Krieg gegen die Taliban: Zehntausende Afghanen fliehen vor Angriffen Pakistans
Während die Welt auf Iran schaut, schwelt der militärische Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan weiter. Nach Angaben des Taliban-Regimes hat Pakistan in der Nacht zum Freitag abermals Ziele in der Hauptstadt Kabul und in Kandahar, dem Machtzentrum des Taliban-Führers, angegriffen.
Einem Polizeisprecher zufolge wurden in einem Wohngebiet in Kabul vier Zivilisten getötet und 15 weitere verletzt. Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahed schrieb auf der Plattform X, am Flughafen von Kandahar sei ein Treibstofftank der privaten Fluggesellschaft Kam Air getroffen worden, die auch Flugzeuge der Vereinten Nationen mit Treibstoff versorge.
Zudem seien abermals die Grenzprovinzen Paktia und Paktika beschossen worden. Das afghanische Regime reagierte nach eigenen Angaben mit Drohnenangriffen auf Militäreinrichtungen in der pakistanischen Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa.
Pakistan stellt Machtanspruch offen infrage
Pakistanische Medien berichteten dagegen unter Berufung auf Sicherheitskreise, die Angriffe in Kabul hätten sich gegen eine Militäreinrichtung der Taliban und ein Munitionslager gerichtet. In Kandahar und Paktia seien „Trainingslager von Terroristen“ angegriffen worden.
Hintergrund des bewaffneten Konflikts, der seit dem 26. Februar schwelt, ist der Vorwurf Pakistans, dass die Taliban der Terrorgruppe TTP Rückzugsgebiete für Angriffe auf das Nachbarland gewähren. Die Regierung in Kabul bestreitet das. In der Vergangenheit hatte Pakistan sich damit begnügt, Ziele anzugreifen, die es der TTP zuschrieb.

Seit Ende Februar beschießt das Land auch Militäranlagen des Taliban-Regimes und stellt dessen Machtanspruch offen infrage. So wurde unter anderem die frühere amerikanische Luftwaffenbasis Bagram angegriffen, die die Taliban als Juwel ihres Militärapparats betrachten. Besonders symbolträchtig war auch ein Angriff auf das frühere Haus des Taliban-Gründers Mullah Omar.
Folgen für afghanische Zivilbevölkerung
Pakistans Militärchef Asim Munir hat verkündet, die Militärschläge würden erst eingestellt, wenn Kabul die mutmaßliche Unterstützung für die TTP einstelle. China bemüht sich derzeit, beide Seiten zu Friedensverhandlungen zu bewegen, nachdem ein im Oktober durch Vermittlung der Türkei und Qatars ausgehandelter Waffenstillstand gescheitert war.
Für die Zivilbevölkerung in Afghanistan haben die Kämpfe verheerende Folgen. Nach UN-Angaben wurden allein in den ersten acht Tagen des bewaffneten Konflikts 115.000 Afghanen aus ihren Häusern in den Grenzgebieten vertrieben.
Darunter sind laut dem Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) auch mehr als 25.000 Personen, die im vergangenen August bereits durch ein Erdbeben in der Provinz Kunar obdachlos geworden waren. „Familien, die schon vorher um ihr Überleben gekämpft haben, wurden aus ihren Häusern vertrieben“, sagte der NRC-Landesdirektor Jacopo Caridi am Freitag.
Sie hätten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Gesundheitsversorgung und Schulen. So seien mehrere Gesundheitszentren und Schulen in der Grenzregion wegen des Beschusses geschlossen worden. Das Welternährungsprogramm hat die Lebensmittelverteilung in den umkämpften Gebieten aus Sicherheitsgründen eingestellt. Davon sollen rund 160.000 Menschen betroffen sein.
Die Organisation Save the Children teilte ebenfalls mit, dass sie ihre Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitsprogramme in den von den Kämpfen betroffenen Gebieten aussetzen musste. Bei den Scharmützeln wurden nach UN-Angaben bis zum 6. März 56 Zivilisten in Afghanistan getötet und 129 verletzt, mehrheitlich Frauen und Kinder. Neue Zahlen gibt es nicht.
Darüber hinaus sind afghanische Migranten in Iran besonders vom dortigen Krieg betroffen. Seit Beginn des Krieges sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks täglich 1700 Afghanen in ihr Heimatland zurückgekehrt, um dort Schutz zu finden.
Source: faz.net