Krieg im Nahen Osten: Märkte zwischen Kalkül und Unsicherheit

Die Börsen reagieren auf den Krieg im Nahen Osten so, wie sie es in geopolitischen Schockmomenten oft tun: nicht mit dem großen Knall, sondern mit einem flächigen Zittern. Kurse geben nach, Anleihe-Spreads weiten sich aus, Schwankungen nehmen zu. Panik aber sieht anders aus. Das ist nicht Gleichgültigkeit, sondern unter Donald Trump perfektioniertes Kalkül. Solange Eskalationspfade unklar sind, preisen die Märkte Wahrscheinlichkeiten ein, keine Gewissheiten. Auch wenn es manchem zynisch erscheint, suchen Investoren nach dem Kanal, über den aus einem militärischen Ereignis auch ein wirtschaftliches wird. Während die Lufthansa-Aktie wegen der gesperrten Lufträume kräftig unter Druck kam, startete der Rüstungshersteller Rheinmetall mit einem Kurssprung in die neue Börsenwoche.
Nicht jede Krise trifft die Realwirtschaft, aber jeder Zweifel an der Sicherheit von Förderregionen, Pipelines oder Seewegen kann Öl- und Gaspreise treiben. Sie drücken auf Margen, heben Inflationserwartungen und können Notenbanken in eine unangenehme Lage bringen. Eine zusätzliche Gefahr ist die Stimmung. Wenn Unternehmen Investitionen verschieben und Konsumenten vorsichtiger werden, wird aus Nervosität ein Nachfrageproblem. Beides ist bislang eher Risiko als Realität. Deswegen bleibt der Crash vorerst aus.
Für Anleger ist das keine Einladung zur Selbstzufriedenheit, aber auch kein Grund zur Flucht. Wer jetzt kopflos aus dem Markt springt, wettet auf eine schnelle, unkontrollierbare Eskalation. Sinnvoller ist es, Portfolios Stresstests zu unterziehen: Wie stark ist die Abhängigkeit von Energiepreisen? Wie konzentriert sind die Positionen? Wie hoch ist der eigene Liquiditätsbedarf? Auch nachkaufen ist eine Option. Es kann sich auch lohnen, Schwächephasen an den Märkten auszunutzen. So manche Unternehmensbewertung galt in den vergangenen Monaten ohnehin als zu hoch, Korrekturen ziehen Kaufkurse nach sich.
Wer zu Nervenflattern neigt, hält sich in Phasen erhöhter Volatilität an bewährte Strategien: Qualität schlägt Phantasie, Diversifikation schlägt Wette.
Source: faz.net