte sie resistenter gegen Schocks wie den Golfkrieg.
Vom Haken sind die Japaner damit allerdings nicht. Denn ein knappes Drittel ihres Heliumbedarfs decken sie bislang über Qatar ab. Russland fand sich als drittgrößter Heliumproduzent der Welt nach seinem Überfall auf die Ukraine auf den Sanktionslisten des Westens wieder und fällt als Lieferant weitgehend aus. Die Amerikaner zeigen keine Anzeichen, den Heliumexport zu forcieren. Und Länder wie Algerien produzieren zu wenig, als dass sie in die durch den Krieg aufgerissene Lücke springen könnten.