Kriegsalltag in Saporischschja: „Angst und Panik helfen uns nicht“

Anwohner stehen in der Nähe eines zerstörten Wohnhauses in Saporischschja.

Stand: 06.03.2026 • 14:40 Uhr

Während viele Augen auf den Iran-Krieg gerichtet sind, greift Russland die Ukraine weiter an. Die Sicherheitslage in Saporischschja hat sich zuletzt deutlich verschlechtert. Andauernder Luftalarm ist an der Tagesordnung.

Von Peter Sawicki, ARD Kiew

Saporischschja gegen 14 Uhr. Russische Kampfdrohnen fliegen auf die ukrainische Industriestadt zu. Explosionen sind zu hören – die Flugabwehr schießt die Drohnen ab. Lebensgefahr mitten am Tag.

Nicht alle Drohnen werden abgeschossen. Das bekam vor Kurzem eine Geburtsklinik in der 700.000-Einwohner-Stadt zu spüren, erinnert sich Oberärztin Elena Komarova. „Es war Sonntag zwischen zehn und elf Uhr. Es ging so schnell, wir hatten keine Zeit für Angst. Wir sind in Schutzräume geflohen, zum Glück wurde niemand verletzt. Die Fenster wurden jedoch herausgerissen.“

20 Stunden Luftalarm

Die Geburtsklinik richtet sich nun in einem anderen Krankenhaus ein. Das bisherige Gebäude hat die Klinik verlassen, weil das dortige Viertel besonders stark beschossen wird – neben Drohnen auch durch Raketen und Gleitbomben. Gefährlich sei es aber in ganz Saporischschja, sagt Gynäkologin Komarova. „Manchmal haben wir 20 Stunden oder länger Luftalarm. Aber das zählen wir gar nicht mehr mit. Unsere Patientinnen müssen versorgt werden. Wobei das alles auch fürs Personal belastend ist.“

Auch demographisch wirken sich die Luftangriffe Russlands aus: „Die Geburtenrate ist deutlich gesunken. Selbst in der Westukraine, wohin viele geflohen sind, erreicht die Geburtenrate nicht das Vorkriegsniveau“, so die Ärztin.

Karte der Ukraine und Russlands – hell schraffiert sind von Russland besetzte Gebiete

Symbolik an fast jeder Ecke

Juri Shvets geht über den Gang eines Verwaltungsgebäudes. Er ist im Stadtrat von Saporischschja für soziale Fragen zuständig. An der Wand hängt ein Plakat, darauf steht sinngemäß: „Saporischschja ist nicht zu bezwingen.“ In der Stadt sind an fast jeder Ecke die Nationalfarben Blau-Gelb zu sehen. Kein Zufall, betont Shvets: „In der Tat gibt es in Saporischschja viel ukrainische Symbolik, etwa Flaggen, gerade weil die Front nicht weit weg ist. Unsere Identität muss in jeder Institution und in den Herzen der Menschen verankert sein.“

Man kann das als Botschaft an Russland verstehen, das Saporischschja auch für sich beansprucht. Die demonstrative Symbolik soll die Moral hochhalten.

Bevölkerung gibt sich betont kämpferisch

Zuversicht will auch Juri Shvets ausstrahlen. Von Luftangriffen, sagt er, lasse er sich nicht einschüchtern. Er räumt zwar ein, dass die Front näher herangerückt sei. Derzeit beginnt sie etwa 30 Kilometer weiter südlich. Deshalb gebe es auch immer mehr Binnenflüchtlinge. Doch Shvets bleibt stoisch: „Wir machen unsere Arbeit, Angst und Panik helfen uns nicht. Unsere Hoffnung liegt auf der Armee – dass sie weiterhin Kraft hat, um die Invasoren abzuwehren.“

Zwei solcher Soldaten parken ihr Auto in einer Garage irgendwo in Saporischschja, zum Gespräch geht es aus Sicherheitsgründen in den Keller. Ihor, einer der beiden Soldaten, zeichnet ein differenziertes Lagebild: „Es gibt Entwicklungen zu unseren Gunsten, mehr kann ich dazu nicht sagen. Generell bleibt es an der Front schwierig. Wir sehen aber auch keine ausreichende Zahl russischer Soldaten, um auf Saporischschja vorzurücken.“

Ukraine hofft auf europäische Unterstützung

Doch Ihor räumt ebenso ein, dass Russland weiterhin über mehr Personal verfügt. Die Ukraine verfolge deshalb verstärkt die Strategie, Soldaten möglichst durch Technologie zu ersetzen.

Neben zahlreichen Arten von Drohnen spielen dabei auch Roboter eine immer wichtigere Rolle, ergänzt Kamerad Serhij. „Wir nutzen sie, um Proviant, Funkgeräte und Munition entlang der Front zu transportieren. Aber zunehmend auch, um Verwundete zu evakuieren.“

In diesem Zusammenhang wirbt Ihor um weitere Unterstützung für die Ukraine und Einigkeit unter den Verbündeten: „Europa muss die Kräfte weiter bündeln. Ökonomisch und industriell ist Europa eine Großmacht. Deutschland steht dabei an vorderster Stelle, mit Blick auf sein Ingenieurswesen und die Mentalität.“

Source: tagesschau.de